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Heft 1 / 2000
Verlust des Raumes
inhalt
Verlust des Raumes
Uwe Schröder
Der Raum im architektonischen Zusammenhang bezeichnet eine Begrifflichkeit, mit der sich nicht mehr eine konkrete Bedeutung und nicht eine Vorstellung verbinden läßt. Somit ist es angebracht, sich zunächst an eine frühe Auffassung des Raumbegriffs zu halten: Aristoteles beschreibt den Raum als den von einer umgebenen Hülle umgrenzten, und damit notwendig endlichen und erfüllten Hohlraum. Die Räume liegen ineinander, der kleinere Raum wird von einem größeren umschlossen. In der Übertragung auf das Weltall mit dem Himmel als äußere Grenze ergibt sich eine umfassende kosmische Ordnung. Die Vorstellung des Raumes ist der Vorstellung der Welt immanent. In seiner Geschlossenheit ist jeder Raum notwendig endlich und durch ihn umgebende Mittel a priori ein Innenraum. In der Ausbildung des Inneren liegt der Keimpunkt der Architektur und der Innenraum bleibt für den größeren Teil der Architekturgeschichte ihr eigentliches Anliegen. Ist unsere Vorstellung des Raumes der Vorstellung der Welt, in der wir leben, immanent? Kann die dialektische Raumvorstellung von Innen und Außen gegenwärtig noch zu baulicher Gestaltung führen und kann von einer Wertigkeit im Raum überhaupt noch gesprochen werden. Diesen Fragen soll die Sammlung der nachfolgenden Texte ohne Anspruch auf Vollständigkeit nachgehen.
Raumgestaltung als Wesen der architektonischen Schöpfung. 1914
August Schmarsow
In dem Wort "Raumgestaltung" ist das schöpferische Prinzip der Architektur als Kunst hervorgekehrt und die Freiheit dieses Schaffens aus dem Urquell der menschlichen Natur heraus sichergestellt. Die räumliche Auseinandersetzung zwischen dem menschlichen Individuum und der umgebenden Körperwelt kann sich nur nach dem Gesetz der dreidimensionalen Anschauungsform vollziehen, oder sie bewährt sich schon in der Entstehung und Ausbildung dieser selbst, das heißt nach der dreifachen Ausdehnung in die Höhe, in die Breite und in die Tiefe. Diese dritte Dimension ist die eigentliche Lebensachse jedes Raumgebildes für das menschliche Individuum, weil sie die Richtungsachse all seiner Ortsbewegung auf dem natürlichen Grunde und all seiner Betätigung mit den natürlichen Werkzeugen seines Leibes ist. Aber die drei Dimensionen haben im menschlichen Raumgebilde nicht den abstrakten Sinn wie in mathematischen Lehrsätzen, sondern sie bleiben stets in fühlbarer Abhängigkeit vom Bau des menschlichen Körpers.
Der Raum. 1921
Herman Sörgel
Der Autor stellt fest, daß es sich in der Architektur immer und überall um eine Beziehung zum künstlerisch gestalteten Raum handelt, daß die Baukunst aus einer räumlichen Vorstellung entsteht und sich beim Betrachter auch wieder an den - meist wenig ausgebildeten - Raumsinn wendet. Wie ein Zeichner oder Maler auf einer Fläche, ein Bildhauer an einem Körper, so betätigt sich der Architekt in einem Raume. Wenn auch nicht jedes bauliche Gebilde einen neuen Raum erzeugt, so muß doch jedes auf den räumlichen Zusammenhang, in welchen es gesetzt wird, Rücksicht nehmen. Wenn man sagen kann, daß die Baukunst eine unter allen Umständen raumerzeugende Kunst ist, so steht doch sicher jede Architektur in engster Beziehung zu einem Raum, sie ist raumgemäße, raummäßige Kunst. Das heißt Raumkunst im gleichen, notwendigen Sinne, wie die Malerei Flächenkunst und die Plastik Körperkunst ist.
Das bauliche Gestalten. 1926
Fritz Schumacher
Die architektonischen und städtebaulichen Planungen von Fritz Schumacher (1869-1947) in Leipzig, Dresden, Köln und Hamburg gehören zu den großen stadtgestalterischen Leistungen des 20. Jahrhunderts. 1926 leitete der auch als Publizist bedeutende Architekt den Band über "Architektonische Komposition" des "Handbuchs der Architektur" (IV. Teil, I. Halbband) mit Kapiteln über das Erfassen und das Entstehen des baulichen Kunstwerks ein. Das Erfassen eines baulichen Körpers verband Schumacher mit einem verstandesmäßigen, einem sinnlichen und einem seelischen Aspekt. Insbesondere der Abschnitt über die sinnlich-räumlichen Wirkungen von Architektur, der hier wiedergegeben ist, schließt an die Erkenntnisse Schmarsows und Sörgels an.
Phänomenologie der Wahrnehmung. 1945
Maurice Merleau-Ponty
Der Philosoph Merleau-Ponty, Vertreter des Existentialismus in Frankreich, prägte den Zentralbegriff der "ambiguité" (Zweideutigkeit, Ungewißheit), und bezeichnet den paradoxen, anti-logischen Charakter des Daseins. In dem vorstehenden Text setzt sich der 1961 verstorbene Denker mit der Phänomenologie der Wahrnehmung auseinander, dem Oben und dem Unten sowie mit dem Raumniveau, den Verankerungsmomenten und dem existientiellen Raum.
Poetik des Raums. 1957
Gaston Bachelard
Bachelard, Naturwissenschaftler, Philosoph und von 1940 bis 1954 Inhaber des Lehrstuhls für Wissenschaftsgeschichte an der Sorbonne, interessierte sich für die einfachen poetischen Bilder, die den Leser eines Gedichtes oder eines Romanes beunruhigen, in ihm Wurzeln schlagen. Seiner Auffassung nach ist das poetische Bild etwas absolut Ursprüngliches, die Einbildungskraft daher eines der tiefsten menschlichen Vermögen. Um diese These zu untermauern, untersuchte Bachelard einfache, zumeist positiv besetzte Bilder des Raumes, die in den Dichtungen aller Sprachen häufig wiederkehren.
Die Räumlichkeit des menschlichen Lebens. 1963
Otto Friedrich Bollnow
Man sagt gewöhnlich, der Mensch befindet sich im Raum. Nach Heidegger bedeutet das "Im-Raum-sein" etwas anderes, als wenn wir von einem Gegenstand sagen, daß er sich in einem Behälter befindet. Der Unterschied liegt darin, daß der Mensch kein Ding inmitten der Dinge ist, sondern ein Subjekt, das sich zu seiner Umwelt verhält und das man insofern durch seine Intentionalität kennzeichnen kann. Der Mensch ist, so er sich zum Raum verhält, selber nichts Innerräumliches, sondern sein Verhältnis zu den Dingen ist durch seine Räumlichkeit gekennzeichnet.
Der architektonische Raum: eine Fiktion. 1989
Christoph Feldtkeller
Der Autor lehnt in seiner programmatisch betitelten Schrift " Der architektonische Raum: eine Fiktion" von 1989 mit einer historischen Argumentationskette den Charakter von Architektur als "Ensemble von Räumen" ab. An diese Stelle setzt er in Anlehnung an Gottfried Semper Architektur als "Gefüge selektiver gradueller Abschirmungen". Dabei richtet sich Feldtkellers Kritik am inkonsequenten Funktionalismus der Moderne insbesondere gegen die "Homogenisierung" von Gebäuden, die er durch das Primat der funktionellen Aspekte der Wand ersetzt sehen möchte. Dabei entstünden, wie das hier in Ausschnitten zitierte letzte Kapitel aus Feldtkellers Schrift nahelegt, "abgeschirmte Areale", die den tradierten architektonischen Ordnungssystemen eine neue Form der baulichen Organisation entegegensetzen.
Visions' Unfolding. 1995
Peter Eisenman
Das elektronische Zeitalter stellt eine große Herausforderung an die Architketur dar, da jetzt die Wirklichkeit durch Medien und Simulation bestimmt wird, der Schein mehr als das Sein gilt - das Sichtbare mehr als das, was ist. Dabei handelt es sich nicht um ein Sehen, wie wir es bisher gewohnt waren, sondern um eine, das nicht mehr zur Interpretation fähig ist. Was wir sehen und wir wir sehen wird durch die Medien radikal uneindeutig. Die Architektur hat sich diesem Problem gesperrt, da sie seit der Einführung der Perspektive im 15. Jahrhundert von der Mechanik des geometrisierten Sehraums beherrscht worden war. Deshalb geht sie davon aus, daß die rationalisierte Raumanschauung für ihren Prozeß vorrangig und ihm in gewisser Weise wesenhaft ist und nicht etwas darstellt, das hinterfragt werden kann. Und gerade dieses traditionelle Verständnis von Raumanschauung wird vom elektronischen Paradigma in Frage gestellt.
Der architektonische Raum: Wohnen, Bauen, Räumen. 1996
Franz Xaver Baier
Das bloße Betrachten führt nach Meinung des Autors nie zu Raum. Vielmehr entsteht Raum erst wenn das betrachtende, distanzierte Subjekt gesprengt und "aufgerissen" wird. Raum als bloße Distanz ist nur die letzte Stufe eines Abstraktionsprozesses. Raum als tragendes Element erschließt sich erst, wenn der Objekt- und Gegenstandscharakter verschwindet. Das bedeutet einen ontologischen Sprung in eine andere Dimension und erfordert eine existentielle Verhaltensänderung. Von der optischen Ebene auf eine emotionale, affektive Ebene, von einer Außensicht zu Innensicht und von einer Außenverfassung zu einer Binnenverfassung. Raum erschließt sich nur als Binnenverfassung. Wenn das Raumerlebnis im Kopf oder im Körper lokalisiert wird, so ist das ein Zeichen dafür, daß noch gar kein Raum ist. Ist man endlich im Raum, dann "sieht" man ihn nicht, sondern steht und hält ihn aus. Von hier aus wird sichtbar, wieviel Raum ein Gebäude tatsächlich erschließt und welche Qualität der Raum hat.
Genetischer Raum. 1998
Karl S. Chu
Der genetische Raum ist synonym mit einem Anzapfen der schöpferischen Logik evolutionärer Systeme, in denen die Möglichkeiten der rekursiven Erzeugung faßbarer Strukturen als Ausdruck mechanistischer Mündlichkeit in vielfältige Variable und Funktionen einfließen. Somit ist der genetische Raum das Zugangs- und Eingangsmodell einer möglichen Welt, welche sich noch im Embryozustand befindet. Eines Tages wird deutlich werden, daß er nur das Präludium zur tiefer schürfenden Possesivlogik des Modalraums bildet, welcher vom jetzt noch nicht offenbarten Willen des Demiurgen geprägt wird. Dabei ist der Demiurg nicht länger der Gott des Weltalls wie bei Platon, sondern der autopioetische Wille, der allen Erscheinungen im Universum zugrundeliegt.
Zusammenfassung: Alice Sárosi
Übersetzung: David Bean
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