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Heft 1 / 2001
Mehrwert Architektur
inhalt
Mehrwert Architektur – Dem 5. Berliner Gespräch zum Geleit
Heinrich Pfeffer
Die von dem ehemaligen Verkehrs- und Bauminister Klimmt gestartete “Initiative für Architektur und Baukultur” läßt die Frage aufkommen, was mit “Baukultur” gemeint sei. Die ägyptischen Pyramiden etwa zeigen – so der BDA-Präsident Heinrich Pfeffer in seinem Eröffnungsvortrag – in der Gestaltqualität, in ihrer technischen Innovation und ihrer Nachhaltigkeit höchstes architektonisches Niveau. Doch angesichts der nicht eben menschenfreundlichen Bauabwicklung ergeben sich Zweifel hinsichtlich dessen, was “Baukultur” meinen könnte. Der Begriff muß mehr beinhalten als nur ein ästhetisches Phänomen und vielmehr die gesamten gestalterischen, ökologischen, ökonomischen und komplexen sozialen Bedingungen ansprechen, unter denen Architektur idealerweise entsteht. Diesen Mehrwert der Architektur zu fördern, betrachtet der BDA als seine vorrangige Aufgabe.
Von der Architektur zur Baukultur
Karl Ganser
Karl Ganser fragt, wie Architektur sich zur Baukultur entwickeln kann. Da Architektur kein für sich bestehendes Phänomen ist, gehören Architektur und Städtebau, Architektur und Landschaftsarchitektur, Architektur und Kunst ebenso zusammen wie Architektur und soziale, ökologische oder geschichtliche Zusammenhänge. Hindernisse auf dem Weg zu einer neuen, von einem “Bauherrn mit Kultur” zu tragenden Baukultur sind die diversen finanziellen und terminlichen Sachzwänge und oftmals auch die persönlichen Ambitionen der Architekten. Baukultur muß man von daher begreifen als einen “Aufruf zur Integration, zur Verpflichtung, einen gemeinsamen Weg im Interesse von Qualität zu gehen und dieser Qualitätsverpflichtung die anderen Ziele unterzuordnen”. Besondere, bisher schlecht beackerte Betätigungsfelder der neuen Baukultur werden der öffentliche Raum, dann auch der Gewerbebau und der Bürobau sein. Als neue Betätigungsfelder gilt es das solare Bauen und Indoor-Welten zu erschließen. Ein kleines, aktionsorientiertes Zentrum sollte die Kommunikation organisieren, den Dialog ermöglichen und so die nötige Aufmerksamkeit erzeugen.
Ein ambitioniertes Programm
Ian Ritchie
Nach vierzig Jahren stellt sich die britische Regierung mit der Commission für Architecture and the Built Environment (CABE) den Herausforderungen von Architektur und Städtebau. Der 1999 ins Leben gerufene, von der Regierung finanzierte, in der Sache aber unabhängige “Rat für Gestaltungsqualität” strebt in allen Bereichen der gebauten Umwelt, der Architektur und Freiräume Verbesserungen an. Er möchte die Regierung, die Gemeinden und Privatleute für Architektur begeistern und dazu befähigen, Architektur als zentralen Aspekt der nationalen Kultur zu betrachten. Der von 15 Kommissaren aus unterschiedlichen Bereichen gebildete Rat will Entwurfs- und Bauprozesse begleiten, Empfehlungen aussprechen für die Ausschreibung oder die Wahl der Architekten und dabei wirtschaftliche und gestalterische Interessen zum Ausgleich bringen. Er lobt Preise aus, richtet Architekturzentren ein, macht Ausstellungen, sorgt für die Anpassung von Richtlinien, verleiht der Erziehungspolitik neue Impulse oder gibt einschlägige Studien in Auftrag.
Initiativen zur Architekturpolitik in Europa
Achim Großmann
Achim Großmann stellt in seinem Beitrag die “Initiative Architektur und Baukultur” als Baustein einer europäischen Architekturpolitik vor. Die Initiative will durch gezielte Aktionen den Dialog über Architektur und Baukultur neu anstoßen und ihn auf breiter Ebene gesellschaftlich verankern. Ziel ist es, bereits geführte Diskussionen vor dem Hintergrund neuer Technologien und neuer städtebaulicher Herausforderungen zu bündeln, Innovationen zu fördern sowie Berufsbilder und Handlungsabläufe anzupassen und zu verbessern. Wenn auch von einem Ministerium in Gang gesetzt, ist die Initiative kein “zentralistischer Ansatz von oben”. Sie wird vielmehr von Verbänden und Stiftungen getragen, verzichtet auf enge Vorgaben und versucht alle Verantwortlichen – Architekten und Ingenieure, Bauschaffende und Stadtplaner, Planer und Investoren, Private und Behörden – zum Dialog, dem Hauptanliegen der Initiative, zu versammeln.
Mehr Öffentlichkeit für Architektur –
Die Niederlande und Deutschland im Vergleich
Kristin Feireiss
Der Umgang der Niederlanden mit Architektur ist vorbildlich, die Begeisterung für Architektur ist groß. Das Land verfügt über das weltweit größte Architekturinstitut beziehungsweise -museum, das sich seit einigen Jahren auch durch ein pädagogisches Rahmenprogramm für Kinder und Jugendliche auszeichnet. Auch die Regierung beteiligt sich mit ihren in Zusammenarbeit mit der Organisation “architectuur platform” im Abstand von vier Jahren verabschiedeten Notas an der Entwicklung von Architektur und Kultur. Darin werden etwa der Umgang mit Freiraum oder die Frage der Mobilität diskutiert oder auch einfach konstatiert, daß Architektur alle angeht. Für die Niederlande charakteristisch ist auch die Institutionalisierung dieser besonderen Architekturpflege – etwa durch das Amt des Reichsbaumeisters, durch kommunale welstandcommissies und lokale Architekturzentren oder durch das zentrale “Architekturlokal” in Amsterdam. Sie alle tragen dazu bei, daß die Architektur in den NiederlandenTeil der nationalen Identität ist.
Architektur und Baukultur als Motor für regionale Entwicklung:
Beispiel Nürnberg
Volker Staab
Der Berliner Architekt Volker Staab erörtert Probleme des Umgangs mit baulichen Kontexten. Ausgang des Nürnberger Dilemmas ist die Entscheidung, die Stadt nach dem Krieg wiederaufzubauen und sie hinsichtlich Volumen und Parzellierung einfach wiederherzustellen. Der Gedanke der Rekonstruktion spielte dabei eine Rolle, vor allem aber der Umstand, daß man schnell und kostengünstig bewohnbare Häuser brauchte. Die Entscheidung der Rekonstruktion führte dazu, daß die Stadt ziemlich leblos wirkt. Zum andern aber bewahrte man damit die Stadt vor der Beliebigkeit der Architektur der 50er und 60er Jahre und sicherte Nürnberg die Identität. Neubauten wie das Neue Museum müssen vor einem solchen Hintergrund ein Spagat machen, sich nämlich einerseits ihrer Umgebung anpassen und andererseits ihre der Entstehungszeit verpflichtete Eigenheit bewahren.
Vorarlberg hat es besser
Dietmar Eberle
Vorarlberg ist bekannt für seine engagierte Architektur, die dem österreichischen Bundesland auch einen regelrechten Architekturtourismus beschert. Im wesentlichen verdankt sich diese Blüte drei Faktoren. Das ist einerseits der heutige Reichtum Vorarlbergs. Andererseits führte die Flaute der Baukonjunktur zu Ende der 70er Jahre dazu, daß junge arbeitslose Architekten begannen, über ihr Tun grundsätzlich nachzudenken. Ein weiterer Grund ist die seit etwa zwanzig Jahre bestehende Bereitschaft der Vorarlberger, auf breiter gesellschaftlicher Ebene über Architektur zu diskutieren. Gerade auch vor dem Hintergrund der früheren Armut Vorarlbergs, begann man hier Architektur nicht mehr akademisch zu betreiben, sondern sie – bei einem optimalen Verhältnis von Aufwand und Qualität – den tatsächlichen Bedürfnissen der Bauherren anzupassen. Immer mehr private, wirtschaftliche, kirchliche und öffentliche Auftraggeber wandten sich an die jungen Architekten und machten Architektur in Vorarlberg zu einem Wirtschafts- und Exportfaktor.
Die finnische Architekturpolitik – Eine Erfolgsstory
Vesa Peltonen
Der Architekt Vesa Peltonen berichtet über die finnische Architekturpolitik, die sich die Förderung guter Architektur und den Schutz der Umwelt zum Ziel gesetzt hat. Bei der Architekturstrategie, deren Konzept sich diversen Initiativen von UIA und dem Architect’s Council of Europe (ACE) verdankt, setzte das finnische Kultusministerium einen Architekturausschuß ein, der konkrete Vorschläge erarbeitete. Eine Kommission legte sodann ein 24 Punkte umfassendes politisches Architekturprogramm vor, das dem finnischen Ministerrat vorgelegt wurde und den Rang einer Regierungsverfügung hat. Seit 1998 wacht eine Kommission über die Umsetzung dieser Architekturpolitik, deren dringendsten Maßnahmen im Jahr 2001 umgesetzt werden sollen. Bei der “Gebäudebeschaffung” hat die Regierung Vorbildfunktion. Ein Landkreisarchitekten-Programm soll vor allem den vielen kleinen finnischen Landgemeinden helfen, eigene Planungsämter zu unterhalten. Die Zahl der regional tätigen Architekten hat sich seit Verabschiedung dieses Programms, das auch das Selbstbewußtsein der finnischen Architekten stärkt, verdreifacht. Zu den Schwerpunkten zählen auch die Erhaltung und Aufwertung des nationalen architektonischen Kulturerbes. Halten sich viele Kommunen und die finnische Akademie in Architektur-Fragen bedeckt, so fallen doch die Aktivitäten der Architekturschulen und Architektur-Initiativen ins Gewicht.
Architektur und Öffentlichkeit
Gerd Dieter Liedtke
Der Journalist Gerd Dieter Liedtke berichtet von den Anfängen der in Nürnberg angesiedelten Initiative “BauLust”. Vor dem Hintergrund der Debatte um Helmut Jahns unstrittenen Augustinerhof-Projekt entstand in Nürnberg die Idee, der Architektur – als Mutter der Künste – stärker ins öffentliche Bewußtsein zu rücken und sie zum Ergebnis eines komplexen, Bauherren und Architekten, Baubehörden und Bauschaffende und die Öffentlichkeit einbeziehenden Kommunikationsprozesses zu machen. BauLust basiert auf einer breit angelegten Kooperation von Fachleuten, umfaßt Beratungsstellen, Bildungseinrichtungen und erstellt Programme mit Vorträgen, Seminaren und Ausstellungen. Ist die Idee einer Art Bauakademie mit eigenen Räumen gescheitert, so zeichnet der Verein aber doch – alleine oder in Vernetzung mit anderen Institutionen – für Ausstellungen und Veranstaltungen verantwortlich und schafft so – wie etwa im Fall des Nürnberger Neuen Museums – der modernen Architektur einen Ort im öffentlichen Bewußtsein.
Zusammenfassung: Martin Seidel und Alice Sárosi
Übersetzung: David Bean
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