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Heft 10 / 2000
Instant Architecture
inhalt
Orte und Nicht-Orte
Marc Augè
In der heutigen Welt der „Übermoderne“ überschneiden und durchdringen sich Orte und Räume, Orte und Nicht-Orte. Vor dem Hintergrund der Feststellung, daß ein immer größer werdender Teil der Menschheit zumindest zeitweise außerhalb territorialer Bindungen lebt, definiert Marc Augè aus anthropologischer Sicht den Nicht-Ort als existentes, keinerlei organische Gesellschaft beherrschendes „Gegenteil der Utopie“, während das „Imperium“ niemals ein Nicht-Ort sein könne. Da der Mensch in Kategorien des Ortes denkt, könnte eine Rückkehr zum Nationalismus über die Rückkehr zur Lokalisierung erfolgen.
Ein exorbitantes Habitat
Paul Virilio
Die weltweite Globalisierung mit dem Ende des ideologischen Kollektivismus und dem Aufkommen des Massenindividualismus führte vor etwa zehn Jahren zu Fragen „der Besiedlung, des Wohnens und der Behausung der Körper“. Heute befinden sich die „metastabile“ Menschheit in der Ära des „Bei-sich-habens“, wo die Begriffe Nomadentum und Seßhaftigkeit eine neue Bedeutung erlangen. Die Seßhaften definiert Virilio als „diejenigen, die morgen überall zu Hause sein werden“, und Nomaden als „diejenigen, die nirgendwo zu Hause sein werden, die ohne Arbeit, ohne Wohnung und ohne soziale Bindungen sind“.
Absalons Einzeller
Harald Uhr
Der israelische Künstler Meir Eshel (1964-1993), der sich Absalon nannte, schuf vier bis neun Quadratmeter große, mit notwendigstem Mobilar ausgestattete Zellen. Der Autor leitet die existentiell verdichtenden Häuser-Konstruktionen, von denen zwei (für Paris und Zürich) realisiert wurden, von Minimalismus, Bauhaus und besonders von Le Corbusiers Architektur- und Weltverständnis her. Von Absalon als Ruhezonen ausgewiesen, die sich der Gesellschaft und ästhetischen Standards entgegenstellen, dienen die autonomen Wohnskulpturen der Selbsterkundung.
Himmelb(l)aus Bubbles
Frank Werner
Der Autor setzt sich mit den frühen Aktivitäten von Coop Himmelb(l)au auseinander, wie sie sich paradigmatisch in der Villa Rosa niederschlugen, die in dem versuchten Nebeneinander von Entgrenzung und Einkapselung, von Intro -und Extrovertiertheit nicht ganz widerspruchsfrei war. Hinter Coop Himmelb(l)aus pneumatischen und mobilen Raumeinheiten, den Visualisierungen von Herzschlägen, mimischen und Körperbewegungen stand die Absicht, die spätkapitalistische Gesellschaft durch radikal neuen Städtebau und radikal neue Architektur von Grund auf zu verändern und für künftige Gesellschaften lebenswerter zu machen. Bemerkenswert bleibt der frühe Zeitpunkt, zu dem Coop Himmelb(l)au mit ihren interaktiven medialen Experimenten in Erscheinung trat.
Lose Fäden
Peter Cook
Peter Cook, Gründungsmitglied der Gruppe Archigram und Redakteur der gleichnamigen Zeitschrift, beklagt in dem Text, der 1968 als Leitartikel von Archigram 8 entstand, daß die Architektur nicht auf die Erweiterung menschlicher Erfahrung reagiert. Die Architekten müßten sich fragen, ob ihre „Häuser der Emanzipation der Menschen, die darin leben“ dienen, oder ob sie nicht vielmehr „die Lebensauffassung des Architekten abbilden“. Man müsse die Häuser wie Konsumartikel ansehen, und den Menschen die Möglichkeit einer freien Auswahl geben. Verhängnisvollerweise versteht sich Architektur als „abgetrenntes Wertesystem“, anstatt auf die wirklichen menschlichen Wünsche und Bedürfnisse dann einzugehen, „wenn sie sich wirklich einstellen“.
Panton's All-Tag
Walter Schoeller
Der Autor läßt das Werk des dänischen (Innen-)Architekt und autodidaktische Designer Verner Panton (1926-1998) Revue passieren: den Panton-Chair, die „Moon“-Lampe, Pantons Rauminstallationen auf einem Schiff oder die synthetischen Wohnlandschaften, die die heutigen biomorphen Gebilde aus den Computern vorwegnehmen. Kennzeichen von Pantons bunter traumartiger Kunststoffwelt ist die Entgrenzung: Die einzelnen Möbelstücke, das Material, die Form und die Farbe verschmelzen bei Panton zu einem einzigen Raumerlebnis und sind längst in den virtuellen heutigen Handelswelten aufgegangen.
Structures Gonflables
Jean Aubert
Vor dem Hintergrund der desolaten Situation der französischen Architektur und des Städtebaus in den sechziger Jahren begann Jean Aubert gemeinsam mit Antoine Stinco und Jean-Paul Jungmann an aufblasbaren Strukturen von Möbeln und Wohnungen zu arbeiten. Bei einem Wettbewerb, der Entwürfe für vorgefertigte Wohnungen bringen sollte, entwickelte sich bei den Architekten die Abneigung gegen die Prinzipien der Vorfertigung, gegen die Rahmenbedingungen des Wohnens und gegen die monotone Wiederholung endlos kombinierbarer Formen. Sie wurden zu „Stereotomisten aufblasbarer Bauwerke“, erforschten unter dem Eindruck neuer ziviler und militärischer Entwicklungen die Haltbarkeit der Kunststoffe und loteten als Architekten die technischen Grenzen der Konstruktionen aus. Ihre in der Ausstellung „Structures gonflables“ präsentierten Ideen zu Mobilität, Bewegung und Energie, die dann auch von der gemeinsam mit Philosophen, Schriftstellern und einem Landschaftsarchitekten gebildeten Gruppe „Utopie“ getragen wurden, beruhten – wie der Autor feststellt – keineswegs auf einer gedanklichen Gemeinschaft mit der Studentenbewegung.
Frassanito’s Dreams
John Zukowsky
John Frassanito (Jahrgang 1941) ist einer der führenden Weltraum-Designer der NASA. Nach einem Kunststudium war Frassanito im Büro von Raymond Loewy am Design der Innenarchitektur der 1973 in Betrieb genommenen Raumstation Skylab beteiligt. 1983 verlegte er seine Designtätigkeit in das Johnsons Space Center in Houston und war als externer Mitarbeiter an der weiteren Entwicklung modular aufgebauter Weltraumstationen beteiligt, wobei er sein Konzept nicht immer durchsetzte. Die nach dem Kalten Krieg eingerichtete „International Space Station“ (ISS) bediente sich der Vorteile seines modularen Konstruktionsprinzips. Außerdem hat Frassanitos Büro Konzepte für künftige bemannte Expeditionen zum Mond, zum Mars und zu anderen Sternensystemen entwickelt.
Neue Wohnformen Ragnitz
Karin Wilhelm
Die Autorin beschreibt das Projekt „Neue Wohnformen Ragnitz“, das die junge österreichische Planungsgruppe Günther Domenig und Eilfried Huth von 1965 bis 1969 zum städtebaulichen Wettbewerb der „Association de Grand Prix International d’Urbanisme“ (1969) einreichte. Die Österreicher bediente sich der technoiden Megastrukturen, wie sie auch die ebenfalls zum Wettbewerb eingereichten Rauimstadtmodelle eines Yona Friedman oder die „Plug-in-city“ von Archigram lieferten. Ihr Projekt propagierte – trotz des Gedankens an die Bevölkerungsexplosion, gemäß dem österreichischen Umfeld – aber eine Wohnform zwischen zukunftsorientierter Mobilität und traditioneller Seßhaftigkeit. Es verband in seinen Strukturen die Wohnform des Einfamilienhauses mit städtisch-öffentlichen Einrichtungen und Funktionen, mit unterirdischem Verkehr und künstlichen Gassen in den Obergeschossen.
Zittel’s Home
Olaf Bartels
Andrea Zittels kompakte Objekte wie die „Comfort Units“ vereinen auf engstem Raum, was man zum Leben und Arbeiten braucht. Im Unterschied zu den Einrichtungen oder Wohnungen für das Existenzminimum aus den zwanziger und dreißiger Jahren, liegen Zittels Konzepten keine pragmatischen oder funktionalistischen Zwänge zugrunde. Es geht vielmehr darum, in jeder Lebenslage und jedem Lebensort die persönliche Identität zu wahren, um individuelle Abgrenzung und um den Schutz vor dem „Zugriff der Gemeinschaft“.
Experimentelle Architektur in Österreich
Dietmar Steiner
In den zurückliegenden zwanzig Jahren leistete Österreich einen Beitrag zur modernen experimentellen Architektur, der das Ausland von einem „österreichischen Phänomen“ (Peter Cook) sprechen ließ. Dieses Phänomen, hinter dem sich allerdings keine einheitliche stilistische Entwicklung verbirgt, klingt nun allmählich ab. Die Grundlagen und Ursprünge der österreichischen Architektur, die die Grenzsituation ihrer kulturellen Eigenart schon immer ausländischen Einflüssen verdankt, sind höchst vielfältig und verzweigt. Als durchgängiges Prinzip konstatiert der Autor jedoch die Auseinandersetzung mit dem „Kulturballast, der Kampf mit der Staatskunst“.
Das Bild des Veränderlichen -
Zur Konzeption von Leichtbaukonstruktionen
Werner Sobeck und Benno Bauer
Die konsequente Anwendung von Leichtbauprinzipien führt dazu, daß statisch-konstruktive Überlegungen im Entwurfsprozeß dominieren. Für die Ebene formaler Überlegungen bedeutet dies die Präferenz typischer Tragsysteme des Strukturleichtbaus, wie das hängende Seil, die Seilschar, das mechanisch vorgespannte Seilnetz, die mechanisch vorgespannte Membran, pneumatisch vorgespannte Membrankonstruktionen als Über- oder Unterdruckpneu, den Bogen, der der Stützlinie folgt, die Bogenschar, die Gitterschale, die Schale sowie im indifferenten Gleichgewicht befindliche oder kinematische Konstruktionen. Am Institut für Leichte Flächentragwerke der Universität Stuttgart wird derzeit untersucht, inwieweit mit Hilfe aktiver Kraftsteuerung oder aktiver Steifigkeitsteuerung der Kraftfluß in Tragwerken beeinflußt werden kann.
Zusammenfassung: Alice Sárosi und Martin Seidel
Übersetzung: David Bean
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