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Heft 10 / 2001
Komm! Ins Offene
inhalt
Komm! Ins Offene
Iris Reuther
Die Autorin fragt in ihrem Einleitungsbeitrag nach der "angemessenen und vernünftigen Art, Städte weiter zu entwickeln und Häuser für zukünftige Nutzer einzurichten oder zu bauen." Um einen Ort zu verstehen und adäquat entwickeln zu können, bedarf es neuer Typologien und Parameter, die über räumliche und gestalterische Kriterien hinausgreifen und soziale und kulturelle Komponenten bedenken. Das Poetische und Emotionale in Stadtplanung und Architektur meint dabei so viel wie "Offenheit" von Prozessen und verdankt sich "pluralistischen Atmosphären", "poetischen Orte", "Stadterzählungen" oder "Sehnsuchtsräumen", die sich etwa in und zwischen den Häusern auftun.
Aus dem Geschlossenen ins Offene
Carl Fingerhuth
Der Autor beklagt, daß in der Praxis des Städtebaus die allgemein vorhandenen Ahnungen von "komplexeren und größeren Welten" nicht wirklich zum Zuge kommen. Der Polarität allen Seins müsse im Städtebau ein Spiel von Kontinuität und Wechsel entsprechen. Das "Bewußtsein jenseits der Moderne" verlange die Versöhnung globaler und regionaler Kräfte. Auf dem Weg vom Geschlossenen ins Offene wichtig sind die Reintregration von Emotionalität, wie sie etwa von Herzog & de Meuron in Basel verwirklicht wurde, und auch das Selbstverständnis des Menschen als spirituelles Wesen müsse in städtebauliche Planungsprozesse Eingang finden.
Zur Konjunktur von Romantik
Marlene Zlonicky
In einem fingierten Dialog fragt die Autorin nach romantischen Phänomenen und Topoi in der Stadt und Stadtplanung und diskutiert Verkitschungstendenzen, Imageproduktion und kulissenhafte Selbstdarstellungen der Städte. "Das Paradox der Öffnung" erscheint als "ewiges Thema". Als dessen gebaute Metapher kann die in den Block der Berliner Wilhelmstraße gezwängte, sich daraus aber schlundartig öffnende britische Botschaft gelten.
Poetische Orte retten eine Region
Roland Günter
Der Autor beschreibt den Wiederaufstieg einer kleinen mittelitalienischen Region, des Tals der Marecchia, dank künstlerischer Interventionen. Der Literat und Filmautor Tonino Guerra und der Barbier Gianni Giannini schaffen an verschiedenen Orten mit Skulpturen, Zeichen und Schrifttafeln poetische Szenerien, wie zum Beispiel einen "Garten der vergessenen Früchte", eine "Straße der Sonnenuhren" oder in einer aufgelassenen Kirche ein "Museum für ein einziges Bild". Infolge dessen wird das einst von seinen Bewohnern verlassene Tal wieder zum Anziehungspunkt für viele Menschen. Poetik und Vision erweisen sich hier – entgegen der "Lehre des puren Ökonomismus" – als treibende Kräfte und Segen für eine ganze Region.
Märchen und Sagen in Tallin
Günter Pfeifer
Orte definieren sich nicht nur pragmatisch über die aktuell greifbare Architektur, sondern – wie G. Pfeifer am Beispiel Tallinn zeigt – über Sagen und Legenden der Vergangenheit. In der Korrelation von Außenwelt und Innenwelt haben Orte verborgene Qualitäten. Bei der Untersuchung solcher eigenartigen mystischen Anziehungskräfte spielt Jan Piepers universalistisch ausgreifender Begriff "architektonischer Topos" eine Rolle. Der Begriff stellt die zentrale Frage, was die Architektur Ausdruck der Suche nach "seelischen Urbefindlichkeiten" dem Menschen jenseits ihrer Schutzfunktion als "wichtigste aller kulturellen Setzungen" bedeutet. Allerdings sind die Mittel zur Erkundung des Topos kaum definierbar.
Ein Geschenk für Zürich
Wolfgang Sonne, Ariane Dirlewanger, Laurent Stalder
Am zentralen Bereich des Zürcher Seeufers klafft eine "Lücke". Die Stadt bietet – vom See aus betrachtet – keine wirklich eindrückliche Ansicht. Ihre Bebauung verliert sich vor dem Seeufer. Die Situation zu verbessern und eine urbane Seefront zu schaffen, schien einer Reihe von jungen schweizerischen Architekten und Architekturhistorikern daher dringend geboten. Aus Enthusiasmus schlossen sie sich vor drei Jahren zu einer Gruppe zusammen und begannen ihr städtebauliches Projekt "Seefront Zürich", das sie als paradigmatischen Eingriff zur Verdeutlichung einer möglichen städtebaulichen Strategie verstehen.
TAMA - Respekt für die Vielfalt
Caroline Raspé
Der Beitrag schildert das Engagement der Künstlerin Maria Papadimitriou im Avliza-Viertel in Menidi bei Athen. Dort rief die Künstlerin ein Projekt ins Leben, das für etwa 250 Familien der griechischen Wanderpopulation soziale Einrichtungen schafft. Das unter Mitwirkung von Architekten, Soziologen, Filmemachern, Bewohner und Künstlern realisierte Konzept setzt "soziale Einrichtung" mit dem Museumsbegriff in eins. Ausgehend von der eher emotional geprägten Siedlungsstruktur, von den in ihrer Farbigkeit und in ihren Arrangements an moderne Kunst erinnernden Häusern wurden – in Rücksprache mit den Bewohnern – architektonisch bewußt einfache Prototypen für Infrastruktureinrichtungen konzipiert.
Rosa Wolken über der Stadt
LOMA Petra Brunnhofer, Ilja Vukorep, Wolfgang Schück
LOMA stellt ihren Beitrag zu dem im vergangenen Jahr ausgeschriebenen Wettbewerb zum "Harvey Milk Memorial Plaza und Memorial Center im Castro-Viertel von San Francisco vor. Das Projekt für den 1978 ermordeten homosexuellen Bürgerrechtler soll zum einen den an Sommerabenden aufziehenden dichten Nebel als besonders schönes Naturphänomen bedenken, zum andern den von der Schwulen- und Lesbenszene geprägten Geist des Distrikts. Beides soll sich niederschlagen in einer über der Straße installierten rosa Wolke und zum andern in einem "Harvey Milk Memorial Pavillion", dessen Habitus die Balance halten soll zwischen Zeigenwollen und Versteckenmüssen. Das Projekt, das mit einem der beiden ersten Preise bedacht wurde, wurde unterdessen auch bei der Bevölkerung gut aufgenommen. Wie es weitergeht, wird sich zeigen.
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