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Heft 11 / 2000
Baukästen
inhalt
Spielbaukästen und ihr Bezug zur Architektur
Peter Lingens
Viele Baukästen in der auf den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückgehenden Geschichte der Baukästen waren “Naturnachahmer”, die in erzieherischer pädagogischer Absicht mit Backsteinen, naturbelassenen oder lackierten Bauklötzen und entsprechenden Formrepertoire die Materialien, Elemente und Stile der Architektur nachahmten. Manche Stilbaukästen, die etwa “Renaissance Baukasten”, “Romanische Baukunst”, “Gothischer Baustyl” hießen, nahmen allerdings eher nominell als referentiell auf die Stile und Epochen Bezug, während die „Ankerbaukästen“ die größte Nähe zu echten älteren Architektur-Vorbildern erreichten. An der Moderne hingegen orientierten sich die „Ingenius“-Baukästen, etwa der Kasten “New York City”, der sich die “Betonarchitektur des modernen Hochbaus” zum Vorbild nahm. Später verherrlichten die DDR-Baukästen sozialistische Prachtbauten wie etwa die Ostberliner Stalin-Allee. Auch Plattenbausiedlungen wurden im Spielzeug verewigt, während die Kinder des „Goldenen Westen“ mit ihren Idema-Kästen das Eigenheim der Eltern nachbauen konnten.
Historische Baukästen: Lehrmittel und/oder Spielzeug
Tobias Mey
Von Anbeginn hob die Werbung für die Baukästen auf ihren Nutzen als Lehr- und Erziehungsmittel zur Förderung pädagogischer Tugenden wie Fleiß und Ordnungssinn und auch als “wertvolles Studienmaterial” ab. Tatsächlich wurden die Baukästen an Kunstanstalten, von Architekten, vom Deutschen Werkbund und anderen benutzt. Gropius’ Baukastensystem, das die Neue Sachlichkeit repräsentieren sollte, wurde in der Werbung Bauschülern empfohlen als “wertvolles Lehrmittel zur Erlernung der darstellenden Geometrie, Dachausmittlung“ und den Studierenden der Baukunst als „wertvolles Material zum Festhalten ihrer Baugedanken im Modell”. Ähnliches hatte zuvor schon schon Lilienthal mit seinen Konstruktionsbaukästen beabsichtigt. Im polytechnischen Unterricht der DDR wurden die Baukästen als „Demonstrations- und Übungsgerät zur Erläuterung des Wesens der Großblock- und Montagebauweise“ erneut erzieherisch und propagandistisch instrumentalisiert. Allerdings erfüllten die Kästen nur bedingt die ihnen zugedachte Lehrfunktion.
Architektonische Baukastensysteme –
systematisches Bauen in der Nachfolger der Zwanziger Jahre
Helmut Spieker
Die Frage nach dem lange selbstverständlichen „Bausystem“ entstand eigentlich erst mit dem Wechsel vom Fachwerksystem zum Massivbau. Auch heute, wo die Qualität der Stadträume „blamabel“ ist, müßte Systematisierung das Selbstverständlichste sein. Stattdessen aber kultiviert die Architektur – aufgrund der verhängnisvollen partiellen Verselbständigung des “freien” Architektenberufes – einerseits den Individualismus, während sie andererseits den Großteil des zu Bauenden der “Bauproduktion” überläßt. Eine Alternative zu oft überflüssigen Solitären sind “Bausysteme” in der Nachfolge des alten “japanischen Bauens”. Vorausgesetzt, die Firmen engagieren gute Architekten, müssen entsprechende “Fertighaus”-Programme qualitativ solchen Bauten durchaus nicht nachstehen, die dem üblichen Verhältnis “Bauherr / Hochschulabsolvent” entspringen. Spieker empfiehlt von daher, die “Menge des zu Bauenden” Firmen zu überlassen, während “wirkliche Architekten” für öffentliche und sonstige Repräsentationsaufgaben herangezogen werden sollten. Tatsächlich sind Architekten in Hinblick auf die vielen Betätigunsgfelder und auf die Grundfragen des Bauens nur Vollstrecker, so daß sich Systematisierungsabsichten kaum generell durchsetzen lassen. Auch gibt es Mängel in der Ausbildung, legt diese doch viel stärker die Auseinandersetzung mit Kleinstbauten nahe als mit großen Wohnanlagen.
Sehnsucht nach der Stadt? Die Stadt als Bausatz
Simon Hubacher
Stadtentwicklung wird auf die Neu-Montage überlieferter Bau- und Strukturformen reduziert. Solche Vorstellungen von Stadt konkretisieren sich exemplarisch in Stadtmodellen, die in der Regel agitatorisch ein Idealbild entwerfen, indem sie sich auf das Stadtzentrum und einige architektonische Glanzleistungen konzentrieren, dabei aber die Peripherie und das periurbane Umfeld vernachlässigen. Dann wurden die Methoden der “Kritischen Rekonstruktion” wurden von einzelnen Stadtteilen auf ganze Metropolregionen übertragen. Die Stadt wurde als Entwicklungsmodell wiederentdeckt, das seinerseits entweder als “robuste Strukturform” betrachtet wird oder als “bauliches Repertoire" und "identifikationsstiftendes Zeichensystem”. Die “Sehnsucht nach der ganzen Stadt” findet ihren Ausdruck in Rem Koolhaas’ und OMAs Illustrationen zu “Delirious New York”, wo die Einzelbauwerke nicht auf die Stadt verweisen, sondern in erster Linie auf sich selbst.
Hermann Finsterlin. Spielsachen und Spiele
Reinhard Döhl
Döhl fragt nach der Bedeutung von Spiel und Spielen im Gesamtwerk des bildenden Künstlers, Dichters und Architekten Hermann Finsterlin (1887-1973). Für Finsterlin, der sich an der "offene(n) Grenze zwischen Spielsache und Architektspiel" bewegte, waren seine Holztiere, Spielfiguren, Bühnenbilder, Kartenspiele und Baukästen wesentliche Bestandteile der künstlerischen Arbeit. Sein aus Kugel und Würfel als den "beiden Polen aller Formen" und weiteren „Urformen“ entwickeltes, den phantasiehemmenden Vorlagen herkömmlicher Baukästen abschwörendes "Stilspiel", sein "Formdomino" und die "Didyms" deutet Döhl als Versuch Finsterlins, die Richtigkeit seiner biomorphen Architekturvorstellung, die drei Epochen der Weltarchitektur unterschied, zu hinterfragen und als Ausdruck der Überzeugung, daß "man lehrend lernen und lernend lehren" sollte.
Zur Programmierung des Raumes
Klaus Kornwachs
Die neuen Entwurfs-, Planungs- und Visualisierungsmöglichkeiten des Computers führen gerade in der Architektur zu einer „Technisierung und Re-Formalisierung des Entwurfs und der Planung“. Wie auch bei der Idee des Baukastens und der modularen Planung weisen die Überantwortung der Entwurfsaufgabe an den Computer und auch schon deren computermäßige Unterstützung in Richtung einer Planung, die den freien Gestaltungswillen des Architekten den formal-operativen Zwängen der gerade verfügbaren Programme unterordnet. Der Architekt, der bei konsequenten Rechnereinsatz auch die Ingenieursaufgaben übernehmen wird, wird so zumindest ansatzweise zum „Rekombinierer von elementaren Bauteilen“, die das Baukastenprinzip des Programmes für ihn bereithält. Rechnergestützte Entwurfsmethoden führen möglicherweise zur Uniformisierung, jedenfalls aber zu einer ständigen Veränderung von Bed¸rfnissen, was durchaus positiv zu einer größeren architektonischen Vielfalt führen kann. Man sollte die neuen Mittel, die auch die Produktion von Baumaterialien, die Baustellenorganisation und Arbeitsvorbereitung betreffen, nutzen, um nicht nur Energie zu sparen und Ressourcen zu schonen, sondern auch um die Bedürfnisse der Benutzer einzubeziehen. Angesichts auch der Standardiserungsgefahr muß sich der immer mehr in die Verantwortung genommene Architekt stets die Frage stellen: „Haben wir die Häuser, die wir brauchen?“
Stadt aus dem Baukasten:
Die sozialistische Stadt als Ideal bei Brigitte Reimann
Christina Onnasch
Die Autorin beschreibt die Vision der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1972) von der “sozialistischen Stadt”, wie sie ab 1955 tatsächlich in Hoyerswerda, wohin die Autorin im Jahre 1960 übersiedelte, entstand. Anfangs begeistert über die “Aufbauleistung des Sozialismus”, beklagte sie angesichts der Realität des industriellen Plattenbaus bald den “Mangel an Atmosphäre, an Intimität” und die Monotie der “Stadt aus dem Baukasten”. Die Protagonistin ihres Romans “Franziska Linkerhand” ließ die Schriftstellerin allerdings an der Utopie “von tristem Blockhaus und heiter lebendiger Straße” festhalten.
Baukastenmöbel
Anna Abel
Anna Abel beschreibt vor dem Hintergrund veränderter “mobilerer” Familien- und Lebensvorstellungen und der Entgrenzung von privater und öffentlicher Sphäre die Hinwendung der Designer zu leicht veränderbaren und beweglichen Modulen, zu variablen Regalsystemen, Containermöbeln und multifunktionalen Kastenelemente. Baukastenprinzipien finden sich auch im Bereich der Küchen und Ladenausstattung.
Das Architekturbüro – Ein Baukastensystem?
Werner Preißing
Der Autor beschreibt das ideale Architekturbüro als flexibles, wandelbares, neuen Bedürfnissen und Erfordernissen schnell anzupassendes und wegen der Vorfertigung der Einzelteile besonders wirtschaftliches System. Zu den einzelnen Bausteinen und Verbindungselementen gehören – mit ihren jeweiligen Komponenten – die EDV-Ausstattung, die Wirtschaftlichkeitsüberwachung und das Qualtitäts-Management, aber auch die Mitarbeiter und die Mitarbeiterführung. Klug miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt, bilden diese Elemente mehr als die Summe von Einzelteilen, nämlich ein System.
Systembauweise im Wohnungsbau
Friedbert Kind-Barkauskas
Das Bereithalten eines angemessenen kostengünstigen Angebots von Einzel-, Reihen- und Geschoßwohnungsbauten ist eine vordringliche Bauaufgabe der Zeit und eine Herausforderung für alle Architekten, Ingenieure, privaten Bauherren und Siedlungsgesellschaften, aber auch für die Bau- und Baustoffindustrie. Mit Fachgesprächen, Diskussionen, Veranstaltungen, Architekturpreisen und Veröffentlichungen beteiligen sich die “Deutschen Zementhersteller” an diesem Diskurs in der Überzeugung, daß auch ein hoher “Vorfertigunsgrad keineswegs zu einer uniformen Gestaltung führen muß”. Der vorliegende Text stellt Instrumente zur Verwirklichung der diversen Bauaufgaben vor; er behandelt die für die verschiedenen Bausysteme relevanten Fragen der Herstellung, Verarbeitung, der Prinzipien, Strukturen, der Kostenersparnisse, Synergieeffekte und sonstiger Vorteile, und er zeigt, daß die bestehenden Bausysteme durch entsprechende Planungsinstrumente optimiert werden können.
Zusammenfassung: Martin Seidel
Übersetzung: David Bean
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