SCHNELLSUCHE
|
 |
|
|
 |
da-Buchshop |
|
 |
Partner |

 

|
 |
 |
|
 |
 |
 |
Heft 11 / 2001
Wiederkehr des Barock?
inhalt
Ein vielschichtiges Gebilde
Klaus Englert
Steven Holls letztes Projekt, ein als Erweiterungsbau für eine Amsterdamer Immobilienfirma entstandener kleiner Pavillon, setzt auf Gegensätze und konfrontiert den U-förmigen Ziegelbau mit einem dahintergesetzten Kubus mit perforierter Körperhülle. Der Ansatz von Holls architektonischer Innovation liegt nun weniger im Architektonischen selbst begründet. Vielmehr ist es die spielerische Auseinandersetzung mit barocken Zitaten, die Holl dazu brachte, das immaterielle Licht mit dem widerständigen Material der Architektur zu konfrontieren. So betreibt Holl die Immaterialisierung des Raumes mit Hilfe einer ausgeprägten "Lichtpoesie" und mathematischen Vorstellungen, die den Innenraum in einem diffusen Licht erscheinen lassen und die Geschlossenheit des Raums in Frage stellen.
Der Barock: eine Erfindung der Moderne
Sokratis Georgiadis
Der Barock wurde Ende des 19. Jahrhunderts nicht eigentlich wiederentdeckt. Als ein gegen die klassischen Ideale verstoßendes ästhetisches Skandalon war er – das zeigt schon die Borromini-Rezeption – von Anbeginn an immer präsent. Am Verständnis des Begriffs gegen Ende des 19. Jahrhunderts neu war, daß man Barock nicht nur als ein selbständiges epochales Stilphänomen verstand, sondern ihm auch positive Konnotationen zugestand. Insofern freilich sollte man – so Georgiadis – nicht von einer Wiederentdeckung, sondern von der "Erfindung eines neuen historischen Stils" sprechen. Wie modern die Erfindung war, zeigen die Abhandlungen zum Barock von Wilhelm Pinder und Hans Sedlmayr, die belegen, daß Barock und Moderne auf der Ebene des Diskurses geradezu austauschbar wurden.
Befreite Körper, befreite Bauten
Arnold Voß
A. Voß befaßt sich in seinem Beitrag mit dem Verhältnis von Tanz und Architektur und definiert die „Beweglichmachung des Unbeweglichen“ als eine zentrale Gestaltungsaufgabe der Architektur. Insbesondere der postmoderne kritische Dekonstruktivismus hat der Phantasie des ganzheitlichen barocken künstlerischen Ansatzes erneut Geltung verschafft, wenn sich auch die Spuren "der identitätsstiftenden und 'gefühlsmäßigen' Architektur" seit dem Barock niemals ganz verloren haben. So sind Daniel Libeskinds "Museum für jüdische Kultur" und Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao auch Ausdruck des "massenhaften Bedürfnisses nach Projektionsräumen eines neuen Körpergefühls". Bei alledem ist der Mensch zu seiner Orientierung aber auf die reale Unbeweglichkeit der Räume angewiesen – dies um so mehr, je mehr er sich bewegt und je mehr ihm in seinem Innern Halt und Orientierung fehlen.
Das Frau-Werden des Barock
Michaela Ott
Michaela Ott verzeichnet – im Rückgriff auf die Begrifflichkeit insbesondere von Deleuze – in der zeitgenössischen Architektur eines Frank Gehry oder von Coop Himmelb(l)au barocke Tendenzen. Doch bei aller barockisierender "Bewegtheit" vermißt die Autorin etwa am Bilbaoer Guggenheim-Museum oder am Dresdner UFA Kinozentrum jene "dekonstruktiven Tendenzen sich minorisierender Ein- und Ausfaltung (...), die die Gebäude nicht nur zu unendlichen Brechungen ihrer selbst, sondern auch zu Involutionen der umgebenden Natur werden lassen". Als Beispiel einer solchen Brechung, die im Sinne von Deleuze zu einem "Welt-Werden" führt und nicht bloß ästhetisches Ereignis bleibt, dient der Autorin das Dach der Wieskirche, dessen Silhouette den umgebenden Bergen nachempfunden ist.
Ein allgemeines Wohlgefallen
Dieter Kimpel
Wenn man nach den Ursachen der Wiederkehr des Barock fragt, muß man – so Dieter Kimpel – verschiedene Phasen und Erscheinungsformen des Barock unterscheiden. Der ursprüngliche römische Barock ist ein anderer als der Barock in Süddeutschland und Böhmen, als der Barockklassizismus in Frankreich und die diversen Filiationen des Barock im 19. Jahrhundert. Die römischen Exempel waren in ihrer ästhetischen Komplexität und ihrem Bestreben, alle gesellschaftlichen Schichten anzusprechen, "beste Erlebnisarchitektur im heutigen Sinne". Sie waren von katholischen Vereinnahmenstendenzen geprägt, während der Barock französischer Prägung und die neobarocken Strömungen in Frankreich und Deutschland des 19. Jahrhunderts von absolutischen Tendenzen beziehungsweise von Weltmachtansprüchen der am weitesten fortgeschrittenen Industrienationen charakterisiert waren. Und so scheint es auch heute, "als hätte der vermeintliche Sieg des Kapitalismus und der Globalisierung den Herrschenden der westlichen Zitadellen ... das Recht verliehen, sich pompös und im Gewande repräsentativer Öffentlichkeit zu geben."
Wiederkehr des Barock?
Gerd de Bruyn
Das Verhältnis der Moderne zum Barock war und ist noch immer zwiespältig und äußerst vielfältig. Man siehe die Marmorsockel und Holzvertäfelungen bei Adolf Loos, Le Corbusiers Kapelle Ronchamp oder die prallen Formen bei Gehry, die digitale Architektur und die Lichtinszenierungen eines Steven Holl. Auch der frühmoderne barocke Fortschrittsoptimismus und die barocke Theoriebildung haben, wie bei Deleuze und Sloterdijk nachzulesen, eine neue Aktualität erlangt. Wesentliches verdankt die moderne Architektur – so de Bruyn – auch einem Christopher Wren, der bereits im 17. Jahrhundert in seinen Bauten und insbesondere beim Wiederaufbau von St. Paul's in London in einem durchaus modernen Sinn ästhetische Ansprüche mit wissenschaftlicher Rationalität verband. Da Wren auch ein Geburtshelfer von Newtons Gravitationslehre und somit eines neuen Weltbildes war, besteht für de Bruyn "die eigentliche, stets aktuelle Bedeutung des Barock darin, die Architektur entegen den Zumutungen des Pragmatismus (…) und einer ausschließlich profitorientierten Praxis weiterhin als einen unerschöpflichen Frage- und Deutungshorizont zu begreifen."
Digital baroque – Grenzstickerei
Henrik Mauler
Henrik Mauler konstatiert eine enge Verwandtschaft zwischen dem rational-irrationalen Barock und der "symbolischen" Logik des Computers, der zumindest in Phasen seiner Entwicklung immer wieder das Nichtgreifbare zu fassen und das Unsichtbare abzubilden versuchte. Der Barock schlägt zwischen dem Materiellen und dem Virtuellen "die Brücke der sinnlichen Erfahrung". Der Autor plädiert für eine konsequente "Dynamik der Schnittstellen zum virtuellen Raum". Danach sollte ein Gebäude sein virtuelles Alter ego repräsentieren und beispielsweise den in ihm stattfindenden Fluß von Emotionen abbilden und immer die virtuelle Struktur mit der materiellen Präsenz abgleichen.
Entfaltung
Alban Janson
Zeitgenössische Theoretiker wie John Rajchman und Jeffrey Kipnis gebrauchen die Philosophie von Leibniz und ihre Aktualisierung bei Gilles Deleuze, um zwischen dem Barock und Konzepten der zeitgenössischen Architektur zu vermitteln. A. Janson vertritt die Aufassung, daß die Texte von Leibniz und Deleuze nun nicht dazu geeignet sind, den Architekten „Handlungshinweise“ zu geben. Sie sind voll von nicht glatt ineinander aufgehenden, vielmehr miteinander „verfalteten“ Gegenüberstellungen, deren Begriff- und Anschaulichkeit von Architekten kaum sinnvoll wörtlich umzusetzen sind. Der Wert ihrer Ausführungen liegt vielmehr in der Erkenntnis vom eigentümlich „verfalteten“ Verhältnis von Einheit und Mannigfaltikeit, deren „Entfaltung“ der Architektur Anregungen bietet. Wichtig sind für Janson auch die Entfaltungsmöglichkeiten der poetischen Kraft der Leibnizschen und Deleuzeschen Sprache.
|
 |
 |
Seite drucken | Seite empfehlen | zum Seitenanfang |
|