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Heft 12 / 2000
Gesichter der Demokratie
inhalt
Das Bundesministerium der Finanzen
Carl Steckeweh – Hans Eichel
Richtig zufrieden ist der Bundesminister der Finanzen, Hans Eichel, nicht mit seiner Dienststelle, die einst den Nazis als Reichsluftfahrtministerium diente. Hans Eichel schätzt an dem Bau zwar die klare Gliederung und die dem Grundriß zu verdankende gute Orientierbarkeit. Doch wünschte er sich mehr Transparenz und insbesondere mehr Offenheit bei der Gestaltung der massigen Fassaden. Dabei ist er der auch in Architekturfragen stets kostenbewußte Finanzminister der Überzeugung, daß Gebäude ihren Charakter durch ihre Nutzung ändern und daß die bundesrepublikanische Demokratie auch diesem Bau ihren Stempel aufdrücken wird. Nach Eichels Auffassung sollten Staatsbauten nicht kurzlebigen Moden folgen, sondern im architektonischen Ausdruck ihre Entstehungszeit spiegeln und doch zugleich zeitlos sein. Hans Eichel plädiert für Bauten „für Menschen“ und gegen „einschüchternde Machtkolosse“.
Das Bundesministerium für Verkehr-, Bau- und Wohnungswesen
Falk Jaeger – Reinhardt Klimmt
Staatliche Architektur sollte nach Meinung des Ministers für Verkehr-, Bau- und Wohnungswesen, Reinhard Klimmt, repräsentativen Bedürfnissen gerecht werden und sich zugleich durch Offenheit und Transparenz auszeichnen. Ein gelungenes Beispiel sieht der Minister in der Kuppel des Reichstags. An Bau und Ausstattung “seines” Ministerium schätzt Klimmt, der auf die vor seiner Amtszeit fortgeschrittene Planung keinen Einfluß mehr ausübte, besonders das Zusammenspiel von Alt- und Neubau und den Innenhof, der das Ministerium mit Licht und Luft versorgt.
Der Reichstag in Berlin
Michael Mönninger – Wolfgang Thierse
Für Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der stets den Wiedereinzug des Parlaments in den Reichstag propagierte, entstand mit dem Reichstag-Umbau ein faszinierender, “funktional besserer” Bau, dessen Genialität in der Sichtbarmachung seiner Historizität liegt. Thierse wurde erst ein halbes Jahr vor Inbesitznahme des beinahe fertiggestellten Baus zum Hausherrn gewählt und nahm so nur Einfluß auf Einzelfragen, etwa zur künstlerischen Gestaltung des „Andachtsraumes“ und in Fragen der Möblierung. In seinen Räumen sucht Wolfgang Thierse einen gewissen Kontrast zu der von Foster “verordneten” und von den Nutzern oft kritisierten kühlen Strenge.
Demokratisch ist der in seinen Ursprüngen imperiale, heute gast- und besucherfreundliche Bau mit seinem pathetischen Plenarsaal für Thierse vor allem insofern, als eine demokratische Mehrheit sich in die Planung eingemischt hat und das Parlament dem Architekten – zu dessen eigener Zufriedenheit – die Kuppel-Lösung aufgezwungen hat. W. Thierse zieht eine positive Umzugsbilanz. Gegenüber den ahistorischen Bundesbauten von Bonn würde man sich in Berlin zur Geschichte bekennen und den Deutschen das Gefühl einer wirklichen Hauptstadt wieder geben. Thierses Fazit: “Berlin macht die Demokratie optisch, architektonisch wahrnehmbarer, als sie in Bonn je gewesen ist.”
Der Bundesrat
Olaf Bartels – Kurt Biedenkopf
Der gegenwärtige Bundesratspräsident Kurt Biedenkopf rühmt das modernisierte “fantastische” Haus, das einst als Tagungsstätte des Preußischen Staatsrats diente. Allerdings empfindet er die Eingriffe des Architekten Peter Schweger innen als teilweise zu “eigenwillig” und zu modern. Ein Staatsgebäude sollte nach Biedenkopfs Vorstellungen von “selbstbewußter, aber zurückgenommener Repräsentation” getragen sein.
Die Frage, ob das Bundesrat-Gebäude einem demokratischen Staat angemessen sei, empfindet Kurt Biedenkopf als “typisch deutsch” und überflüssig, da weder Monumentalität noch die gegenüber anderen, früheren Regierungsbauten reduzierte architektonische „Transparenz“ der Darstellung demokratischer Regierungen abträglich seien. Den Deutschen Bundestag würdigt Biedenkopf als hervorragende Leistung Fosters, wenn ihm auch die Fraktionsebene zu nüchtern geraten scheint. An eine ideale Verwirklichung von Staatsideen in Bauwerken und städtebaulichen Situationen will der sächsische Ministerpräsident nicht glauben. Auch äußert er sich zurückhaltend gegenüber den – etwa in Frankreich zu beobachtenden – Tendenzen mancher Staatsoberhäupter, sich bauliche Denkmäler zu setzen.
Der Sächsische Landtag
Josef Matzerath – Erich Iltgen
Erich Iltgen, der Präsident des Sächsischen Landtags, beschreibt den einzigen Landtagsneubau in den “neuen Ländern” – wie auch der Architekt Peter Kulka – als “Bau für die Demokratie”. Nach den Erfahrungen der DDR-Herrschaft, die keine Versammlungsräume im Sinne freiheitlich parlamentarischer Streitkulturen kannte, ging es beim Bau des Landtags um die Verwirklichung der Idee der Transparenz, die hier in der Verwendung großer, reichlich Ein- und Ausblicke gewährenden Glasflächen ihren Ausdruck fand. Allerdings konstatiert der Landtagspräsident einen gewissen Mangel an Repräsentationsmöglichkeiten, der auch dazu führt, daß der Landtag ab 2001 Räumlichkeiten des ehemaligen Ständehauses an der Brühlschen Terasse nutzen wird. Dennoch sieht für Erich Iltgen im Sächsischen Landtag funktionale, ästhetische und repräsentative Kriterien ideal verwirklicht.
Die Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin
Werner Jacob – Willi Stächele
Willi Stächele zeigt sich mit dem Neubau der von ihm geleiteten Landesvertretung Baden-Württemberg höchst zufrieden. Die baukünstlerische Leistung überzeugt ihn ebenso wie die Raumorganisation. Die Abläufe sowohl des Publikumsverkehrs als auch des internen Betriebs seien flexibel und funktional geregelt. Das Verdienst dieser verschiedenen Anlässen und praktischen Bedürfnissen optimal gerecht werdenden Architektur sei nicht allein dem Architekten Dietrich Bangert zu zuschreiben, sondern auch eine Leistung des Bauherrn.
In der zugleich selbstbewußten wie einladend offenen, lichtdurchflutet transparenten architektonischen Gestalt der Landesvertretung sieht Stächele unsere Zeit und unsere republikanische Verfasstheit zu einem adäquaten bildhaften Ausdruck gebracht. Auch im neu interpretierten Reichstagsgebäude mit seiner allgemein zugänglichen Kuppel über dem Plenarsaal sieht Stächele die Idee des Staates treffend versinnbildlicht.
Die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft
Philipp Meuser – Heinke Sudhoff
Die Geschäftsführerin der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, Heinke Sudhoff, zeichnet verantwortlich für die Auswahl der Kunst im Reichstagpräsidenten-Palais. Was ihr an dem von Thomas van den Valentyn restaurierten Gebäude nicht behagt, sind dessen mangelnde Funktionalität und Flexibilität hinsichtlich der vielfältigen Nutzung seiner Räume. Heinke Sudhoff vertritt die Auffassung, daß Demokratie ein geistiges Konzept und Architektur dessen Rahmen ist, weshalb sich politische Strukturen nicht auf Formen auswirken sollten. Den Würdenträger wünscht Sudhoff jedenfalls Gebäude, die in der Gestaltung Anschluß an ältere und traditionelle Architektur suchen. Andererseits ist für Sudhoff, die gestalterische Fragen Sachverständigen-Kommissionen überantworten möchte, die heutige Architektur zu wenig innovativ und auch zu wenig “ästhetisch”.
Bundespräsidialamt
Gerwin Zohlen – Walter Karschiess
Der Neubau des Bundespräsidialamts durch das Architekturbüro Gruber/Kleine-Kraneburg wurde ganz überwiegend positiv aufgenommen. Der Ministerialdirektor Walter Karschiess berichtet wie aus dem Tauziehen um die Gestaltung – etwa im Fall der schwarzen Fassade – die Architekten als Sieger hervorgingen, während sich die Nutzer in pragmatischen funktionalen Fragen durchsetzten. Die Idee der Offenheit und Transparenz demokratischer Bauten führte die Nutzer dann auch dazu, auf einer stärkeren Durchfensterung der Fassade zu bestehen.
Das “Bauen in der Demokratie” hat im Falle des Bundespräsidialamts – so Walter Karschiess – etwas unter dem Wettbewerbswesen gelitten, in dem der Nutzer nämlich nur eine Stimme und wenig Zeit für seine Entscheidung hatte. Die Effizienz war auch dadurch gestört, daß der Nutzer nicht zugleich auch Bauherr war, was dazu führte, daß er bei Änderungswünschen sowohl den Architekten als auch die Bauverwaltung überzeugen mußte. Dennoch sei man gegen einen Direktauftrag gewesen, um auch jungen Architekten eine Chance zu geben.
Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt
Torsten Birne - Hellmut Wißmann
Mußte das Bundesarbeitsgericht zunächst von der Qualität des Entwurfs der Architektin Gesine Weinmiller durch die Fachjury überzeugt werden, so zeigt sich der Präsident des Bundesarbeitsgerichts, Hellmut Wißmann, heute angetan sowohl von der funktionalen als auch von der architektonischen Durchdringung des Erfurter Baus. Die vereinzelt geäußerte Kritik an der mitunter als totalitär empfundenen Strenge Baus kann Wißmann nicht nachvollziehen, zumal das Gebäude nicht so monumental und einschüchternd sei wie die auf die Nazis zurückgehende Architektur des ehemaligen Bundesarbeitsgerichts in Kassel. Auch sei die Strenge einer Institution, die letztinstanzliche Urteile zu fallen habe, nicht unangemessen, sondern eher würdevoll und nobel. Gewöhnungsbedürftig seien vielmehr die auf manche einen unfertigen Eindruck machenden Sichtbetonpartien, und etwas unbefriedigend auch die Enge der Gänge vor den Büros. Positive Erwähnung findet die abwechslungsreiche, auch einen gewissen Ausgleich zum Gebäude schaffende Gartengestaltung des Zürcher Büros Kienast. Für Wißmann sind vor allem die funktionalen Aspekte der Architektur wichtig. Diese spielten eine größere Rolle als Fragen der Repräsentation und der Sichtbarmachung demokratischer Verfaßtheit durch gebaute „Transparenz“. Bundesbauten erfüllen – so Hellmut Wißmann – bereits ihre Aufgabe, wenn sie insgesamt Offenheit und Freundlichkeit ausstrahlen.
Zusammenfassung: Martin Seidel und Alice Sárosi
Übersetzung: David Bean
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