SCHNELLSUCHE
|
 |
|
|
 |
da-Buchshop |
|
 |
Partner |

 

|
 |
 |
|
 |
 |
 |
Heft 2 / 2005
Gegenwart der Geschichte
I.
Es gibt in Europa viele Städte, die durch Kriegszerstörungen kaum gelitten haben und denen es gelungen ist, die Planungsparameter der autogerechten Stadt in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts weitgehend zu verhindern. Dieses glückliche Schicksal ist nur wenigen Städten der Bundesrepublik Deutschland zuteil geworden. Die meisten von ihnen haben vielmehr eine Zerstörungsgeschichte hinter sich, die zusätzlich zu den Bomben der Jahre 1944 und 1945 in der Wiederaufbauphase Demolierungen historischer Gebäude oder städtischer Ensembles hinnehmen mußten, die jene durch Kriegseinwirkungen sogar überstiegen haben - ein Sachverhalt, der bereits 1975 anläßlich des Europäischen Jahres des Architekturerbes festgestellt wurde. Vor diesem Hintergrund mag es verständlich erscheinen, wenn sich in Deutschland seit einigen Jahren das Sehnsuchtspotential nach Rekonstruktionen historischer Bausubstanzen durchsetzen konnte, das nicht mehr allein der denkmalpflegerischen Sanierung und Erhaltung des gebauten Erbes gilt, sondern zunehmend der Rekonstruktion historischer Gebäude, also ihrer Neuerbauung. Diese Wünsche nach Rekonstruktionen verschwundener Gebäude richten sich vorzugsweise auf die traditionellen Innenstadtbereiche, in denen der Abriß in Ost- wie in Westdeutschland häufig in den fünfziger und sechziger Jahren politisch ideologisch begründet worden war, ein Phänomen, das nach der Wende von 1989 willkommene Argumentationshilfen bot, um die Beschränktheit der DDR-Kulturpolitik zwar zu geißeln, vor den eigenen Sünden aber die Augen zu verschließen.
So finden wir in einigen deutschen Städten heute Bürgervereine und -initiativen, die mit dem Hinweis auf fehlende Identifikationsarchitekturen in den Citybereichen den Wiederaufbau verlorener Bausubstanzen propagieren. Daß es sich dabei im wesentlichen um alte aristokratische Repräsentationsbauten, wie das Berliner Schloß, handelt, verdeutlicht den Wunsch, die ehemalige historische und politische Bedeutung der alten Kernstädte zumindest symbolisch wieder repräsentiert zu sehen. Was andere Nationen in ihren unzerstörten historischen Altstädten vorweisen können, jenes Flair aus denkmalgeschützter Bausubstanz und traditionsbewußtem Lebenstil, jene Mischung, die dem Genius loci Ausdruck und Lebendigkeit verleiht, wird in deutschen Städten heute neu erschaffen.
Nicht nur in Berlin wurde nach der Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland mit der Deutschen Demokratischen Republik die devastierte Stadtmitte zum Ort historistischer Begierden. Auch in Braunschweig oder in Hannover betreibt man inzwischen den Wiederaufbau der verlorenen Schloßanlagen unter anderem mit dem Hinweis auf die fehlenden stadträumlichen Identitätsmerkmale, ein Sachverhalt, der den Tatsachen durchaus entspricht, hinter dem aber eine ganz andere, denn die selbstlose, kulturverantwortliche Motivation einer Civitas wirksam ist. Das kürzlich vorgelegte privatwirtschaftlich orientierte Nutzungsprogramm für das neu zu errichtende Berliner Schloß, das ursprünglich der Kultur und Wissenschaft gewidmet sein sollte, hat abermals offenbart, daß angesichts leerer Stadtkassen die Marktgängigkeit des gebauten Erbes im Vordergrund steht.
Es kann an dieser Stelle nur erwähnt werden, daß Identitätskonstruktionen dieser Art inzwischen in vielen Städten Deutschlands Einzug gehalten haben, vornehmlich dort, wo die ehemaligen historischen Zentren mit jener Geschichte in Verbindung gebracht werden können, die nach heutiger Lesart die Aufklärungsgeschichte des Landes zumindest streifen: das gilt für das Potsdamer Schloß, die Potsdamer Garnisonskirche und die Berliner Bauakademie Karl Friedrich Schinkels wie für die Dresdener Frauenkirche, die politisch völlig unverdächtig erscheint. Daß demgegenüber ein Bau wie der Palast der Republik, der in den siebziger Jahren die Stelle des Berliner Schlosses besetzte, als Zeichen der deutschen Teilungsgeschichte und Folgeerscheinung der NS-Diktatur wird weichen müssen, weil er wie ein Stachel im Stadtkörper Berlins an die zweifache Unrechtsgeschichte erinnert, läßt Rückschlüsse auf das selektive Geschichtsbewußtsein zu, das hinter dem Argument, es handele sich bei diesem Bau um eine banale, bauhistorisch wertlose Architektur, die politische Aversion verbergen möchte. Wenngleich dem ästhetischen Urteil durchaus zugestimmt werden kann, bleibt die Frage legitim, ob dieses Urteil die Eliminierung eines bedeutenden Symbolbaues der DDR und die Ersetzung durch die Replik eines preußischen Symbolbaus rechtfertigt? Warum ist es nicht möglich, Teile des Gebäudes in eine Neuplanung zu integrieren, die die Geschichte dieses Ortes in ihrer Vielschichtigkeit respektiert und mit den Mitteln unserer Architektur vor Augen führt?
II.
Städte und deren urbane Architektur werden heute vielfach als Ereignisräume konzipiert, deren Wertigkeit zunehmend am Konsumverhalten ihrer Nutzer gemessen wird. Der konsumistische Attraktionswert rechtfertigt derzeit in der Bundesrepublik Deutschland eine Sehnsucht nach historischer Verortung, die die Replik, von Projektentwicklern im Gewande des geschichts- und verantwortungsbewußten Handelns empfohlen, nicht scheut. Zunehmend beobachten wir, daß Kopien historischer Bauten, ja ganze Straßen und Stadtteilareale an beliebigen Orten und für beliebige Zwecke neu errichtet werden und gleichzeitig einzigartige Stadtensembles mit wertvoller Bausubstanz in den strukturschwachen Städten der Neuen Bundesländer dem Verfall anheim gegeben werden. Daß man sie sodann ohne Aufsehen erregende Debatten zum Abriß freigibt, demonstriert die Doppelbödigkeit, mit der wir unsere gebaute Geschichte verwalten. Ist eine radikalere Entwertung des historischen Erbes vorstellbar? Oder müssen wir hinnehmen, daß die Bewertung historischer Bauten allein jener Logik der „Kulturerbe-Industrie“ (Francoise Choay) folgt, die sich im Prinzip Las Vegas schon lange dem Simulacrum geöffnet hat, um die beliebige Reproduktion einstmals einmaliger Gebäude, Orte und Stadtareale zu betreiben, die das Vorbild allein als Stimmungsbild benötigt. Das Original ist tot, es lebe die Reproduktion! Neu ist dieser Sachverhalt gewiß nicht, dennoch darf man vor der fortschreitenden „Agonie des Realen“ (Jean Baudrillard) fragen, ob die Neuerbauung historischer Bauten zur Schaffung identifikationsfähiger Stadträume nicht als Taschenspielertrick daherkommt, der uns just über diesen Tatbestand täuschen will?
Ein Leitgedanke des modernen Bauens, daß nämlich der architektonischen Form historische Authentizität und damit Einmaligkeit zukomme, so daß jede Zeit die ihr angemessene Formensprache zu entwickeln habe, ist damit belanglos geworden. Was dem Prinzip Las Vegas als raum- und zeitlos angelegtes Reproduktionsverfahren inhärent ist, beweist im derzeitigen Inszenierungsdruck historischer Räume und alter Städte das Schwinden des historischen Bewußtseins, eben jenes „Vermögens, Geschichte aktiv und produktiv zu erfahren.“
Anmerkung: 1 Fredric Jameson, Postmoderne – zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus, in: Andreas Huyssen/Klaus Scherpe (Hg.); Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Reibek 1986, S.66.
Andreas Denk
inhalt
Good Company Andreas Denk
Um uns die Stadt Wien: eine zweite City? Reinhard Seiß
Streifrage: Dom contra Hochhaus - Hochhäuser für Köln? B. Precht v. Taboritzki
Streifrage: Dom contra Hochhaus - Wandel ohne Veränderung? Martin Seidel
Gegenwart der Geschichte? Karin Wilhelm
Das Gedächtnis der Orte Aleida Assmann
Demokratie und Wiederaufbau Adelheid von Saldern und Georg Wagner-Kyora
Rekonstruktionen Norbert Huse
Abrechnung mit der Geschichte Arnold Bartetzky
Geschichtlichkeit oder: die Gegenwart der Geschichte Helmut Spieker
Das Spiel der Stadt jenseits der Moderne Carl Fingerhuth
Sehnsucht nach Gefühl Christoph Langhof
Gegenwart der Geschichte: Historismus der Moderne Gerwin Zohlen
Das Beispiel: Umbau und Sanierung eines denkmalgeschützten Geschäftshauses, Berlin 2004 Sergej Tchoban
Gegenwart der Geschichte? Überlegungen zur Sehnsucht nach dem verlorenen Erbe. Karin Wilhelm
|
 |
 |
Seite drucken | Seite empfehlen | zum Seitenanfang |
|