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Heft 3 / 2000
Eliten: Vorbild, Fremdbild, Feindbild
inhalt
Die politische und gesellschaftliche Veranwortung der Eliten
Friedbert Pflüger
Mehr als anderswo ist der Begriff der "Elite" in Deutschland bis heute negativ behaftet und löst komplexe und tief verankerte Abwehrreflexe aus. Wobei es jedermann verständlich ist, daß auch die Bundesrepublik qualifzierte und leistungswillige Eliten braucht. Zur Elite gehört, wer etwas für das Gemeinwesen leistet. Schon seit längerem gründen sich Eliten nicht mehr auf einem Geburts- oder Erbrecht. Die Zugehörigkeit zu einer Elite wird nicht mehr angeboren, sondern erworben und somit besteht auch zwischen dem Elitebegriff und Demokratie kein Widerspruch. Im Gegenteil: Demokratie ist die Staatsform, in der die Auslese der Besten gute Voraussetzungen hat: Jeder Bürger trägt in unzähligen Entscheidungsprozessen zu dem Auswahlverfahren bei, durch den sich politische, wirtschaftliche und fachliche Eliten konstituieren. Eine funktionierende Demokratie setzt so laufend neue Eliten frei, sie braucht jedoch umgekehrt Eliten, um zu überleben. In der veränderten Kommunikationskultur unseres neuen Jahrhunderts werden Wissen, Intelligenz und Ideenreichtum die wichtigsten gesellschaftlichen Ressourcen sein. Der kompetente Umgang mit Information wird zunehmend zum entscheidenden Faktor für die Behauptung eines Produktions- und Standortvorteils, die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen für jeden einzelnen zur neuen Schlüsselqualifikation. Dabei wird sich nicht derjenige durchsetzen, der seine Ellenbogen besser einsetzt, sondern derjenige, der Leute begeistern kann und gleichzeitig kompetent ist. Eine moderne Gesellschaft braucht keine reinen Funktionseliten, sondern Verantwortungseliten, die auf das Gemeinwohl orientiert sind. In diesem Sinne versteht sich Elite heute weniger denn je als Privileg, sondern vor allem als Verpflichtung.
Individuelle Kreativität und kollektives Ergebnis
Franz Emanuel Weinert
Der Autor stellt fest, daß alle Menschen kreative Fähigkeiten verfügen, doch bedarf es angeborener Talente, erworbener Erfahrung und einer spezifischen Motivation, um herausragende kreative Leistungen erzielen zu können. Dabei belegen wissenschaftliche Erkenntnisse, daß schöpferische Prozesse nicht immer spielerisch und leicht und auch weniger spektakulär und einzigartig sind als die geschaffenen kreativen Produkte; Kreativität und analytisches oder konstruktives Denken stehen in keinem Gegensatz. Angeborene Talente, Fähigkeiten zu kreativem Denken, eine intelligent organisierte Wissensbasis sowie starke Erkenntnis- und Gestaltungsmotive sind notwendige individuelle Erfolgsvoraussetzungen für anspruchsvolle Problemlösungen oder für die Schaffung bedeutender kreativer Werke. Auch die soziale Umwelt spielt für die Genese kreativer Leistungen eine große Rolle. Auch den Arbeitsteams, den institutionellen Rahmenbedingungen und der jeweiligen Gruppenatmosphäre kommen Schlüsselfunktionen zu.
Zur Elitenbildung der Moderne
Boris Groys
Groys konstatiert einen gesellschaftsgeschichtlich einmaligen Verlust bislang gültiger äußerer visueller Unterscheidungskriterien für Eliten, die die Gesellschaft in einem soziologischen Sinne hierarchisieren und strukturieren. Die heutige Elite habe sich äußerlich geradezu "ununterscheidbar" gemacht. Wie die Unterscheidung zwischen Hochkultur und Massenkultur hinfällig geworden ist, zeigt sich auch am Beispiel der Gegenwartkunst und des Museums die "Ununterscheidbarkeit" von Elitärem und Nicht-Elitärem. Da heutige Kunst explizit diese Ununterscheidbarkeit zwischen Kunstwerken und Objekten der Massenkultur thematisiert, entscheidet nur der Kontext darüber, was Kunst ist und was nicht, was beispielsweise ein ready-made oder eine Ware ist. Wie besonders auch in der Politik zu sehen, die trotz Wahlen letztlich selbst bestimmt, wer zur Elite gehört, konstituiert sich Elite durch das Privileg, selbst darüber zu entscheiden, wer und was Elite ist. Sie kann überhaupt nur dann als Elite funktionieren, wenn sie aus eigener Kraft Entscheidungen trifft und sich dabei dem profanen, nicht-elitären Urteil entzieht. Dabei zeigt sich, je weniger ein Politiker sich äußerlich von seinen Mitmenschen unterscheidet, desto effektiver ist er in seinem politischen Beruf. Groys definiert Politik und die moderne Kunst als ästhetische Praktiken par excellence, die sich der historischen Angreifbarkeit der Eliten durch "Ununterscheidbarkeit" entziehen. Groys weist auf die Unterscheidung zwischen "kreativ" und "nicht-kreativ" hin, die in der Gesellschaftstheorie eines Karl Marx und später bei Beuys ("Jeder Mensch ist ein Künstler") überwunden werden soll. Dabei funktioniert in der Kunst Elite nicht auf der Ebene kreativer Produktion, sondern auf der Ebene der Reflektion, der Kontextualisierung und aufgrund eines hochspezialisierten Wissens, das nur wenigen in der gegenwärtigen Gesellschaft zugänglich ist.
Mut zur Freiheit?
Klaus Biesenbach
Das Museum ist nach Meinung des Autors eine Institution, die die Bildende Kunst konserviert und in den Rang eines kulturellen Wertes setzt. Biesenbach, Kurator am P.S.1 Museum New York und Leiter der berlin biennale, arbeitet lieber für Institutionen, die die herkömmlichen Funktionen und Konzepte hinterfragen und experimentelle Arbeiten in den Vordergrund stellen. Oft jedoch fusionieren konventionelle und experimentelle Ausstellungshäuser und machen dadurch für das Gezeigte in einem profan-elitären Zwischenbereich eine Diskussion möglich. So fanden auch das Museum of Modern Art und das kleinere PS1-Museum zusammen, die derzeit eine Ausstellung zu "The greater New York Show" vorbereiten und dafür alle bei allen Galerien, Kunstinstitutionen und Hochschulen anfragten und von Künstlern, die bisher keine Einzelausstellung hatten, um Einsendungen baten. Hintergrund ist, unbekannten Künstlern, die sich noch nicht im "elitären" Kunstbetrieb aufhalten ein Forum zur öffentlichen Aufmerksamkeit zu geben. Sicherlich hält sich jeder Künstler, der Arbeiten einschickt, bis zu einem gewissen Grade für ein Genie und sicherlich zählt er sich auch der Gruppe der Kunst-Elite zugehörig, ansonsten würde er nicht mit seiner Arbeit aus der Masse treten und etwas machen, wofür es noch kein Angebot und noch keine Nachfragt gibt. Für Biesenbach ist der Mut zur Freiheit im künstlerischen Bereich sowie die dreiste und kreative Einzelleistung unabdingbar und weniger, wer zur Elite zählt und wer nicht.
Wo stehen wir eigentlich?
Tom Stromberg
Das Wort "Elite" ist eines der Wörter, die Tom Stromberg, Dramaturg und derzeit Leiter des Kulturprogramms der EXPO 2000 in Hannover, hartnäckig verfolgen. Das liegt sicher daran, so seine Meinung, daß Kunst immer elitär ist, oder daß man sich selbst nie, andere aber schon als"elitär" empfindet oder daß die unterschiedlichen Programme, die er selbst bis jetzt inszenierte, von anderen "elitär" genannt wurden. Eine sich neu zu bildende Elite könnte generell die Antwort sein auf die Frage, "wie das Neue in die Welt kommt" . Als Beispiel zu nennen sind die Unternehmen, die erkannt haben, daß in der Art wie beispielsweise Künstler mit Dingen und Themen umgehen, eine Kraft steckt, die sie sich in vielfältiger Weise zunutze machen können.
Konvention und Avantgarde
Daniel Gössler
Eine Begründung für eine außergewöhnliche Föderung Einzelner in einer Gemeinschaft kann es nach Meinung Gösslers nur geben, wenn daraus ein besonder Wert für die Gemeinschaft entstehen kann. Für die Qualtiät von Architektur besteht ein solcher Wert. Er kann jedoch nie so autonom für sich stehen und gemessen werden, die dies in anderen Künsten der Fall ist. Architektur wird immer in der Folge und im Nebeneinander erlebt. Wenn die Architekten bemerken, daß die spezifische Qualität von Architektur dadurch entsteht, daß sie in ein Verhältnis zu anderen Qualitäten rückt, kann eine neue Elite in der Architektur entstehen. In dieser Auseinandersetzung geht es mehr um einen Findungs- denn um einen Erfindungsprozeß. Dieser Findungsprozeß erfordert die Bereitschaft zur Kommunikation und gerade die Förderung dieser Fähigkeit muß bei einer Elitenbildung eine entscheidende Rolle spielen.
Zusammenfassung: Alice Sárosi, Martin Seidel
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