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Heft 3 / 2001
Differenz und Intensität
inhalt
Differenz und Intensität
Ullrich Schwarz
In der Architektur zeichnet sich eine neue Form der „Revision der Moderne“ ab. Heutige Theoretiker beziehen – so U. Schwarz in seinem Einleitungsbeitrag zur Konferenz „Differenz und Intensität. Die poetische Kraft der Architektur“ – „die Potentiale einer kritischen, widerständigen Perspektive nicht mehr aus einem utopischen Vorgriff auf den Geschichtsprozeß, sondern inszenieren eine postdialektische immanente Kritik“. So beschäftigen sich Architektur und Städtebau bevorzugt mit Zonen des Offenen, des Nichtvorherbestimmten, des Unbekannten, des Anderen. Entsprechend geht es der Planung nicht mehr um Festlegung, Fixierung und Aura, sondern sie verlegt sich umgekehrt auf das Nichtdefinierte und wird – wie bei Koolhaaas, Eisenman oder Ignasi de Sola-Morales – zum Ereignis, zur Frage.
Architektur im post-religiösen Zeitalter
Hartmut Böhme
Der Autor setzt sich mit Nietzsches bisher wenig erforschten Verhältnis zur Architektur auseinander. Nietzsche, der zeitgenössische Architektur zutiefst ablehnte, forderte einen Paradigmenwechsel von der herrschenden Sakralarchitektur hin zu einer überzeitlichen, machtbewußten, das denkende Ego in den Mittelpunkt stellenden Reflexionsarchitektur. Dabei betrieb Nietzsche in seinen Schriften nicht die Profanierung sakraler Bauten und stellte an deren Stelle eine prämoderne Architektur der Denkenden. Vielmehr wollte er – unter dem Eindruck von Kants Theorie der Erhabenheit – eine antimetaphysische „Architektur des Erkennenden“, die – in all ihren Komponenten und Voraussetzungen – aber doch den Bedingtheiten der religiösen Architektur abgeschaut war. Insofern auch verfehlte Nietzsche – nach Auffassung des Autors – gänzlich „das Projekt einer postreligiösen Architektur“. Architektonische Aufschlüsse sind bei Nietzsche insofern allenfalls auf der Ebene struktureller Analogien in der Art seines Denkens, nämlich in der Form des Fragments, zu haben.
Das Monumentale
Klaus Jan Philipp
Unsere Zeit kennzeichnet ein problematischer Umgang mit dem Monumentalen. Dieses wirkt auf der einen Seite identitätsstiftend. Auf der anderen Seite gibt es die historisch bedingte Tendenz zum Verzicht auf Monumentalität, wobei auch die moderne Architektur nach ihrem Selbstverständnis „unmonumental“ ist. Doch braucht – so K.J. Philipp – die demokratische Gesellschaft Architekturen, die eine emotionale Anbindung ermöglichen und zugleich repräsentativ sind. Ausgehend von O.M. Ungers Hamburger Kunsthalle mit ihren Bezügen zur französischen Revolutionsarchitektur am Ende des ancien régime setzt sich der Autor mit dem Begriff des Monumentalen im Architekturdiskurs seit Ende des 18. Jahrhunderts auseinander.
Hegels Listen
Friedrich Barke
Friedrich Barke beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Aporie der Rehabilitierung der Ästhetik bei Gilles Deleuze (und Guattari). Die These vom Monument-Charakter der Kunst steht im Widerspruch zu den von Deleuze als Denker der Immanenz andernorts konstatierten „Oberflächenwirkungen“ des Sinns. Deleuzes verwunderliche Privilegierung der ehedem als „immobil“ geltenden Plastik und Architektur weist Parallelen zur Bildhauerei Henry Moores und zur „dislozierenden“ Architektur Peter Eisenmans auf. In unausgesprochener Abkehr von Hegels Anschauungen wird bei Deleuze die Malerei Francis Bacons zum Inbegriff des Konzepts einer Ästhetik des Monuments, insofern sie das plastische Ideal und die „Tauglichkeit des Körpers als transparentes Medium des Geistes“ zerstört. So sehr sich Deleuze gegen Hegel auflehnt, gelingt ihm nicht immer die Loslösung. In der Inanspruchnahme des Christentums für das „Anästhetische“ in der Ästhetik sind die Auffassungen von Hegel und Deleuze nicht zu unterscheiden. Wie – so die These von Barke – für Deleuze die Malerei Bacons gerade wegen der „Veralltäglichung“ und „Enttheologisierung der Passionsgeschichte“ faszinierend ist, so macht das Monumentale des künstlerischen Akts nicht die sakrale Ewigkeit aus, sondern jene fragile und wenig sinnstiftende Ewigkeit, die sich etwa in Kinderkritzeleien manifestiert.
Fragen der Empfindung und Emotion in der Architektur
Marco de Michelis
Der Autor konstatiert eine Vielzahl an „ungewöhnlichen und skulpturalen, manchmal sogar bizarren architektonischen Physiognomien“, die mit den Prinzipien des „Funktionalismus“ des 20. Jahrhunderts brechen. Stattdessen erscheinen heutige Architekturen – etwa von Jacques Herzog, Luisa Hutton und Matthias Sauerbruch oder Daniel Libeskind – als „Kommunikationsinstrument“ und rufen Emotionen hervor. Allerdings stellt der Autor das Fehlen eines kritischen Instrumentariums fest, mit welchem diese neuen Phänomene adäquat zu interpretieren wären. Dabei schuf schon Wölfflin die Grundlagen für die Erforschung des Emotionalen in der Architektur. Früh im 20. Jahrhundert machte sich ein neues Architekturverständnis breit, das den Raum als Generator der architektonischen Form betrachtete. Das Sehen – im Sinne auch des kontextuellen In-Beziehung-Setzens und des Festhaltens von bedeutsamen Strukturen – bezeichnet der Autor als besonders geeignetes und grundlegendes kognitives Instrument der Architektur. Historischer Ausdruck dieser Bestrebungen ist im Bereich der Bilder die Gestaltungslehre am Bauhaus, während im Bereich der Architektur Otto Wagners Reaktion auf die Umgebung herangezogen wird. Auch Làszlo Moholy-Nagys „Vision in Motion“ ist – typisch für die Nachkriegszeit bis zu den frühen 60er Jahren – von der Suche nach komplexer Ganzheit geprägt. In den sechziger Jahren plädierten Rossi, Venturi und Gregotti in isolatorischer Rückbesinnung auf die Architektur selbst für die „Wiedereroberung von autonomen Mitteln zur Interpretation der Stadt“. Jedoch führten die naturwissenschaftlichen und technischen Umwälzungen und Globalsierungstendenzen der letzten Jahrzehnte wieder zu einem neuen, systemtranszendierenden Bezugnehmen der Architektur.
... der Augen Hader, der Welt Suppe, der Ratte Stern
Axel Schultes
Schultes begibt sich in seinem kritischen Beitrag auf die Suche nach „Spuren des Monuments“ in der Architektur von ihm und seiner Partnerin Charlotte Frank. Angesichts des semantischen „Schindluders“ hinsichtlich des Raumbegriffs spricht er von der „Lüge von Raum und Licht“. Er beklagt die Desorientierung bei der „Beschäftigung mit den Mitteln statt mit den Zielen von Architektur“. Schultes wünscht sich – nach Postrenaissance und Moderne – eine „Dramaturgie des Raumes, die das Streben nach Gestalt auf die Entwicklung neuer Räume und Raumtypen wendet“. Nur durch Räume kann Architektur zu ihrer Rolle als Mutter der Künste finden. Beim Berliner Bundeskanzleramt galt es, die solitäre Geltung des Gebäudes mit den Bundesbauten in Einklang zu bringen und den Anspruch des Amtes auf Symbolhaftigkeit mit der Auffassung vom Räumlichen als der primären architektonischen Herausforderung zu vereinen. Inbegriff dieses architektonischen Ideals, den Raum und das „Schweigen der Wände im Licht“ zu feiern, ist für Schultes das in den 90er Jahren erbaute Treptower Krematorium.
Vulkanische Architektur
Iris Tausch / AMP Arquitectos
Die Autorin stellt drei Beispiele „vulkanischer“ Architekturen von ABS Architectos, Teneriffa vor. Der „Botanische Garten zur Entdeckung Amerikas“ auf La Gomera, dessen Anlage natürlichen heimischen Basaltstein und dunkel gefärbten Beton kombiniert, dient als Exempel der Symbiose mt der Natur. Der Präsidentschaftssitz in Santa Cruz de Tenerife empfindet in expressiven Formen die umgebende jähe Landschaft nach und macht im Innern das Formen, Farben und Texturen umspielende Licht zum Protagonisten. Auch das von künstlichen Felsen perfekt eingefaßte Kongreßzentrum Costa Adeje auf Teneriffa bezieht sich in Material und Farbe auf die Umgebung.
Flughafen-Effekt
Ben van Berkel
Ben van Berkel vertritt die Aufassung, daß ein gutes Bauwerk als „stille, abstrakte Skulptur“ ein Kunstwerk mit einem von äußeren Ereignissen unabhängigen Eigenleben ist. Bei der Realisierung eines Gebäudes, das Kunstfreiheit mit einem Nutzen für die Öffentlichkeit verbindet, muß die globale Phantasie nach zeitgemäßen Organisationsstrukturen instrumentalisiert und die computergestützte Simulation als Hilfsmittel zur Erzeugung zeitgemäßer Architekturwirkungen herangezogen werden. Die besten Wirkungen, welche Architektur heute hervorbringen kann, sind entsprechend kinetischer Natur und zeigen Tendenzen zur Fähigkeit, sich fortzupflanzen, zu bewegen, unerwartet, zeitabhängig und überraschend zu sein.
Das Dichterische und das Dingliche
Ullrich Schwarz
Heideggers Aufsatz „Bauen Wohnen Denken“ hat – wenigstens dem ersten Anschein nach – in der deutschen Architekturdebatte seit 1951 kaum Spuren hinterlassen. Der Text ist kein expositorischer Text, keine humanistisch, ökologisch oder historisch begründete Anleitung für Architekten oder Bauherrn, sondern eine aufs Grundsätzliche, auf Heideggers Frage nach dem Sein bezogene Abhandlung. Andererseits konstatiert Heidegger die „Heimatlosigkeit des Menschen“ und dessen „eigentliche Wohnungsnot“, wobei kontrovers darüber diskutiert wird, ob diese Heimatlosigkeit nun aufhebbar sei oder unüberwindbare Seinsdominante. Ein Paradigmenwechsel der architekturtheoretischen Rezeption Heideggers vollzieht sich bei Ignasi Sola-Morales und manifestiert sich in der Abkehr vom Konzept des „Ortes“ und der Hinwendung zum Konzept des „Ereignisses“. Wichtig ist die Rolle der sich der totalen Verfügung und Nutzbarmachung entziehenden Kunst, besonders der Dichtung. Mit explizitem Heidegger-Bezug formulierte Kenneth Frampton schon Anfang der 80er Jahre eine in Material-Hinsicht poetisch strukturierte „Architektur des Widerstands gegen die globale Modernisierung“, die sich tatsächlich in den Architekturen von Herzog & de Meuron oder bei Peter Zumthor wiederfindet. Wenn auch eher zufällig oder über halbunbewußte Umwege, so kommt dem Heideggerschen Denken besonders auch der architektonische Ansatz Peter Eisenmans nahe.
Jenseits der Zeichen
Bruno Reichlin
In der schweizerischen Architektur hat nach der Verabschiedung der Postmoderne ein Richtungswechsel stattgefunden, der zu einem Überdenken der Deutungsansätze und Deutungskriterien führt. Reichlin setzt sich in seinem kenntnisreichen Aufsatz über die Unmittelbarkeit des Wahrnehmens in der Architektur mit den Möglichkeiten der semiologischen Annäherung an die Architektur auseinander. Er stellt fest, daß dagegen die heutige Architekturanalyse die Objekte nun nicht mehr als Zeichen, sondern als Formen betrachtet und sich weniger Bedeutungsfragen widmet als vielmehr Fragen der Wahrnehmung. Beispiele von vexierhaften und visuell kodifizierten Bildern illustrieren aber die Schwierigkeit beziehungsweise die Unangemessenheit, „Empfindungen“ und „Zeichen“ von vornherein zu trennen. Man muß sich vielmehr – so der Autor – über solche Begriffe wie „Zeichen“, „Konvention“, „Kodex“, „Wahrgenommenes“, „Empfindung“ und „Effekt“ neue Klarheit verschaffen anstatt den Terminus „Zeichen“, der von postmodern orientierten Architekten gerne mit dem des Symbols verwechselt wird, vorschnell aus der Architekturanalyse zu verabschieden.
Zusammenfassung: Martin Seidel und Alice Sárosi
Übersetzung: David Bean
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