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Heft 3 / 2004
Die Welt als Erlebnis
Szenische Kapazität
Wie konnte es dazu kommen, dass in unserer Zeit der Ausdruck „Erlebnis“, der doch in seinem ursprünglichen Sinn eine bedeutungsvolle, bereichernde Erfahrung bezeichnet, – wir erfahren ja gerade große Architektur als räumliches Erlebnis – in inflationärem Gebrauch für oberflächliche Reize und durchschaubar billige Effekte herhalten muss?
„Erlebniswelten“, „Imagineering“, „Szenografie“ sind Stichworte für das seit etlichen Jahren um sich greifende Bestreben, eine bestimmte Art der Attraktivitätssteigerung für Orte des Verkaufs, der Dienstleistung aber auch der Kultur und sogar des Wohnens zu erzielen. Man hat erkannt, dass es nicht reicht, um Erfolg zu haben im Wettstreit um Aufmerksamkeit, wenn man für diese Funktionen und Tätigkeiten lediglich eine Lokalität bereitstellt, die rein praktischen Anforderungen genügt. Wirtschaftliche Erwägungen verlangen vielmehr Qualitäten, die darüber hinausgehen: Ein Kaufhaus darf nicht nur ein Haus für den Verkauf von Waren sein, sondern muss zum „Erlebniskaufhaus“ werden. Eine Parkanlage wird zum Themenpark, in Museen werden die Exponate nicht nur ausgestellt, sondern szenografisch präsentiert, auch ganze Stadtquartiere werden gemäß einem „Narrativum“ inszeniert. Die Planung dieser Einrichtungen und Orte haben eines gemeinsam: Über das praktischtechnische Funktionieren hinaus wird auch der persönlichen Wahrnehmung und Erfahrung des Benutzers und Bewohners Aufmerksamkeit geschenkt, seinen Bewegungen, seinem Handeln, dem, was er als Sinn erfährt und was er fühlt, dem Erlebnis der ganzen Situation eben.
In der Art, wie sich diese Tendenzen derzeit entwickeln, weitgehend von kommerziellen Interessen gesteuert, lösen sie bei Architekten und Planern mit einem traditionellen Berufsethos vielfach Abwehrreaktionen aus. Disneyfizierung und Eventkult gelten eher als Benennung von Fehlentwicklungen, sie bezeichnen keine Arbeitsfelder für anspruchsvolle Architektur. Tatsächlich ist der Trend zur Herstellung von medialen „Erlebniswelten“ Teil der zunehmenden Vereinnahmung aller Lebensbereiche durch die Kultur- und Bewusstseinsindustrie, die auch vor der Architektur nicht halt macht.
Aus einer anderen Perspektive betrachtet veranlasst uns aber auch ein allmählicher Wandel in den Bedürfnisstrukturen, der in den letzten Jahrzehnten eingesetzt hat, zu einer veränderten Wahrnehmung und zu einem Wechsel im Verständnis von Architektur: So wie in den meisten anderen Gesellschaftsbereichen nicht mehr die Beseitigung von Mangel, die Kumulation von Eigentum und die ständige Steigerung des Wohlstands den Antrieb des Handelns bilden, sondern – wie der Soziologe Gerhard Schulze festgestellt hat - subjektive Strategien des sinnvollen Umgangs mit dem Wohlstand entwickelt werden, so stellen auch Häuser nicht mehr in erster Linie Besitztümer dar, Dinge, die man hat, deren Sach- und Nutzwert im Vordergrund stehen. Vielmehr wird auch von der Architektur erwartet, eine Aufgabe bei der Optimierung subjektiven Erlebens zu übernehmen. Wenn in der Wohlstandsgesellschaft „das Subjekt immer mehr auf sich selbst als wählende Instanz zurückverwiesen wird“ (Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. 8. Aufl. Frankfurt/M 2000, S. 76), dann richtet sich die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die Dinge, sondern auf die eigene Situation, in der ein Zustand „glücklichen Lebens“ hergestellt werden soll. Nicht die materielle Beschaffendheit, die technische Funktion, der ökonomische Wert von Architektur, sondern ihre Rolle bei der Herstellung von situativen Qualitäten findet daher zunehmende Beachtung. Der Wert von Architektur, müsste sich somit weniger nach dem materiellen Wert bemessen als vor allem nach der Erlebnisqualität, die mit ihr erzielt wird.
Indessen sind in der jüngsten Geschichte Architekten vorrangig zur Gewährleistung reibungsloser Funktions- und Bauabläufe gezwungen, während situative Erfahrung als nicht messbare Größe sich der Verwertungslogik entzieht. Auf der anderen Seite fällt es vielen Architekten schwer, in ihrer Fixierung auf formale Askese in der Tradition der Moderne einen größeren Kreis als den der Eingeweihten anzusprechen. Jetzt sucht man verzweifelt nach Erweiterungen des Berufsfeldes auf Gebiete der technischen Spezialisierung, des Designs, der Visualisierung, des Managements oder anderer Nachbargebiete, für die ein spezifisch architektonisches Können nicht mehr entscheidend ist - architektonische Kompetenz wird damit immer mehr verdünnt. Die Architektur selbst riskiert bei all dem, in unserer Kultur ständig an Boden zu verlieren.
Geht man nun aber vom „Erlebnis“ aus, so könnte sich der Wert guter Architektur in ihrer angestammten Kompetenz für (er)lebenswerte Umwelt bestätigen: Im Erlebnis wird unser eigenes Wahrnehmen und Handeln reflektiert. Nach Helmut Plessner ist der Mensch - im Unterschied zum Tier - in der Lage, zu sich selbst und seiner Stellung in der Welt eine Distanz herzustellen: „Er lebt und erlebt nicht nur, sondern er erlebt sein Erleben“ (Helmut Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928), 3. Aufl. Berlin New York 1975, S. 292). Diese spezifische Form des menschlichen Erlebens hat daher den Charakter des szenischen Erlebens, in dem wir Akteure und Zuschauer zugleich sind. Die Architektur aber wird dann zum Medium, das durch den gestalteten Raum die charakteristische Blickwendung hervorruft, die uns veranlasst, uns selbst zuzusehen auf der Bühne des täglichen Lebens. Je nach der Art der Bauaufgabe, werden Inhalte dabei auf subtile und fein differenzierte Weise erfahren oder aber im theatralischen Schwelgen erlebt, wo im Vollzug der schieren Nutzung alle Sinne auf ihre Kosten kommen. Der aktuelle „Erlebnisboom“, wie auch immer man ihn kultursoziologisch bewerten mag, sollte als Anlass genutzt werden, einem Uranliegen der Architektur neue Geltung zu verschaffen.
Mit der Herstellung „künstlicher Erlebniswelten“ werden heute vielfach „Szenografen“ beauftragt. Sie haben erkannt, dass sich die größte Aufmerksamkeit erzielen lässt, wenn man möglichst vielen Sinnen etwas bietet, nicht nur Bilder, sondern auch Geschichten und Ereignisse, stimmungsvoll untermalt durch Licht- und Klangeffekte, nicht nur etwas zum Schauen sondern auch zum Hören und Fühlen oder gar zum Riechen und Schmecken. Diese „multisensorische“ Gestaltung komplexer räumlicher Situationen ist aber schon immer das Gebiet der Architektur gewesen. Wenn wir Architektur vom Erleben her betrachten, dann sehen wir in ihr nicht in erster Linie Objekte - Bauwerke oder Räume – sondern das Zusammenspiel von Bewegung, Handeln und Befinden mit der durch ein Bauwerk geschaffenen räumlichen Situation. Offenbar besteht hinsichtlich des Erlebnisphänomens eine prinzipielle Verwandtschaft zwischen den ‚szenografischen‘ Tendenzen und der ‚traditionellen‘ Architektur.
Eins jedoch unterscheidet die Architektur ganz offensichtlich von der Herstellung künstlicher Erlebniswelten: Während der Themenpark, die Erlebnisgastronomie und die inszenierte Ausstellung den Besucher durch das „Narrativum“ in eine Phantasiewelt entführen sollen, deren suggestiver Macht er sich nicht entziehen kann, braucht die Architektur kein „story board“. Ihre Inhalte werden nicht durch „Theming“ formuliert, sondern ihr hochkomplexes Thema ist der alltägliche Umgang mit dem Raum. Der Architekt muss keine „Geschichte“ erzählen, sondern findet in der Regel das Thema bereits in der Bauaufgabe selbst, in jeder einzelnen Bewegung, jedem Akt des Handelns im Raum. In der architektonischen Gestaltung bringt die rohe Zweckrealität eine Erlebnisrealität hervor, die den Zweck selbst auf eine bestimmte Art deutet und artikuliert. Darin liegt die spezifische Eigenart ästhetischer Erfahrung in der Architektur im Gegensatz zu den Bildkünsten, wie der Kunstwissenschaftlicher Dagobert Frey in seiner Schrift zur „Wesensbestimmung der Architektur“ aus dem Jahr 1925 dargelegt hat (Frey, Dagobert, Wesensbestimmung der Architektur (1925). In: Ders., Kunstwissenschaftliche Grundfragen. Prolegomena zu einer Kunstphilosophie. Wien 1946, S. 93 - 106). Während die Bildkunst eine eigene ästhetische Realität schafft ist die ästhetische Realität der Architektur immer die Wirklichkeit, in der sich der Benutzer selbst als „Mitspieler“ bewegt, wie Frey es ausdrückt, und als Zuschauer seiner selbst: In solchem szenischen Erleben wird die Situation durch die Architektur interpretiert.
Die Einsicht in diesen Sachverhalt lässt die Deutungsmacht erahnen, mit der die Architektur, so wie die Szenografie, die Erlebnisinhalte beliebiger Situationen manipulieren kann. Zwischen dem einen Extrem der – irrtümlich für Sachlichkeit gehaltenen - Vernachlässigung des Erlebnispotenzials von Architektur und dem anderen, der Vereinnahmung durch Fremdinteressen in einer aufdringlichen Inszenierung, wäre ein Drittes gefragt: Kann Architektur eine Art offene „szenische Kapazität“ ausbilden, die imstande ist, unterschiedlichen Arten der Entfaltung von individuellem oder kollektivem Eigensinn im alltäglichen Handeln Ausdruck zu geben? Architekten, als „Szenografen“ im weitesten Sinne, wären dann auf ihrem ureigenen Gebiet tätig
Alban Janson, Karlsruhe
inhalt
Tante Käthe und die Baukultur Andreas Denk
Kapazität des Szenischen Alban Janson
Haben, Erleben, Sein Gerhard Schulze
Funktionalismus der Auffälligkeit Georg Franck
Für eine Architektur der Tiefe Jochen Meyer
Erleben lernen Torsten Bürklin
Zuschauer und Mitspieler Ulrich Schulze
Kaufhausatmosphären Jürgen Hasse
Wohnerlebnisse Frank-Bertolt Raith und Rob van Gool
Gespiegelte Gesten Angelika Jaekel
Ereignis: Ort Markus Weismann
Szenographie und Stadt Geza Mueller von der Haegen
Das Beispiel: adidas factory outlet, Herzogenaurach, 2002–2003
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