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preußischer stil
Eher en passant hat die Kanzlerin in ihre Ausführungen zu den Sparbeschlüssen der Bundesregierung eingeflochten, dass in deren Zuge die Finanzierung des Humboldt-Forums bis 2013 ausgesetzt werde. Natürlich triumphieren jetzt die „Schloss“-Gegner, weil sie wissen, dass drei Jahre Finanzierungsstopp für das repräsentative Bauvorhaben wahrscheinlich den Anfang vom Ende des gesamten Projekts bedeuten.
Inzwischen regt sich gegen dieses unpatriotische Triumphantentum eine Gegenbewegung, die vornehmlich in der Berliner Presse Wellen geschlagen hat. Der Bau des schlossähnlichen Museums- und Bibliothekskomplexes wird hier gelegentlich zu einer Frage der Ehre. Ähnlich wie die kapitalismuskritische Bewegung „Wir zahlen nicht für eure Krise“, die immerhin einige zehntausende Demonstranten in Berlin und Stuttgart auf die Beine gebracht hat, wollen auch die – sozial sicherlich besser gestellten – Humboldtfreunde eine sparkursbedingte Kürzung in ihrem speziell Berliner Fall ganz und gar nicht einsehen. Ihnen entgegen stehen zahlreiche Meinungen, die das Projekt relativieren oder ganz eingestellt sehen möchten.
Der FAZ-Redakteur Andreas Kilb hat in einem Beitrag für sein Blatt die Ideologisierung des Humboldt-Projekts auf den Punkt gebracht. Für Kilb nämlich wird „das Schloss, das von Anfang an ein politischer Bau war, (...) am Ende aus der Sicht der Politik beurteilt werden, nicht aus jener der Kunst und der Architektur.“ Nicht ganz unparteiisch hat Kilb die harten Fakten zusammengeführt. Daraus erhellt, dass das Sparprogramm „Schloss“ gar keines sein kann: Der Vertrag mit Franco Stella müsse erfüllt werden, die Stiftung Humboldt-Forum setze ihre Arbeit fort und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sei gezwungen, ihre Dahlemer Bauten zu renovieren, wenn sich ihr Umzug ins Humboldt-Forum verspäte. Schließlich sei der Bau der U-Bahn auf dem Schlossplatz gar nicht mehr aufzuhalten, zudem die „Bodenverdichtung unter den Fundamenten“ demnächst beginne. „Und die Humboldt-Box, das Schaufenster des gesamten Projekts, wird sowieso gebaut“, glaubt der Journalist.
Die Aufreihung der vermeintlich unvermeidlichen Investitionen und Maßnahmen, die sich quer durch die Reihen der Schlossfreunde zieht, verrät die mittelmäßig bis schlechte Argumentationslage der „Schlossbefürworter“, zu der erschwerend eine inzwischen paranoide Bewusstseinstrübung hinzukommt. Natürlich ist den meisten klar, dass der Finanzierungsstopp keine Frage der Zeit ist, sondern das gesamte Projekt in Frage stellt. Für überzeugte Rekonstruktionsfreunde stellt sich das befürchtete Scheitern des „Schlosses“ als Verschwörung vom Format der Dolchstoßlegende dar. Auch FAZ-Autor Kilb bleibt davon nicht unberührt: Er sieht den Hintergrund der Rückstellung des Humboldt-Forum-Projekts immer noch in der Auseinandersetzung um die Symbolik des Begriffs „Schloss“, der hier erneut zum Austrag komme. Und dabei seien es vor allem die Linken, westdeutsche Liberale und Konservative sowie die Haushaltsexperten aller Fraktionen, die sich gegen die „Fachleute der Kulturpolitik“ vereint hätten. Die Berliner und andere Bundesbürger, die offenbar inzwischen mehrheitlich gegen eine Fortführung des Projekts stimmen würden, spielen bei diesen welthistorischen Überlegungen keine Rolle: Denn schließlich entscheide, meint Kilb, der Ausgang dieses Kampfs darüber, „welchen Stellenwert kulturpolitische Projekte des Bundes in Zukunft haben werden“.
Doch selbst Kulturfreund Kilb stellt die künftige Nutzung des Gebäudes, das für ihn ganz klar „das Schloss“ ist, in Frage: Wenn sich der Bundestag zu einer entschiedenen Haltung zum „Berliner Schloss“ durchringe, könne im Laufe dieser Diskussion durchaus auch „der Inhalt des Schlosses und das Gefüge der Institutionen noch einmal neu bestimmt werden“. Andernfalls bliebe nur die „grüne Brache“ als „Zeichen der Armut, nicht der Sparsamkeit“.
Auch Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer hofft, dass sich der Bund an seine Zusagen hält. „Sonst müssten wir an Alternativen für den Schlossplatz denken“, verlautbarte ein Amtssprecher. Und in der Tat: Die Diskussion in der Öffentlichkeit ist neu eröffnet. Schon wieder tummeln sich mehr oder weniger sinnvolle Vorschläge für eine andere – temporäre oder dauerhafte – Nutzung des Areals in den Gazetten: Vom Do-it-Yourself-Wettbewerb zum Einheitsdenkmal über einen Skulpturengarten mit historischen Teilen der Schlossfassade bis zum Volkspalast als Gegenbild zur Touristenmeile „Unter den Linden“ reichen die Vorschläge. Doch: „Wir wollen es machen, und wir werden es machen“ soll die Kanzlerin bei der Kabinetts-Sparklausur gesagt haben, wie Kulturstaatsminister und Forumsbefürworter Bernd Neumann ausplauderte.
Inzwischen befürchtet die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, dass Minister Ramsauer Anfang Juli im Rahmen der Sparmaßnahmen die Mittel für den Städtebaulichen Denkmalschutz um 50 Millionen Euro, also um die Hälfte, kürzen wird. Gegenüber den Folgen dieser Sparmaßnahme, die die Rettung „echter“ Denkmale verhindert, erscheint der Aufschub des Baubeginns der in Berlin geplanten Teilrekonstruktion vernachlässigbar. Man kann akzeptieren – mit allem Widerwillen, der sich beim Bau eines teils barocken, teils klassizistischen, teils rationalistischen Bauwerks als Repräsentativgebäude unserer Zeit einstellt – dass die Planung des Humboldt-Forums ein politisches Symbol für das letzte Jahrzehnt war. Es ließe sich genauso gut, nein: besser damit leben, wenn der Verzicht auf den kuriosen Hybriden das politische Symbol dieses Jahrzehnts würde.
Andreas Denk.
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