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Andreas Denk
kritischer raum
Eine Handvoll Häuser mehr





Das „VitraHaus“ in Weil am Rhein von Herzog & de Meuron, 2007-2009

Weil am Rhein liegt genau im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Bis auf wenige Traditionsinseln, die an den alten Weinbauort erinnern, macht die Stadt mit ihnen 50000 Einwohnern und einer fünf Kilometer langen Hauptstraße mit einer unzusammenhängenden Anzahl von Häusern einen desperaten Eindruck: Weil ist ein Opfer der landschafts- und stadtauflösenden Gewalt, die das ausübt, was die benachbarten Schwyzer „Agglo“ nennen.





Schon wenn man auf der Schnellstraße vorbeifährt, sieht man die neueste Attraktion der Stadt: Ein Stapel von vermeintlich kreuz und quer übereinandergelegten Quadern mit Satteldächern, die an der Peripherie des Ortes eine skurrile Landmarke bilden. Der Plan zu diesem durchaus merkwürdigen Gebilde stammt aus der Architekturwerkstatt der Basler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron und ergänzt die Folie-Sammlung des Schweizer Möbelherstellers Vitra. Dessen deutsche Betriebsstätte wurde bekanntlich im Laufe der letzten 25 Jahre mit architektonischen Kreationen von Zaha Hadid, Tadao Ando, Frank O. Gehry und Alvaro Siza ausgeschmückt. Für seine „Home Collection“, die das bisher vor allem auf Büroausstattungen zugeschnittene Sortiment um Wohnmöbel erweitert, wollte Vitra-Chef Rolf Fehlbaum einen eigenen Showroom, den die Schweizer Oberflächenzauberer in einem nie gesehenen Raumkonglomerat untergebracht haben.





Die zwölf einzelnen Elemente des Häuserhaufens sind im Prinzip identisch: Die Giebelseiten sind vollständig verglast, die Seitenwände anthrazitfarben verputzt. Zwangsläufig ergibt sich nach jeder Seite – wenn man dabei von einer allansichtigen Skulptur sprechen kann – eine andere Ansicht. Dass die Seitenwände der untersten langgestreckten Hausähnlichen wie durch das Gewicht der anderen gequetscht in die Knie gehen, scheint angesichts der sowieso manieristischen Grundhaltung des gesamten Komplexes fast entschuldbar. Drei Wege führen unter den auskragenden Hauskompartimenten hindurch auf einen Hof. Sie führen vorbei an geschwungenen Holzbänken, die wahlweise die Betrachtung der pittoresken Ansicht des Bauwerks oder eines Landschaftsausschnitts ermöglichen. In einem der Hauskompartimente in Bodenhöhe ist ein Konferenzraum untergebracht, an ihm vorbei gelangt der Besucher ins Entree, wo er am Counter eine Chipkarte erhält, die den Zugriff auf Katalogdaten und Preise an speziell gestalteten Terminals in den einzelnen Schauabteilungen ermöglichen.





Die Wegeführung durch das Bauwerk beginnt mit einer Fahrstuhlfahrt, die den Besucher in den obersten Quader befördert. Von hier aus ergibt sich ein verschachtelter Weg zurück nach unten durch die kompliziert miteinander verbundenen anderen Raum-einheiten. Durch Sofas, Tische, Stühle und Lampen der „Home Collection“ hindurch, die zu hippen Wohnszenarien zusammengestellt sind, wandelt der Inspirierung Suchende von Raum zu Raum abwärts, bis er am Ende – zurück im Erdgeschoß – im natürlich Vitra-eingerichteten Restaurant oder im Shop inzwischen gewachsene Bedürfnisse befriedigen kann.





Die Verschachtelung der Hausquader spielt ein schönes Spiel: Durch die räumliche Verschränkung der einzelnen Schauräume, deren Niveauunterschiede durch Rampen und elegante Treppenschnecken überwunden werden, entsteht eine Vielzahl von Durchblicken und Einblicken, die das Gebilde zu einer räumlichen Wunderkammer machen: Das sind die stärksten Momente des Vitra-Hauses, auch wenn die vielfältigen vertikalen und horizontalen Raumdurchdringungen zu ebenso vielfältigen konstruktiven Problemen geführt haben, die nicht überzeugend gelöst worden sind. Wichtiger als die konstruktive Logik ist bei dieser Bauaufgabe seit längerem der optische Eindruck: Alle Raumkompartimente verfügen über einen großzügigen Bewegungsraum, an dessen verglasten Ende zumeist ein Anschauungsraum liegt. Er verbindet die geschmackvoll dekorierten Interieurs mit dem großflächig eröffneten Blick nach draußen – am besten auf den gegenüberliegenden Hügel mit seinen Streuobstwiesen – und baut damit ein Image von einem idealen naturgebundenen Wohnen auf.





Auf der anderen Seite folgt Realismus: Aus vielen Fenstern fällt der Blick nur auf den riesigen Parkplatz, den Vitra angelegt hat, um den individuellen Fortbewegungsmitteln des immensen Publikums eine temporäre Ruhestatt zu bieten. Im Hintergrund west dort nur die traurige Silhouette Weils. Der trostlose Ausblick über die schicken Sofas und lustigen Kindermöbel hinweg zeigt die Kehrseite des Ausstellungshauses. Es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Showcase auf einem Parkplatz – eine Handvoll Häuser mehr in der „Agglo“. Wahrscheinlich völlig von ungefähr ähnelt die Anordnung des Satteldachgefüges am Rande des Vitra-Werksgeländes dem Signet eines bekannten Baumarkts, der sich absurderweise den Namen einer weltberühmten Ausbildungsstätte in Weimar und Dessau zueigen gemacht hat. Doch diese Metapher des wahren Charakters der zeitgenössischen Architektur ist zu gewagt. Denn dass bei Herzog und de Meurons Entwurf nicht allein die büroeigenen Themen der „Stapelung“ und des „Urhauses“ eine Rolle gespielt haben könnten, sondern Scherz, Satire, Ironie oder gar tiefere Bedeutung – man möchte es nicht einmal bedenken.

Andreas Denk

Fotos: Andreas Denk


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