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Werner Sewing
Polis oder Prinz
Das Politische in der Architektur
Franco Stella, Entwurf für das Humboldt-Forum, Berlin 2008-?. Abb.: BBR/Stella
Den Berufsverbänden und Kammern der Architektur ist die zentrale Rolle der Politik, des Staates, der Länder und der Kommunen für die Architektur sehr bewusst. Die baukulturelle Bedeutung öffentlicher Wettbewerbe und der öffentlichen Hand als Bauherr wird gerade angesichts der starken, lange vor der aktuellen Krise einsetzenden Liberalisierungstendenz vehement verteidigt. Auf der rechtlichen Ebene ist dies durchaus nicht ohne Erfolg, die Autonomie der Architektur scheint gewahrt. Die Realität des Bauens indessen, so der Architektursoziologe Werner Sewing, sieht anders aus.
Franco Stella, Entwurf für das Humboldt-Forum, Schlüter Hof, Berlin 2008-?. Abb.: BBR/Stella
Der Staat hat sich aus dem Wohnungsbau komplett zurückgezogen. Die Steuerung von Stadtentwicklung ist in den Kommunen, die ihre Wohnungsbestände privatisiert haben, kaum noch möglich. Auch die öffentlichen Wettbewerbe, das wichtigste Medium des Austausches von Ideen, Konzepten, manchmal sogar Innovationen, gehen nicht erst seit der Finanzkrise rasant zurück. Auch sprechen viele Indizien dafür, dass die als Entlastung der öffentlichen Haushalte seit längerem betriebenen PPP-Projekte nicht nur kostenintensiv sind, sondern auch in der Regel qualitätsmindernd wirken. Starke private Investoren, denkt man an die grassierenden Einkaufszentren im Land, brauchen architektonische Qualität offensichtlich nicht. Das sich unter diesen zunehmend restriktiven Rahmenbedingungen die Lage der Architekten ökonomisch wohl noch prekärer entwickeln wird, ist die eine Seite. Nicht minder kritisch ist die nachlassende kulturelle Bedeutungsmacht der Architektur in der Öffentlichkeit und damit, wenn auch nicht überall, in den politischen Entscheidungsgremien zu sehen.
Im Folgenden werde ich daher nicht über die ökonomisch-politische Seite der Architektur sprechen. Hier ist der Staat mit seiner gigantischen Verschuldung zum Gefangenen der Finanzwirtschaft geworden, die er mittels dieser Verschuldung eben erst stabilisiert hat. Bisher haben keynesianische Maßnahmen, gigantische Programme zur Wärmedämmung mit ästhetisch problematischen Folgen, die Wirkung der Krise auf die Profession zwar noch abgemildert. Das viele dieser Programme, so in der Dammerstocksiedlung in Karlsruhe, ein Denkmal ruinieren, wird billigend in Kauf genommen.
Damit ist die Frage nach den qualitativen, den kulturellen und den ästhetischen Dimensionen des Verhältnisses von Politik und Architektur gestellt. In der öffentlichen Wahrnehmung von Architektur als Kultur ist das Feuilleton ein wichtiger Indikator des Stellenwerts von Architektur. Erinnern wir uns: In den neunziger Jahren hatte der Journalist Michael Mönninger die Architektur zum kulturellen Leitmedium ernannt. In der Sprache der Architektur wurden Fragen von Ökologie, Gemeinwohl, Öffentlichkeit als öffentlicher Raum und soziale Integration verhandelt. Anders als in England, in dem Architektur kein Medienecho hatte, oder in Frankreich, wo Architektur ein Element etatistischer Selbstdarstellung der Regierung war, entstand im deutschen Feuilleton der Ansatz eines bürgerlichen Architekturdiskurses, beispielsweise mit den Texten von Manfred Sack in der „Zeit“. Dieser Diskurs findet heute, vielleicht mit Ausnahme in der Süddeutschen Zeitung, nicht mehr statt. Architektur ist trotz unvermindertem öffentlichen Interesse, man denke an die „Tage der Architektur“, kein Leitmedium mehr. Mit dem Verlust der Öffentlichkeit, jenseits des unvermindert wirksamen Marketings, dem Gegenteil von politischer Öffentlichkeit, fällt dieser rudimentäre Ansatz einer bürgerschaftlichen Diskussion von Architektur weg. Die Rede von der Bürgergesellschaft, der Polis, verweist daher eher hilflos auf eine politische Unklarheit bei der sozialen Erdung der Profession. Was ist die Bürgergesellschaft, wenn sie mehr sein soll als die Bürgerinitiativen, mit denen die Architekten eher schlechte Erfahrungen gemacht haben?
Anspruch und Wirklichkeit: Stellas Entwurf und der Ist-Zustand 2010
Fotos: www.abload.de (1), BBR/Stella (1), Alexander Hüsing (1)
Polis
Die Mehrdeutigkeit der Politikbegriffe ist eine der Quellen der Unübersichtlichkeit der Thematik. Historisch ist Architektur, neben ihrer Bedeutung für die herrschaftliche Repräsentation, vor allem über den Begriff der Öffentlichkeit und des öffentlichen Raums, an die politische Sphäre angeschlossen worden. Als „öffentliche Kunst par excellence“ beansprucht sie politische Deutungsmacht und es wird ihr eine politische Qualität unterstellt.
Diese Bestimmung verweist auf das aus der Antike überkommene Verständnis von polis, res publica oder societas civilis, ein Verständnis, nach dem die Vergesellschaftung nicht wie in der liberalen Theorie des neunzehnten Jahrhunderts ein privatrechtlich geregeltes Verhältnis von Privatleuten ist, sondern über einen gemeinsamen Bezug auf das Gemeinwohl hergestellt wird.
Als öffentliches Tugendsystem begründet es jenseits der privaten Sphäre des Oikos oder des ganzen Hauses (Otto Brunner) eine politische Sphäre, in deren Medium alle öffentlichen Angelegenheiten der bürgerschaftlichen Beschlussfassung unterliegen. Der exklusive Begriff von Bürger, der erst im Gefolge der amerikanischen Revolution (citizen) demokratisiert wurde, berechtigte, ja verpflichtete zur gleichberechtigten Teilhabe an allen die politische Gemeinschaft betreffenden Entscheidungen. Nach einem Fortwirken dieser öffentlichen Definition von Gemeinwesen im mittelalterlichen Städte- und Genossenschaftswesen und nach seiner klassischen Reformulierung im Republikanismus der Renaissance, hatte die Sprache der res publica bis in das ausgehende achtzehnte Jahrhundert Bestand.
Herzog & de Meuron, Elbphilharmonie, Hamburg 2003-2012, Abb.: Herzog & de Meuron
Gleichwohl veränderte sich ihr politischer Inhalt. Im Absolutismus des neuzeitlichen Staates wurde auch das hierarchische Herrschaftsverhältnis zwischen Monarch und Volk, das nicht auf politische Teilhabe, sondern im Sinne der Weberschen Herrschaftssoziologie auf Befehl und Gehorsam basierte, mit den Begriffen des bonum communis, der res publica und der Öffentlichkeit gefasst. Erst mit dem Auseinandertreten von Staat und bürgerlicher Gesellschaft im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert, wie es Hegel theoretisiert hat, wird Öffentlichkeit zu einem Synonym für räsonierende Privatleute im vorpolitischen Raum und schließlich zur Medienöffentlichkeit.
Der intrinsische politische Charakter von Architektur rührt aus der seit der Antike bekannten Verbindung der Bestimmung des Politischen als öffentliche Angelegenheit aller Bürger, als „ta politica“ in der griechischen Polis oder als „res publica“ in Rom, mit der Bestimmung des gebauten Raums als öffentlich her. Die Verräumlichung des Öffentlichen in der Agora der griechischen Polis ist ein bis heute wirksames Bild von öffentlichem Raum. Der Althistoriker Christian Meier weist darauf hin, dass in Frankreich hierfür der Begriff des „espace civique“ gebraucht wird. Diese politische Ladung des Begriffs „Öffentlicher Raum“, der fließende Übergang von sozialer und räumlicher Sprache und die soziale Kodierung der klassischen Architekturprogramme sind ein Erbe der okzidentalen Vorstellung von Urbanität, das selbst nach seiner Entwertung in der modernen Stadt als Problem, und immer auch als Utopie präsent geblieben ist.
Öffentlichkeit im politischen Sinne, öffentlicher Raum als Platz oder Straße, und Stadt als gebaute und politische res publica bilden ein normatives Syndrom, von dem die Architektur in ihrer professionellen und zugleich gemeinwohlorientierten Selbstbestimmung bis heute gezehrt hat.
Herzog & de Meuron, Elbphilharmonie, Hamburg 2003-2012, Abb.: Herzog & de Meuron
Prinz
Die am Staat orientierte Architektur wird mit dessen tendenziellem Rückzug zusehends mit der kritischen, oft sehr modernemüden, ja feindlichen öffentlichen Meinung konfrontiert. Aus dem konservativen kulturellen Klima erwächst der Architektur wohl die eigentliche politische Gefahr: eine Gefahr, die aber nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern in der Profession selbst angesiedelt ist, von Krier bis Kollhoff.
Die Sehnsucht unserer sozialen Mitte nach Tradition, Ordnung, Harmonie und Konvention wird durch die aktuelle Krise und einer Entwertung der Mittelschichten gewiss beschleunigt. Das Legitimationsdefizit der Modernenachfolge hat sich mittlerweile bis in die Fachzeitschriften ausgewirkt, die den Themen von Rekonstruktion oder Neotraditionalismus eigene Themenhefte widmen (archithese 5.2008, deutsche bauzeitung, 6.2010).
Es scheint, als löse sich der Gegensatz von Polis und Prinz, politiktheoretisch kein geringerer als der Gegensatz von Politik und Monarchie, im Architekturverständnis der Öffentlichkeit auf. Die Polis ruft nach dem Prinzen. Denn nur er hat noch die natürliche Autorität, die selbstverständlichen Schönheitsvorstellungen gegen deren professionelle Deformation einzuklagen und zu verteidigen: „Baut auf den Prinzen“ (Rauterberg, Die Zeit, 14.5.2009).
Herzog & de Meuron, Elbphilharmonie, Hamburg 2003-2012, Abb.: Herzog & de Meuron
Der Stuttgarter Kunsthistoriker Klaus Jan Philipp hat als Schlussfolgerung seiner präzisen Analyse der Stil-Melange an den erfolgreichen Hegehof-Terrassen in Hamburg des Architekten Matthias Ocker formuliert: „(...) es ist ein städtisches Haus, das sich nicht lautstark und belehrend in den Vordergrund drängt, sondern hanseatisch zurückhaltend den Bedürfnissen gehobenen Wohnens genügt. (...) Niemand muss etwas über Palladio, den Barock, die Hamburger Bautradition, wissen, um dieses Haus zu verstehen, um sich mit ihm als Bewohner zu identifizieren. Was muss einen da das Bauchweh des Architekturhistorikers ob all der Widersprüche scheren, wenn man sich doch wohlfühlt.“ Soweit der Kunsthistoriker als Psychologe. Und nun als Geschichtsphilosoph im Gefolge von Hegel: „(...) das nun zwangsläufig folgende ‚Aber’, wo denn die Moderne, unsere heutige Zeit bleibe, muss verstummen, denn unsere Zeit ist nicht nur die avanciertester Technik, sondern auch die Zeit von Retromoden und Rekonstruktionen. Authentizität und Stileinheit wird man für die heutige Architektur anders definieren müssen als für zurückliegende Zeiten.“
Die Politik der Architektur also ist gegenwärtig gefordert. Die Profession als politische Kultur, als interne Diskussion und als Dialog mit der Öffentlichkeit wird zum drängenden Thema.
Prof. Dr. Werner Sewing (*1951) ist außerordentliches Mitglied des BDA. Nach zahlreichen Lehraufträgen und Gastprofessuren, unter anderem in Braunschweig, Stuttgart und Berkeley/USA, lehrt Werner Sewing seit 2008 Architekturtheorie am Institut für Entwerfen, Kunst und Theorie der Universität Karlsruhe.
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