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Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
Wolfgang Pehnt
BDA-Architekturpreis Nike
Eine selbstverständliche Partnerschaft




David Chipperfield Architects, Neues Museum Berlin, Foto: Jörg von Bruchhausen


Im Casino der Zeche Zollverein wurde im Anschluß an den 6. BDA-Tag der Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten BDA, die Große Nike, verliehen. Im Rahmen dieser feierlichen Abendveranstaltung hielt der Architekturkritiker und –historiker Wolfgang Pehnt die Laudatio auf das Gewinnerprojekt.

Die ausgezeichneten Nike-Projekte sind wie eine kleine Revue deutscher Gegenwartsarchitektur, oder richtiger: der gegenwärtigen Architektur in Deutschland. Denn dass die Szene international geworden ist, das ist eine Tradition schon seit der Wiederaufbauzeit, die sich gegen die zwangsverordnete Abschließung während der NS-Zeit etabliert hat. Aus den Nachbarländern, zunächst vor allem Skandinavien, den Niederlanden und der Schweiz, dann aber aus allen westlichen Industrienationen sind wieder und wieder Architekten als Gäste eingeladen worden, haben ihre eigene Handschrift und ihre besonderen Problemlösungen eingebracht. Mit den Internationalen Bauausstellungen seit der Berliner Interbau 1956, einer Spezialität der Bundesrepublik, ist diese Zusammenarbeit institutionalisiert worden. Heute ist sie im europäischen Ausschreibungsrecht bei größeren Aufgaben der Öffentlichen Hand ja auch vorgeschrieben.

Es hat aus den Reihen der Architekten gelegentlich ein untergründiges Grummeln gegen diese internationale Vergabepraxis gegeben, bei der viele schöne Aufträge an die Gäste von draußen gingen. Aber seitdem das Büro des prominentesten Grummlers von damals seinerseits mit außerordentlichem Erfolg weltweit agiert – und nicht nur seines –, scheint diese Kritik sich gelegt zu haben. Ich denke, dass die Präsenz ausländischer Kollegen der deutschen Bauszene sehr gut getan hat. Sie hat Maßstäbe gesetzt, die Konkurrenz geschärft und bringt, hoffentlich, die Architekten in unserem Land dazu, an der eigenen Profilierung zu arbeiten. Auch die Arbeiten, die unsere Jury auf die Shortlist gesetzt hatte, stammen nicht nur von Landsleuten, sondern auch von dänischen, niederländischen und britischen Büros, von Japanern, Spaniern, einem Schweizer. Dass die Kollegen von draußen auf die jeweilige lokale Situation nicht so angemessen eingehen könnten wie ihre ortsansässigen Fachgenossen, bestätigt sich nicht. Vielleicht hat man manchmal sogar den schärferen, den fremden Blick für das Eigenartige einer Konstellation, wenn man von außen kommt.

Veranstaltungen wie diese machen Mut, den Architekten, den Bauherren, den Nutzern, der Öffentlichkeit; das sollen sie auch. So gut, so städtebaulich bezogen, so atmosphärisch, so symbolhaltig, so raumbildend, so detailscharf, so sozial gewissenhaft, so ressourcensparend, so preisbewusst kann Bauen sein. Manche weitere Bauten aus den letzten Jahren hätte ich mir in die Auswahl gewünscht, die aus den Preisvergaben der BDA-Landesverbände zusammengetragen worden ist. Da könnte der BDA an den Modalitäten seines Wettbewerbs noch arbeiten. Doch auch so stellt sich so etwas wie eine anspruchsvolle Veranschaulichung des Möglichen her. So hoch können und sollten wir unsere Qualitätsansprüche stellen, denn sie lassen sich ja erfüllen, wie dieser Architekturpreis zeigt. Dass wir hier nicht von der breiten Realität dessen sprechen, was landauf landab geschieht, darüber müssen wir uns nicht verständigen.

Architektur hat mit Zeit zu tun, mehr als andere Künste. Sie hat mit der Vergangenheit zu tun, denn wo der Bauende auftritt, ist immer schon etwas da, mit dem oder gegen das er arbeiten muss. Und Architektur hat mit der Zukunft zu tun. Bauen ist ein zukunftsbezogenes Handeln. Für was, wenn nicht für die Zukunft bauen wir (auch wenn sich die Amortisationsfristen dramatisch verkürzt haben – bei manchen Bauaufgaben auf zehn Jahre). Im Wort „projektieren“, „nach vorne werfen“ ist die Zukunftsbezogenheit aller planerischen Tätigkeit enthalten.

In unserem Wettbewerb gibt es eine Reihe von Bauten, die diese Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft in ganz besonderer Weise austragen, weil sie vorhandene, alte Substanz fortsetzen, überbauen, umformen, sich einhausen in das, was schon da ist. Bekanntlich wird diese Aufgabe die Architekten mehr und mehr beschäftigen. Schon heute sind hierzulande mehr als die Hälfte aller Aufträge Arbeiten im Bestand. Der Bestand hat seine eigenen Gesetze, und zwar jedes Mal andere. Man kann sich ihm nicht mit vorgefassten Lösungen nähern; er verlangt Zeit. David Chipperfield beispielsweise hat zehn Jahre gebraucht, um sich mit dem Bestand des Neuen Museums zu verständigen. Von Entschleunigung als einer Bedingung glücklichen Lebens ist in manchen Lebenshilfe-Ratgebern die Rede. Auch das glückliche Leben der Bauten kann davon abhängen, wie viel Zeit sich einer für den Dialog mit ihnen nimmt, ob er fix und fertige Vorstellungen anwendet, was der Rentabilität seines Büros und der schnellen Amortisierung des Bauherrenkapitals entgegenkommt, oder ob er seine Gedanken in der geduldigen Befragung des Bestands entwickelt und umsetzt.




David Chipperfield Architects, Neues Museum Berlin, Foto: Ute Zscharnt


Wenn Vergangenheit ins Spiel kommt, scheint der Wille der Mehrheit heute dahin zu gehen, die Illusion vollständig herzustellen, das Alte so abzubilden, als sei es nie verloren gegangen. Heißt das, sich geschichtlich zu verhalten? Entweder der atemlosen Jagd nach dem Neuen nachzugehen oder so zu tun, als habe sich nie etwas geändert (nur der Heizölverbrauch soll bitte schön doch stimmen und die Tiefgarage regensicher erreichbar sein)? Es gibt in unserer Auswahl eine Reihe von Beispielen, die es schaffen, eine überzeugende dritte Position zwischen der detailgetreuen Rekonstruktion und der neuen Erfindung zu beziehen, ohne einen lauen Kompromiss zu schließen: die Spuren des Geschehenen zu bewahren, der Gegenwart zu ihrem Recht zu verhelfen und die Zukunft offen zu halten.

Auch innerhalb dieser Gruppe, die beim Blick zurück nicht auf die Totalrekonstruktion setzt und das Originale und Authentische zu bewahren, aber nicht zu überformen sucht, gibt es Meinungsfronten. Lange schien es so, als sei die Kunst der Fuge der angemessene Umgang mit historischer Substanz: hier das Neue, dort das bewahrte Alte, und dazwischen die deutliche Zäsur, der harte Schnitt, der plötzliche Materialwechsel, der gläserne Übergang. Ich denke an Carlo Scarpa, bei uns zu Lande an Karljosef Schattner in Eichstätt. Heute will es mir vorkommen, als gewännen diejenigen die Oberhand, denen der Gesamteindruck wichtiger ist, das Ensemble, das Ganze. Vom „Ende der Wundpflege“ liest man heute öfter – und unter „Wundpflege“ war der Eingriff mit dem Chirurgenskalpell gemeint. Der demonstrative oder zumindest pädagogische Zeigegestus („zeigt her Eure Wunden“) tritt in den Hintergrund. Da bahnte oder bahnt sich eine andere Haltung an, ohne dass solchem größeren Harmoniebedürfnis eine Nähe zum blinden Wiedergängertum der Rekonstrukteure vorzuwerfen wäre. Auch seine Vertreter wollen die Bewahrung dessen, was war, in der verantwortlichen Auseinandersetzung mit dem Neuen.

Und dann begegnen uns manchmal Bauten, bei denen, was sich wie ein Konflikt anhört, ganz unerheblich wird. Wo der erhaltene Ruinenzustand weder demonstrativ vorgewiesen noch beschwichtigend geglättet wird. Wo die neue Erfindung nicht kraftmeierisch auftritt, aber sich auch nicht anpasserisch kleinmacht. Wo man als Besucher und Betrachter in diesen Begriffen gar nicht mehr denkt, sondern das eine und das andere, das gerettete Alte und das hinzugefügte Neue, eine ganz selbstverständliche Partnerschaft eingehen. Wo man in ein Spiel hineingezogen wird, in dem das einzelne Ding seine Herkunft bewahrt, aber vorbehaltlos Beziehungen zu den anderen Dingen aufnimmt. Wo man die Methode, mit der es gemacht ist, vergisst, weil die Sachen selber zu sprechen beginnen.

Die ganze Zeit über, man ahnt es, hatte ich einen bestimmten Bau vor Augen: ja, Chipperfields Neues Museum. So bin ich froh, dass die ganz überwiegende Mehrheit der Jury der Meinung war, dieser wunderbare und in harten Auseinandersetzungen durchgesetzte Bau solle nicht nur wegen seiner Details gerühmt werden, sondern auch wegen der ganzen Gestalt, die er gewonnen hat. Der große Preis des BDA, die so genannte Große Nike: auch sie geht an David Chipperfield Architects.


Prof. Dr. Wolfgang Pehnt, 1931 in Kassel geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Marburg, München und Frankfurt und promovierte in Frankfurt. Der Architekturkritiker schrieb zahlreiche Buchpublikationen zur Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zu seinen Hauptwerken zählen „Die Architektur des Expressionismus“ und „Deutsche Architektur seit 1900“. Er kuratierte Ausstellungen unter anderem im Museum für Angewandte Kunst Köln und in der Akademie der Künste AdK Berlin. Wolfgang Pehnt lebt und arbeitet in Köln.
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