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Heft 4 / 2000
Britains' Millenium
inhalt
Land der Nomaden, Krämer und Krieger
Michael Spens
Der Autor deutet den allenthalben anzutreffenden Eklektizismus der britischen Architektur als Ausdruck nationaler Expansionsbetrebungen und das Faible für pseudohistorische Formen als nostalgische Verklärung der Vergangenheit. Doch das Ende der Splendid Isolation Großbritanniens ist in Sicht: So verzeichnen Protagonisten der britischen Architektur wie Norman Foster, Richard Rogers oder Nicholas Grimshaw - vor allem in Deutschland - Auslandserfolge. Umgekehrt kommt es zu "Importen", wie Daniel Libeskinds Erweiterung des Victoria & Albert Museum in London oder Herzog und de Meurons Bankside Tate Gallery. Trotz nachhaltiger Skepsis der Briten gegenüber der europäischen Union, zeigen sich Auswirkungen der Globalisierungen auch in der Bauindustrie und im Finanzsektor.
Philosophie der Partnerschaft
Giles Dolphin
In Harlow, Stevenage oder Hemel Hempstead entstanden Architektur- und Lebenskonzepte, die ihre Vorbildlichkeit dem Umstand verdanken, daß sie nicht von Stadtplanern, sondern von Architekten entworfen wurden. Der Wiederaufbau kriegszerstörter Städte aber war geprägt von der typisch britischen Aufgabenteilung zwischen Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern, Baubehörden und Ingenieuren. Infolge der europäischen "Integration" Großbritanniens und einem neuen Sinn für europäische Werte entstand eine neue "Philosophie der 'Partnerschaft'. Diese wird für eine nachhaltige Entwicklung der Bau- und Stadtentwicklungspolitik nach tendenziell europäischem Vorbild sorgen und höhere Wohndichten, eine geringere Abhängigkeit vom Auto, bessere Architekturen und Gestaltungen bewirken.
Britische Architekten zwischen Großbüro und Arbeitslosigkeit
Jeremy Melvin
Der Status der britischen Architekten ist gefährdet. Margaret Thatchers Kampf gegen öffentliche Ausgaben, gegen die Inflation und ihre Abschaffung der Gebührenordnung für Architekten führten zu einer Verrohung der Architektur. Die Bauunternehmen reagierten mit praktischen, aber unansehnlichen "Design-and-built-Paketen"; einzelne Architekturbüros gingen an die Börse - auch das ein Schlag ins Wasser. Neuere Untersuchungen zur Lage der Bauindustrie kommen zum Ergebnis, daß ein Drittel aller Baukosten bei einer stringenter organisierten Bauplanung eingespart werden könnten. Arbeitsgruppen sollen klären, wie die Empfehlungen umgesetzt werden können und welche Rolle dabei den Architekten zukommt. Wollen sie als freie Architekten überleben, müssen Architekten heutzutage auch ökonomische Überlegungen anstellen und die Bereitschaft signalisieren, die Investitionskosten gering zu halten.
Schwarz und Braun in Großbritannien
Elsie Owusu
Frauen und Angehörige von Minderheiten bekommen es schnell zu spüren, daß Hierachiedenken und Unterdrückung zum Alltag britischer Architekturbüros gehören. Die anfang der neunziger Jahre ins Leben gerufene Society of Black Architects berichtet über Diskriminierungen schwarzer Architekten. Häufig verlassen asiatische, schwarze und weibliche Architekten die Büros, um in der Selbständigkeit ihre eigenen Bauvorstellungen verwirklichen zu können. In vielen Fällen stammen ihre Auftraggeber aus dem Kreis ihrer Landsleute. Da dank der neuen Labourregierung in Sachen Architektur nun ein frischer Wind durch Großbritannien weht, besteht die Hoffnung auf ein geistig-kulturelles Klima, das die Architekten und Gestalter aller Rassen, Kulturen und Fachrichtungen zum Zuge kommen läßt.
Großbritanniens Millenium
Richard Carr
Aufgrund der Auflösung bezirksübergreifender Planungsbehörden unter der Thatcher-Regierung übernahmen vor allem Körperschaften, die öffentlich Gelder vergeben, die Initiative für größere Bauvorhaben. So traten besonders der Arts Council, der National Heritage Fund oder die Millenium Commission in Erscheinung und sorgten so auch in strukturschwachen Regionen für Neu- oder Umbauten von Theater- oder Kultureinrichtungen, die helfen sollen, Arbeitsplätze zu schaffen und die Wirtschaft und den Tourismus anzukurbeln. Im Rahmen dieser Millenium-Projekte entstanden auch Natur- und ökologische Sanierungsprojekte. Einige dieser Projekte bringen nicht die erwartete Besucherzahl, was mitunter zur Reduktion der Geldzuschüsse führt, da die Förderer nicht gewillt sind, in die laufenden Kosten zu investieren. Es zeigt sich, daß nicht nur die Betriebskosten, sondern oft mit dramatischen Konsequenzen auch die Baukosten unterschätzt wurden.
Secure by Design
Bill Hillier
Da Städtebau die Kriminalität beeinflusst, gibt es in Großbritannien seit zehn Jahren die Kampagne Secure by Design; darin beraten von den Polizeidirektionen ernannte "architektonische Liaison-Beamte" Architekten und Bauträgergesellschaften bei der Entwicklung architektonischer Strategien zur Vermeidung von Kriminalität. Sie empfahlen, Wohnhäuser in kleinen Gruppen um Sackgassen anzuordnen, um das Eindringen von Fremden und Passanten zu verhindern. Heute hingegen will man die Wohngebiete für Passanten und Fahrradfahrer durchlässiger und durch Frequentierung sicherer machen. Doch einfache Statistiken helfen nicht weiter, und insbesondere zur Frage des Verhältnisses von Bebauung und sozialer Einwohnerstruktur fehlen verläßliche Untersuchungen. Das Space Syntax Laboratory des University College London hat Computerprogramme entwickelt, deren dreidimensionale städtische Raumdisposition eine "syntaktische" Analyse erlaubt. Die bisherigen Forschungen führen zu dem Schluß, daß von Passanten bevölkerte Straßennetze, kurze gerade Sackgassen mit Nachbarschaftkontakten und guten Sichtbeziehungen zum öffentlichen Raum zur Verhinderung von Kriminalität beitragen und zudem für städtebauliche Abwechslung sorgen.
Ein teures Vergnügen
Richard Carr
Das London Eye von David Marks und Julia Barfield und der Millenium Dome von Richard Rogers gelten als die Millenium-Bauten Londons schlechthin. Der Zweck des heute in Schauräume geteilten Dome, dessen Bau 778 Millionen Pfund verschlang, blieb immer etwas unklar, und die Besucherzahlen erfüllten die Erwartungen nicht - was beides nicht untypisch ist für die nach der Abschaffung der übergreifenden Planungsbehörden entstandenen Millenium-Projekte. Eine einheitliche Planungsvision gab es dagegen - dank eines Non-profit-Zusammenschlusses von Bürgern und Firmen - für die Millenium-Mile am Südufer der Themse, wo Theater, Museen, Kinos, Wohn- und Bürokomplexe entstanden. Ein Experiment städtebaulicher Siedlungsplanung ist das 1400 Neubauten umfassende energie- und kostenbewußte Millenium Village von Ralph Erskine. Darüberhinaus entwarfen Stadtplaner neue Fußgängerrouten durch London. Das größte aller Projekte ist die 3,3 Milliarden Pfund teure, unter Mitwirkung verschiedener bekannter Architekten entstandene faszinierende Jubilee Line-U-Bahnstrecke.
Die Demontage der Stadt
Stuart MacDonald
Für den Autor ist Glasgow ein typisches Beispiel einer post-industriellen Stadt mit verfallenden Fabriken, Schmuddelecken und städtebaulichen Lücken und Fragmentierungen. Bauaktivitäten am Südufer der Clyde, wo ein Campus für Medieneinrichtungen entsteht, sollen das Viertel beleben und die Teilung der Stadt in eine Süd- und Nordhälfte überwinden helfen. Nicht zuletzt als "Europäische Kulturstadt" und als britische "Stadt für Architektur und Design 1999" suchte Glasgow, Kunst und Kultur für den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu nutzen. Es enstand die zukunftsweisende Siedlung Homes of Future, die das städtebaulich isolierte Arbeiterviertel an die wohlhabende Merchant City anbindet. Das Projekt Five Spaces will "Neue urbane Landschaften für Glasgow" und einen neuen Zusammenhang zwischen Kunst, Architektur und Landschaft schaffen. Hier wie auch in anderen größeren Bau- und Umbauprojekten zeigt sich, daß Bürgerbeteiligung und das Zusammenwirken von Bürgern, Künstlern und Architekten ein probates Mittel der Stadtentwicklung sind
Zusammenfassung: Alice Sárosi, Martin Seidel
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