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Deutsches Architektur Zentrum



Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
Heft 4 / 2001
Shrink positive ?


inhalt


Blaue Städte in Sibirien
Barbara Engel

Seit Perestroika kämpfen die in den fünfziger Jahren im Osten Sibiriens angelegten Städte mit Abwanderungstendenzen der Bevölkerung und der Umsiedlungen von Staats- und Wirtschaftskonzernen. Das Stadtbild mit der Zersiedelung der Räume und einem hohen, den Datschen-Siedlungen zu verdankenden Flächen- und Landschaftsverbrauch spiegelt aber weder den Bevölkerungsrückgang noch den wirtschaftlichen Niedergang. Dabei besitzen zumindest einige dieser Städte in städtebaulicher, stadtökonomischer und wirtschaftlicher Hinsicht gute Entwicklungspotentiale. So stellt sich die Frage, welche Leitbilder, insbesondere welche umweltverträglichen und identitätsbildenden Leitbilder bei der Umstrukturierung dieser “blauen” Städte herangezogen werden können. Möglicherweise könnte sich Rußland – trotz gänzlich verschiedener Rahmenbedingungen – an deutschen Beispielen des Umbaus von Großsiedlungen orientieren und beginnen, sich “in die internatioanle Diskussion der globalen Gemeinschaft” einzumischen.

Schrumpfende Städte: Chancen der Einwanderung
Eberhand von Einem

Die Zukunftsaussichten für die oft völlig deindustrialisierten ostdeutschen Städte sind dramatisch. Als bestes Mittel gegen die teils extrem starken Abwanderungstendenzen, den Geburtenrückgang und die Umzüge ins Umland empfiehlt der Autor entsprechende Arbeitsplatzangebote und eine effiziente Migrationspolitik. Intelligente Stadtentwicklungskonzepte für schrumpfende Städte enden allerdings nicht mit stadt- und wohnungspolitischen Strategien, sondern sollten multidisziplinär soziale und ökonomische Kriterien verbinden. Statt die Baubestände abzureißen, sollten sie für schlechtere Zeiten “eingemottet” und konserviert werden.

Platte – leer und weg
Martin Stein

Trotz Bemühungen um mehr Lebens- und Wohnqualität kam es 1999 in Wolfen-Nord zum Wegzug vieler Bewohner und zu einem zunehmenden Wohnungsleerstand, der die Mieteinnahmen schrumpfen ließ. Vom Städtebauministerium Sachsen-Anhalt wurden für den Abriss von Plattenbauwohnungen Entschuldung der Eigentümer und Fördermittel in Aussicht gestellt. So werden in Wolfen-Nord jährlich etwa 400 Wohnungen abgerissen, wobei die Zuschüsse des Landes nicht mehr vom Städtebauministerium kommen, sondern für Sozialplanungen und Umzugsmanagement, für die Gestaltung leer geräumter Flächen und für städtebauliche Planungen vergeben werden. Dabei ist insofern aber keine Verringerung des Wohnungsleerstands abzusehen, als auch die Einwohnerzahl abnimmt. Deshalb bleibt weiterhin zu fragen, wie man die Plattenbausiedlungen langfristig zu lebendigen Stadtteilen entwickeln kann. Dabei ist, so Martin Stein, nicht nur auf Rückbau zu setzen, sondern in Verbindung mit den Interessen kommunaler Stadtwerke, von Schulen und Altersheimen, Händlern und Gewerbetreibenden und der entlasteten Wohnungsunternehmen auch auf Weiterbau.

Staatsplanthema Abbruch
Marta Doehler

Die Autorin stellt fest, daß die Aufbauleistungen des vergangenen Dezeniums in den neuen Bundesländern wegen dem anstehenden Abriß von 300.000 bis 400.000 Wohnungen keinesfalls “nachhaltig” waren. Dabei sei fraglich, ob die Leerstände beseitigt werden können und ob sich die Situation bei einer Reduzierung der Bestände verbessern würde. Der sich auf Abbruch gründende Ansatz von Leerstandsbewältigung, Wohnungsmarktbereinigung und Insolvenzprävention erstreckt sich auch auf die bislang unangetasteten Plattenbaubestände. Dabei gibt Doehler zu bedenken, daß im Laufe der Jahre aus den “Wohnmaschinen” lebendige “Wohnviertel” geworden sind, die eher angepaßt, als abgerissen werden sollten. Fraglich ist, wie sich Innenstadtquartiere entwickeln werden, wo jedenfalls eine soziale Entmischung stattfindet, die sich kaum mit der Idee der "Europäischen Stadt" als Ort der sozialen Verträglichkeit vereinbaren läßt. So muß sich die öffentliche Hand um ein “sinnvolles räumliches Verteilmuster von Stadtleerstand und Stadtnutzung” kümmern und für die Stadtquartiere – jenseits der Abrißmaßnahmen – Leitbilder entwerfen, “die ein Leben mit dem Leerstand und der Brache einschließen”. Entgegen älteren Prognosen sind die Folgen solcher Entleerung der Städte: „Perforierung des Bestands, Fragmentierung der Strukturen, Dispersion des Wohnens auch mitten in der Stadt, eine Peripherisierung der innerstädtischen Quartiere“. Die zukünftige Stadt wird, so Doehler, gleichzeitig dicht und aufgeräumt und andererseits leer, weiträumig und unordentlich sein.

Leere Wohnungen in Leipzig – Abriß Ja oder Nein?
Gespräch im Leipziger Hörfunksender “Mephisto 97,6” (Moderation: Carsten Mügge)

An dem kürzlich ausgestrahlten Radiogespräch nahmen Hinrich Lehmann-Grube, Thomas Topfstedt und Iris Reuther teil. Lehmann-Grube war als ehemaliger Oberbürgermeister von Leipzig und als Vorsitzender der von der Bundesregierung eingesetzten, auch “Abrißkommission” genannten Kommission “Wohnungswirtschaftlicher Wandel in den neuen Bundesländern” geladen. Als Experte für die Leipziger Architektur trat der Kunstgeschichtsprofessor Thomas Topfstedt von der Universität Leipzig auf. Iris Reuther kam zu Wort als Architektin und Stadtplanerin mit ganzheitlichen Konzepten für die “Stadt der Zukunft”.

Gedankenspiel: shrink positive
Christine Weiske

Die Autorin referiert über eine kürzlich in Chemnitz abgehaltene Tagung zu “Überlagerungen von Transformation und Globalisierung in ostdeutschen Städten”. Diskutiert wurden etwa die Motive der Suburbanisation, die Phänomene „soziale Nähe“ und „räumliche Entfernung“ sowie das Überleben der Kleinstädte. Dabei wird „Stadt“ durchweg als „Vielperspektivenphänomen“ begriffen, das sich vor allem über die darin wohnenden, arbeitenden, waltenden und gestaltenden Menschen definiert. In schrumpfenden Städten gerät diese Ausdifferenzierung der Macht aus den Fugen, so daß Regulierungsbedarf ensteht, der sich vor allem in der Eigentumsfrage samt den damit verbundenen Gestaltungsrechten sowie in neuen Partizipationsverfahren niederschlägt. Eine wichtige Rolle spielte in den Beiträgen imer auch die Verknüpfung lokaler und globaler Belange. Besonderes Interesse galt auch den Entwicklungspotentialen der schrumpfenden Städte insbesondere, was die sozialen Dimensionen der Stadt- und Regionalentwicklung anbelangt.

“Hände weg, liegenlassen!”
Karl Ganser

Das Thema der schrumpfenden Städte und das Problem der Wohnungsleerstände läßt sich nicht an den neuen Ländern und alleine an Wohnsiedlungen und Wohnungswirtschaft festmachen. Es gibt auch einen ausgeprägten „Flächennotstand“ durch stillgelegte Gewerbe- und Industrieanlagen, militärische Liegenschaften und nutzlose Areale der Bahn AG. Konversion als Heilmittel bewahrte sich in einigen Fällen, in vielen Fällen aber versagte es. Das ist zurückzuführen auf die regionale Überschätzung der Wachstumskräfte und auf das Wunschdenken von Entwicklungsagenturen und Developern. Dabei erscheint das einfache, freilich wenig populäre und aus geschäftlicher Sicht verlockende Prinzip des Liegenlassens hinsichtlich Nachhaltigkeit, des sparsamen Umgangs mit öffentlichen Mitteln, des vernünftigen Umgangs mit der Geschichte und der Kultur des neuen Bauens als besonders vernünftig. Nordrhein-Westfalen hat als einziges Bundesland bereits 1979 mit einem Grundstücksfonds für den Ankauf von Altliegenschaften und neuerdings mit einer Stiftung für Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur Instrumente geschaffen, die behutsame Entwicklungen und eine spekulationsfreie Verwertung ermöglichen. Ansonsten aber sind die „Förderbürokratien“ kaum bereit, „Hilfen für das vermeintliche Nichtstun zu geben“. Nach Ganser sind die öffentlichen Mittel „nicht knapp. Knapp bemessen ist die Intelligenz, mit der sie verwendet werden.” Das zeigt sich etwa in den neuen Bundesländer an den hohen Zuwendungen für Sanierungen nach fragwürdigen Modellen. Ein Grund der grassierenden Forderung nach „Sanierung“ und „Re-Kultivierung“ in Sachen Industriebauten liegt in einer gewissen volkstümlichen Rückwärtsgewandheit und diesbezüglich allzu anpassungsbereiten Politikern. Für den „Wandel des Strukturwandels“ sind, so Ganser, zum einen lokale, mit den Problemen vor Ort verrtaute Initiativen nötig. Zum andern müssen Landschaftsarchitekten, Architekten, Stadtplaner, Künstler, Musiker, Theaterleute und Designer bei der Schaffung einer „inszenatorischen das Architektur“ zusammenwirken, um so neue Zeichen zu setzen, die „Unschöne“ als äußeres Abbild des „Ungesunden“ vertreiben.

Görlitz wird europatauglich
Hans Petzold

Im vergangenen Jahr forderte das Bundesministerium für Bildung und Forschung deutsche Städte auf, im Rahmen eines Wettbewerbs Leitbilder bis zum Jahre 2030 zu entwickeln. Von 110 Projektanträgen wurden 21 ausgewählt, darunter das „Gemeinsame Leitbild für die Europastadt Görlitz/Zgorzelec“. Das Projekt der binationalen Europastadt soll im Rahmen der Europäischen Integration dazu beitragen, Disproportionen der Stadtstrukturen und infrastrukturelle Defizite der seit Ende des zweiten Weltkrieges geteilten Stadt zu überwinden. So ist beispielsweise zu fragen, ob und wie der Görlitzer Wohnungsleerstand mit der Zgorzelecer Wohnungsnachfrage auszubalancieren ist. Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec hat alle Voraussetzungen, sich zu einem geistigen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum in der Mitte Europas zu entwickeln. Momentan arbeiten deutsch-polnische Wissenschaftlergruppen daran, Grundlagen für das Zusammenwachsen der Stadt etwa in rechtlicher und infrastruktureller Hinsicht zu erarbeiten. Dabei muß die Stadtentwicklung zukunftsfähigen bauräumlichen Leitbildern folgen. Vorbild bleibt der Stadttyp der „Europäische Stadt“, der sich in seiner Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit an veränderte Rahmenbedingungen über Jahrhunderte bewährt hat.

Botschaften für die Botschaften
Atelier alias, Reinhard Krehl

„alias“ widmet sich als „Atelier für Spaziergangsforschung“ schwerpunktmäßig den Bereichen Landschaft und städtischer Freiraum. Mit Spaziergängen und Kunstaktionen will es Stadt und Landschaft als dynamische Denkprozesse neu erlebbar machen. Die künstlerische Arbeit wendet sich gleichzeitig auch pragmatisch an Institutionen der Planungsebene, an Architekten und Tourismusunternehmen.

Denkmalschutz für die Brache?
Stephan Marhold

Bisher wurden Brachen trotz ihres Werts als Zeichen des Wechsels vom industriellen zum postindustriellen Zeitalter noch nie zu Denkmälern erhoben. Nach Auffassung des Autors hängt dies mit ihrer „Andersartigkeit“ und „Nichtigkeit“ zusammen sowioe mit der allgemeinen Präferenz atmosphärischer Gestalt- und Stimmungswerte gegenüber Geschichtswerten. Doch kann man – so Marhold – die meist ignorierten Brachen als Stadträume und Lebensräume begreifen, die auch Realitäten wie die Vergänglichkeit des naturausbeutenden Wirtschaftens spiegeln oder die in ihrer schnell sich ändernden Vegetation einen symbolischen Gegenpol zur Unausweichlichkeit der Globalisierung bilden. Eine Annäherung an das „Loch in der Stadt“, an die „Natur als r/evolutionäres Denkmal“, setzt – in Aneignung von Adornos Mimesis-Begriff – allerdings ein Verhalten gegenüber der Natur voraus, das die Dinge um ihrer selbst willen bestehen läßt. Solange dieses Verhalten nicht geschaffen ist, müssen Brachen mit ihrem Potential des unvorhersehbar Entstehenden als Denkmal ausgewiesen werden.

Zusammenfassung: Martin Seidel und Alice Sárosi
Übersetzung: David Bean
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