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Deutsches Architektur Zentrum



Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
Heft 5 / 2000
Brasília


inhalt


Aus meinem architektonischen Vermächtnis
Oscar Niemeyer

Niemeyer reflektiert in "Vermächtnis" seine architektonische Entwicklung von den Anfängen in Pampulha bis hin zu Brasília als einen bewußten Protest gegen die konstruktive Logik der zeitgenössischen Architekten und gegen deren stereotypen "Weniger ist mehr"-Purismus. Sah er sich anfangs noch zur Verteidigung gegen Kritiker aufgerufen, so stellte sich mit zunehmender Erfahrung die Gewißheit ein, den richtigen Weg gefunden zu haben. Gegen den Funktionalismus und auch gegen die Postmoderne äußert Niemeyer in diesem Text noch einmal seine Überzeugung, daß "eine Form, die Schönheit erzeugt, ihre Rechtfertigung aus dieser Schönheit bezieht". Das Ziel eines jeden Architekten müsse es sein, "mit gestalterischem Einfallsreichtum und zugleich technischer Kompetenz ein echtes 'Architekturspektakel' zu schaffen. Der Stahlbeton habe ihm erlaubt, Phantasie, plastischen Erfindungsreichtum und eine nahezu unbegrenzte, aus der umgebenden Dingwelt geschöpfte Formfreiheit zu entfalten. Abschließend beklagt der Kommunist Niemeyer die zur Zeit der Militärdiktatur in Brasília hinzugefügten Bauten, die die urbane Geschlossenheit stören, und berichtet von seinen Verhören und seinem Gang ins Exil.

Die Suche nach der Kapitale
Alexander Fils

Der Autor stellt die problematische Geschichte der schon in der Kolonialzeit angeregten Hauptstadtgründung im Landesinnern dar. Die alte Hauptstadt-Idee konkretisierte sich, lange vor dem städtebaulichen Wettbewerb 1956, in dem um 1930 von Theodore Figueira de Almeida vorgelegten Stadtplan für Brasília. Mitte der fünfziger Jahre schließlich machte man sich auf die Suche nach einem geeigneten Standort für die neue Hauptstadt, und Staatspräsident Juscelino Kubitscheck machte die Hauptstadtfarge zur Chefsache. Als der Bau der Hauptstadt 1956 eine gesetzliche Grundlage erhielt, wurde von der Planungskommission ein Wettbewerb ausgeschrieben, der auf in Brasilien wirkende Architekten und Ingenieure beschränkt blieb. Führten Ungenauigkeiten im Text der Wettbewerbsausschreibung auch zu Zweifeln an der Rechtmäßigkeit der Juryentscheidung, so fiel diese jedenfalls zugunsten von Lúcio Costa aus. Fils erörtert die Juryentscheidung, die sowohl die Nachteile als auch die Vorteile von Costas Plan bedenkt, während die Beweggründe für die Prämierung der weiteren Beiträge - darunter der interessante Plan der Roberto-Brüder - nicht immer nachvollziehbar sind. Fils diskutiert die weltweiten und aus verschiedenen Kontexten stammenden Vorbilder von Costas Brasiliaplan, dann die Baugeschichte bis zur Einweihung der Hauptstadt im Jahre 1960, die anschließende Ansiedelung von Favelas und Satellitenstädten und schließlich das weitere Wachstum der Stadt.

Barock in Beton Zum Werk von Oscar Niemeyer
Josep Maria Botey

Josep Maria Botey nähert sich in seinem Essay Oscar Niemeyers Schaffen und Wirken über dessen Streben nach Universalität einerseits und über dessen Verwurzelung mit der ihn umgebenden Zeit und der Daseinsform Brasiliens andererseits. Er beleuchtet Niemeyers Verhältnis zu und seine Zusammenarbeit mit Lùcio Costa, seine Bewunderung von Le Corbusiers Schaffen und geht auf die Rolle des Denkmalpflegers Gustavo Capanema ein, der Niemeyer mit wichtigen Künstlern der Zeit bekannt machte. Er beschreibt, wie Niemeyer Anschluß an architketonische Traditionen Brasiliens sucht und wie er in den Arbeiten der vierziger und fünfziger Jahre nach dem Credo "Schönheit ist Funktion" verfuhr. Mit Brasília, dessen Verwirklichung der mit Niemeyer seit längerem bekannte Präsident Juscelino Kubitscheck vorantrieb, gelang Niemeyer der berufliche Durchbruch, wenn das Projekt auch nur einen Teil seiner Gestaltungsmöglichkeiten vorstellt. Botey bespricht die Zeit, als Niemeyer sich zur Zeit der Militärdiktatur in Paris niederließ, wo er mit den französischen Geistesgroßen und Intellektuellen Bekanntschaft machte und Bauten in Frankreich und Italien verwirklichte. Eine besondere Bedeutung in Niemeyers Oeuvre nimmt das "Memorial de America Latina" ein, das einen symbolischen Aufbruch Brasiliens zu einem "Amerika der Regionen" und einem "Amerika der Kulturen" bedeutet.

Brasilia oder Die Stadt welcher Zukunft?
Vilém Flusser

Für den Kultur- und Sprachwissenschaftler Vilém Flusser (1920-1991), der bis 1972 in Sao Paolo Kommunikations- und Wissenschaftsphilosophie lehrte, spiegelt sich der Widerspruch zwischen dem "Fortschritt der Wissenschaft" und der "Krise der Werte" in paradigmatischer Weise in Brasília. Für Flusser ist Brasília das "vielleicht größte Kunstwerk der letzten Jahrzehnte", eine "Fata Morgana aus Marmor und Eisenbeton, aus konkretistischer Geometrie und surrealistischen Symbolen", die man am besten in der Vorstellung begreifen könne, Alexander hätte seine zentralistische Gründung Alexandriens mit Platos Utopie verbunden. Alexanders hellenistische Weltreichsidee entspricht dabei Kubitschecks Idee vom Großen Brasilien und die platonische Utopie Niemeyers und Costas Stadtgestaltung von Brasilia. Das zentralistische Große Brasilien steht von der Idee der brasilianischen "Identität als Kern einer neuen Weltmacht" her in einer modernen megalomanen Tradition. Flusser konstatiert einen Widerspruch zwischen dieser beispiellosen Idee des Großen Brasilien mit dem in BrasÌlia versuchten Ideal der Stadt der Zukunft, die mit einer offenen Struktur dem Menschen die Möglichkeit bietet, ein glückliches, sinnvolles Leben zu führen. Die Formen des Stadtplans und der Gebäude Brasilias symbolisieren den Start in die Zukunft, Unabhängigkeit und Einheit und konstituieren ein Gebilde, das "den neuen Menschen entwirft, damit dieser sich selbst entwerfe." Im Widerspruch dazu gibt es - laut Flusser - im Großen Brasilien dagegen keinen Platz für das Ideal des neuen Menschen, wie sich auch in der Alltagswirklichkeit von BrasÌlia das Ideal in sein Gegenteil verkehrt hat: Denn nicht der Mensch triumphiert, sondern der Apparat. So wird Brasilia zum "Phänomen, das das aus der Krise entstand und sie spiegelt."

Brasilia (1960)
Marta Valentin

Marta Valentin gibt in ihrem Text, der als Leserbrief in der "Bauwelt" abgedruckt wurde, aus europäischem Blickwinkel einen authentischen Erlebnisbericht über die gerade aus dem Boden gestampfte neue Hauptstadt Brasiliens. Sie zeigt sich beeindruckt von eleganten flachen Gebäuden, von "nach allerneuesten Erfahrungen" erbauten Straßen und beschreibt ihre Eindrücke der betont einfachen oder besonders eleganten Architekturen. Bei der Besichtigung der Wohnungen stießen der Augenzeugin bereits viele architektonische Fehler und überhaupt die Billigbauweise der standardmäßig möblierten Wohnungen auf. Auch vermißte sie mit Leben erfüllte Orte, so daß die Frauen zu ihrer Unterhaltung auf den Supermarkt angewiesen blieben. Ferner berichtete sie von mangelhaften hygienischen Verhältnissen und warf auch schon die Frage auf, wie sich das "auf Kosten der Finanzen Brasiliens" geschaffene Großprojekt wohl weiterentwickeln wird.

Brasilia heute: Ein Stadtrundgang
Alexander Fils

Trotz der unvorhergesehenen, dem "Plano Piloto" widersprechenden Einwohnerzahl von Groß-Brasilia hat sich bezüglich der Kernstadt die Prophezeiung der "Unwirtlichkeit" nicht bestätigt. Im Gegenteil verzeichnet der Autor für das heutige Brasilia eine im brasilianischen Städte-Vergleich außerordentlich hohe städtische Lebensqualität mit Grünflächen, guter Infrastruktur und Versorgungseinrichtungen. Dabei verstellen die vielfach als pompös empfundenen offiziellen Repräsentativbauten Niemeyers den Blick für Costas hohe Lebensqualität garantierende Geschoßwohnungsbauten. Negativ stechen die Beispiele der Zurücknahme der ursprünglichen Offenheit der politischen Gebäude ins Auge, auch sieht der Autor Fälle von Eingriffen oder Bebauungen ursprünglicher Freibereiche, die mit dem Gründerplan nicht konform gehen. Hatte sich Costas sozialutopische Vorstellung eines hierarchiefreien Zusammenwohnens der Menschen als unrealisierbar erwiesen, so entpuppen sich besonders die an Peripherien BrasÌlias entstehenden Großsiedlungen als landschaftsverzehrende städtebauliche Sündenfälle. Trotz aller, auch technologischen und ökologischen Probleme bezeichnet Fils Brasillia insofern als Erfolg, als mit ihrer Erbauung das Hinterland erschlossen und die Küstenstädte entlastet wurden. So ist Brasilia ein gültiges nationales Symbol, das sich vor allem über die Sprache der Bilder und Formen mitteilt.

Innenansichten eines Mythos
Sylvia Ficher

Brasilia ist für Sylvia Ficher nicht nur ein Mythos der Architektur und Stadtplanung, der die "idealen Stadt ohne soziale Konflikte", sondern auch ein Symbol der Ordnung, Rechtsstaatlichkeit und der wirtschaftlichen Entwicklung und der nationalen Einheit von Brasilien. Diese Sinngebungen und Überhöhungen verdecken allerdings die Sicht auf Mängel der Stadt. Das hartnäckige Beharren, das Stadtbild zu erhalten, und Gesetze verhindern eine natürliche Ausweitung des Stadtgebietes und größere Bürgernähe und reglementieren darüberhianus die Auswahl neuer Standorte. So kommt es zur Errichtung der von Satellitenstädte, wobei sich der Staat als Grundeigentümer durchaus auch als Bodenspekulant erweist und die Armen auf Distanz hält. Zudem stehen die Verkehrsachsen und ‹berführungen der Kernstadt einem Zusammenwachsen der einzelnen Viertel im Wege. Auch kritisiert die Autorin die Ausweitung des Monumentalcharakters der Prachtviertel bei gleichzeitiger Vernachlässigung der weniger politisch funktionalisierten Gegenden. So widerspricht die strenge Struktur des die Kernstadt beschreibenden "Plano Piloto" mehrfach der Logik des Stadtlebens. Die zwanghafte Unterteilung in Sektoren führt zu Versorgungslücken und illegalen Nutzungen öffentlicher Flächen. Positiv verzeichnet die Ficher nicht nur die Schönheit und die klimatische Beschaffenheit BrasÌlias, sondern auch die hohe Lebensqualität, die Anlage des Parano•-Sees und die Landschaftsplanung der Stadt mit reicher Vegetation. Da sich auch die Verkehrssituation entschärft, sieht die Autorin Möglichkeiten, daß BrasÌlia zu den positiven Aspekten des Mythos findet.

Vom plano-piloto zum Plano Piloto ( 1985)
Lucio Costa, Adeildo Viegas de Lima, Maris Elisa Costa

Im März 1985, 25 Jahre nach der Einweihung Brasílias, legten Lúcio Costa, Adeildo Viegas de Lima, Maria Elisa Costa der Regierung des Distriks einen Revisionsbericht vor. Sie nahmen den "Plano Piloto" unter die Lupe und beurteilten die "neue Stadt" nach Nutzung durch die Bewohner und nach Funktionalität und Praktikabilität der verschiedenen Quartiere. Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits über eine Erweiterung des Plano Piloto durch weitere Wohnquartiere nachgedacht, da schon zu diesem Zeitpunkt abzusehen war, daß die Bewohnerzahlen steigen würden.

Der Plano Piloto für BrasÌlia
Lùcio Costa

Lùcio Costa gibt in dem Text aus dem Jahre 1957 einen Bericht über die planerische Besitzergreifung des Hauptstadt-Geländes und über die Entwicklung des "Plano Piloto" genannten Rahmenplans. Unter Berücksichtigung der topographischen Gegebenheiten übertrug er das Straßenverkehrsnetz und ein unabhängigen System sicherer Fußgängerwege auf die städtebauliche Planung. Er beschreibt die Gruppierung der Vergnügungs-, Verwaltungs-, Geschäfts-, Einkaufs- und Wohnviertel entlang der "monumentalen Achse", deren städtebaulicher Höhepunkt die symbolisch über einem Dreieck errichteten Regierungsbauten am "Platz der Drei Gewalten" bilden. Costa entwirft eine Vorstellung von den verkehrsmäßigen und infrastrukturellen Vorzügen und den sozialen Absichten des Wohnungsbaus, der durchgehende Folgen von "Superblöcken" in Einer- und Zweierreihen auf einem baumbestandenen Grüngürtel stellt. Hinsichtlich Genehmigungsverfahren, Qualität und Kosten machte Costa 1957 schon auch Vorschläge zum Verkauf von Grundstücken für Einfamilienhäuser und zum weiteren städtebaulichen Procedere, das eine vielfältige Behandlung der Einzelbereiche vorsah. Im Ausgleich unterschiedlicher Interessen und Funktionen war das BrasÌlia des Rahmenplans für Costa der "Jahrhunderte alte Traum des Patriarchen".

Zusammenfassung: Alice Sárosi, Martin Seidel
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