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Heft 5 / 2001
Mentale Strahlen
inhalt
Die Idee der Mai-Ausgabe von „Der Architekt“ verdankt sich der Einsicht, daß Architektur anders erfahren werden muß als nur über die Fotografien insbesondere der inflationär in Erscheinung tretenden Hochglanzmagazine. Das Foto als optisch-visuell erfahrbares Bild erscheint als Beschneidung der sinnlichen Erfahrungsmöglichkeiten von Architektur. Demgegenüber bleibt die Dimension der Sinne völlig auf der Strecke, wie auch darüberhinaus jede Vorstellung und jedes Wissen vom Raum fehlt. Dabei bedarf es zur Kommunikation über Architektur eines komplexen Ausdrucksmittels. Am geeignetsten dazu erscheint die Sprache. Besonders die literarische Sprache schafft einen „Bedeutungsmehrwert“ (Alban Janson), insofern sie eben nicht mimetisch in ihrem Gegenstand aufgeht und sich eben nicht in der referentiellen Funktion der Sachbeschreibung erschöpft. Die Geschichte der Literatur zeigt, was literarische Fiktion leisten kann: Stärker als die Foto oder der referentielle Sachtext vermag sie in „situative Räume“ einzudringen, Zwischenbereiche auszuleuchten und die „gesellschaftliche Präsenz“ von Architektur zu reflektieren. Plinius der Jüngere, Gotthold Ephraim Lessing, Edgar Allan Poe, Joris-Karl Huysmans, Franz Kafka, Jorge Luis Borges oder Thomas Bernhard liefern – je auf ihre Weise – eindringliche, bis heute gültige Beispiele der wortkünstlerischen Auseinandersetzung mit Architekturen, Orten und Räumen.
Alban Janson fragt in seinem Einleitungstext: „Wären nicht auch heute die Schriftsteller diejenigen, die mit geschärfter Beobachtung und geschulten Ausdrucksmitteln der Verflachung der architektonischen Kultur zuvorkommen sollten?“ Dabei sind natürlich an die Literatur – wie überhaupt an die Künste – keine übertriebenen Heilserwartungen zu knüpfen, auch wenn sich einige Schriftsteller – hier etwa Burkhart Spinnen, Thomas Kapielski oder Eckhard Henscheid – tatsächlich recht pragmatisch mit Städten und Fragen des Bauens und Wohnens auseinandersetzen. Mehrheitlich treten die Schriftsteller und Dichter, wie sie hier versammelt sind, nicht – zumindest nicht bewußt und mit Vorsatz – in Konkurrenz zu den Erläuterungsberichten der Architekten, zu den Diskursen der Architekturhistoriker, Architekturkritiker, Feuilletonisten oder Essayisten.
„Meine Damen und Herren, ich stehe nicht als Architekturkritiker vor Ihnen, sondern als Schriftsteller, das heißt: als Berufslaie. Zu meinem Geschäft gehört es, Zeichen zu lesen (auch solche, die nur in der Luft liegen) und dann Zeichen zu schreiben. Bei mir nehmen sie die Form von Geschichten an.“ So begann Adolf Muschg seine Rede über Tadao Ando und bringt damit die jeweilige Berechtigung und „wechselseitige Erhellung“ der Genres auf den Punkt. Die Möglichkeiten sind groß. Für Alban Janson liegt die Chance einer literarischen Annäherung an Architektur „nicht im nostalgischen Rekurs auf tiefsinnige Bedeutungsklischees, sondern in der differenzierten Beobachtung unserer aktuellen Situation, der Sondierung von Nuancen und Zwischentönen, die selbst wieder Anzeichen dafür sein können, welchen Stellenwert eine Kultur des Ortes, des Wohnens, und schließlich des Bauens und der Architektur heute haben können.“
Solche Nuancen sind in der Literatur überall aufzuspüren, auch da, wo man sie vielleicht nicht sofort vermutet. Insofern begibt sich „Der Architekt“ mit diesem Heft auf ein besonders weites Feld. Die ausgewählten Texte spiegeln die ganze Vielfalt der „Verwendung“ von Architektur, von Räumen und Orten in literarischen Zusammenhängen. Hinsichtlich Sprache, Gattungen und Themen gibt es keine Einengungen und Grenzen. Vom Gedicht über unterschiedlichste Prosaformen bis hin zu den Regieanweisungen von Elfriede Jelineks Schauspiel „Totenauberg“ ist alles vetreten. Die Architekturen, Orte und Nicht-Orte begegnen dabei als Thema, als Motiv, als Parergon, nämlich als städtisch-räumliches Ambiente in der Statistenrolle des schmückenden Beiwerks, das thematisch keine Rolle spielt, oder auch einfach nur als rhetorische Figur.
Die Kunst selbst begegnet als das Schöne, Erhellende, Typische und Prägnante. Expositorische, vor allem aber natürlich literarisch-fiktionale Diskurse und Reflektionen handeln von Architektur und Architekten. Die beschriebenen Orte sind ganz unterschiedlichen Wirklichkeitsgraden zwischen Realität, Virtualität und purer Fiktionalität zuzuordnen . Erwartungsgemäß spielen – zwischen apokalyptischer Vision und sachlicher Ortsbeschreibung – die Metropolen der Welt eine wichtige Rolle. Aber auch erinnerte Orte und Reminiszenzen kommen zum Zuge; Orte der Kultur und stillen Betrachtung (Reiner Kunze); virtuell erfahrene Orte der „Unkultur“ (Günter Grass); Orte historischer Umwälzung wie die Nikolaikirche (Erich Loest) oder Orte der Sehnsucht (Judith Hermann). In der in besonderm Maße auf Form bedachten und angeblich oft selbsverspielt weltfremden Lyrik finden sich nicht nur poetisch-zurückblickende, sondern auch scharf abrechnende Auseinandersetzungen mit unterschiedlichsten architektonischen Phänomenen.
Die hier versammelten Texte sind alles mögliche, nur keine Gebrauchsanweisungen, keine sofortlöslichen Elixiere der Inspiration. Manche Texte scheinen im ersten Augenblick nur wenig mit dem Thema dieses Heftes zu tun zu haben und den Erfahrungshorizont des Architekten ob der Absonderlichkeit der Vision kaum befruchten zu können. Doch belegen auch und vielleicht gerade eher abseitige Sprachbilder und die wiederkehrenden Motive der Ubiquität, der Translokation, der Beliebigkeit und Austauschbarkeit von Orten die größere Vielschichtigkeit literarischer Annäherungen. Andererseits verlangen sie tatsächlich auch vom Rezipienten eine Haltung, die komplexer ist als die des einschlägig konditionierten Betrachters von Hochglanzfotos.
So vermag das literarisch-imaginative Bild eines Hauses und einer Stadt „unter dem Haus“ (Michael Krüger) durchaus Assoziationen zu evozieren, die an Archigrams Visionen denken lassen. Auch das überflutete Haus in Sarah Kirschs kleinem Prosastück streift das in dieser Ausgabe von „Der Architekt“ gestellte Thema keineswegs nur nominell; die beschriebenen Zufallsstrukturen wirken wie ein literarisches Pendant zu Eisenmans Architekturtheorie und wie ein vorweggenommenes Sprachbild gebauter dekonstruktivistischer Manifestationen.
Michel Houellebecq stellt in seinem Beitrag fest: „Literatur wird mit allem fertig, die Literatur paßt sich an alles an, wühlt im Abfall, leckt an den Wunden des Unglücks. Eine widersprüchliche Poesie, eine Poesie der Angst und Bedrückung konnte derart inmitten von Supermärkten und Bürogebäuden entstehen. Die moderne Poesie ist nicht fröhlich; sie kann es nicht sein. Die moderne Poesie ist nicht mehr dazu berufen, ein hypothetisches »Heim des Seins« zu errichten, als die moderne Architektur dazu, bewohnbare Orte zu errichten.“
Zusammenfassung: Martin Seidel und Alice Sárosi
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