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Bund Deutscher Architekten

Deutsches Architektur Zentrum



Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
Heft 6 / 2000
Die Zweite Reihe


inhalt


Gustav Oelsner - Variationen einer modernen Baugesinnung
Olaf Bartels

Gustav Oelsner (1879-1956), der nach Stationen in Breslau und in Kattowitz als Bausenator und Leiter des Hochbauamtes von Altona tätig war, galt oft als einer der fortschrittlichsten Stadtarchitekten der Weimarer Republik. Gegenüber den Bemühungen des baulichen Heimatschutzes grenzen sich seine Altonaer Bauten etwa durch das Flachdach tatsächlich ab, doch in ihrer Massivität und Backstein wirken sie traditionell. Nach seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten betätigte sich Oelsner - in wichtigen Funktionen - in der jungen türkischen Republik, wo er seine zwischen Regionalismus, Traditionalismus und Modernismus angesiedelte Architektur den dortigen Bedürfnissen anpaßte.

Johannes Göderitz : "...mit Geist und Witz"
Olaf Gisbertz

In den zwanziger Jahren machte Göderitz als Mitstreiter und Nachfolger von Bruno Taut im Hochbauamt Magdeburg zum Zentrum des Neuen Bauens. In seinen Bauten verbanden sich Funktionalität und Monumentalität. Gemäß seiner moderaten Architekturausfassung brach er im Grundriß, in der Verteilung der Baumassen und im Umgang mit der benachbarte Bebauung nur selten mit den Konventionen und verband vielmehr sachliche und traditionelle Formen. Göderitz widmet sich auch der Optimierung der Siedlungsgrundrisse und einem typisierten Interieur für ein "Wohnen in Sonne, Luft und Licht". Mit einer neuen Bauordnung und einem ökonomisch und kulturell vertretbaren Städtebau wollte er Magdeburg zu einem "gut funktionierenden und schön aussehenden organischen Gebilde" formen. Für die "Citybildung" plante Göderitz Straßendurchbrüche. Von Nazis in Ruhestand versetzt, wirkte Göderitz nach dem Krieg in Braunschweig als Stadtbaurat und Universitätsprofessor.

Theo Effenberger: Architekt im 'deutschen Osten'
Christine Nielsen

Effenberger (1882-1968), der in der architektonischen 'Provinzstadt' Breslau agierte, war der Rückbesinnung auf Werte wie Einfachheit und Ursprünglichkeit verpflichtet. Besonders befaßte er sich mit Einzelwohnhäusern auf dem Lande und mit dem Siedlungsbau. Dem ländlichen Kleinwohnungsbau maß er angesichts der Verstädterungstendenzen große Bedeutung bei und knüpfte an regionale Hausformen an. Wie auch in seinem Hauptwerk, der Siedlung Breslau-Pöpelwitz, verwandte Effenberger wenig Ornament, dafür - wie Taut und Ernst May - viel Farbe. Vielfach machte er seine Formensprache vom Kontext abhängig: So gestaltete er die Grenzzollbauten an der neuen Grenze zu Polen im Sinne des "modernen Heimtschutzes" betont traditionell. Wie andere Architekten griff Effenberger auf die Stil- und Formelemente des Neuen Bauens auf. Doch variierte er sie ohne kämpferischen Impetus. Immerhin aber trug er zur Akzeptanz des Neuen Bauens bei breiten Bevölkerungsschichten bei.

Hans Herkommer: Der katholische Kirchenbaumeister
Marina Lahmann

Hans Herkommer (1887-1956) zählte in den zwanziger und dreißiger Jahren neben Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz zu den führenden Vertretern des katholischen Kirchenbaues. Herkommer war weniger radikal als Böhm, doch sind es seine Kirchen, die heute am modernsten wirken. Schwankten sie zunächst zwischen modern und historisierend, so entstanden ab 1927 - durch die Einführung flacher Decken, den Wegfall des Chorbogens und die Entscheidung für den stützenlosen Einraum sowie durch den Verzicht auf Wandgliederung - klare moderne Innenräume. Die Außenwände wandten sich neuen Formen und Gestaltungen zu. Die Kirchen waren nunmehr geprägt von geraden, ungegliederten Wänden, von Flachdächern, dem Baumaterial Beton und der Konstruktion des Stahlskeletts und des Längsbindersystems. In den fünfziger Jahren, in denen er im Wesentlichen auf früher Geschaffenes zurückgriff, experimentierte Herkommer besonders mit dem Grundriß, der Wandbehandlung und den Fenstern.

Alexander Klein: Die "Wohnung der kurzen Wege"
Myra Warhaftig

Alexander Klein (1897-1961) war seit 1913 Stadtbaurat in St. Petersburg und ging infolge der russischen Judenpogrome 1920 nach Berlin. Sein Ziel war, die "Kleinwohnungs-Grundrisse" mit ihren "vielen unproduktiven Flächen" zweckmäßig und wirtschaftlich zu gestalten. Er entwickelte dabei die "flurlose Wohnung", indem er den dunklen Flur durch einen hellen Wohnzimmervorraum ersetzte; darüber hinaus teilte er den Grundriß in zwei Raumgruppen: Wohn-, Eßzimmer und Küche sowie Schlaf-, Schrankzimmer und Bad. Seine Vorstellung, daß jeder Grundrißtyp "eine seiner Nutzfläche entsprechende, bestimmte Bautiefe und Frontlänge" haben sollte, machte er publizistisch bekannt und setzte es in Siedlungen und Wohnbauten in Berlin, Leipzig und Merseburg um. 1933 mit Berufsverbot belegt, ging Klein als Planungsexperte nach Palästina, wo er zu einem der wichtigsten Städte- und Siedlungsplaner des Landes wurde.

Thilo Schoder: Ein neu entdeckter Architekt
Ulrike Lorenz

Schoder (1888-1979) hat insbesondere im Industrie- und dem sozialen Wohnungsbau Bedeutendes geleistet. Um 1919 avancierte er in Gera, wo er bis zu seiner Übersiedlung 1932 nach Norwegen agierte, zum wichtigsten Exponenten des Neuen Bauens in Thüringen. In seinem Werk verbinden sich die Intentionen der Architektur- und Kunstgewerbereform vom Anfang des Jahrhunderts mit dem avantgardistischen Modernitätsschub zur Zeit der Weimarer Republik. Wie andere "Regionalarchitekten" ging Schoder mit individuellen Bauherrnansprüchen, traditionellen Konstruktionsmethoden und spezifischen Landschaftsräumen flexibel um. Mit einer moderaten, gegen den forcierten Funktionalismus und der Zweckrationalität industriellen Bauens gerichteten Sachlichkeit trug er zwar wenig zur theoretischen Vertiefung der andernorts stattfindenden Architekturrevolution bei, viel aber zu deren Popularisierung.

Hanns Hopp: Architekt in Ostpreußen
Gabriele Wiesemann

Hanns Hopp (1890-1971) arbeitete in verschiedenen regionalen und politischen Kontexten. In den zwanziger und dreißiger Jahren war er der berühmteste Architekt Ostpreußens. In der Nachkriegszeit war Hopp in Ost-Berlin, Thüringen und Sachsen tätig. Seine Bauten bedienten sich der jeweils aktuellen Formensprache, so daß sich ihr Stil immer wieder änderte. Dementsprechend folgen in seinem Werk auf Expressionismus und Neue Sachlichkeit der "Heimatstil" und Satteldachwohnhäuser, wie sie das Dritte Reich propagierte, und zu DDR-Zeiten sozialistisch-realistische Architekturen.

Stadtbaurat Hubert Ritter: Pragmatiker und Visionär
Falko Grubitzsch

Hubert Ritter (1886-1967) war seit 1912 Regierungsbaumeister der Bayerischen Bauverwaltung und 1913 Stadtbaumeister von Köln. Nach dem Krieg war er vor allem mit dem Wohnungsbau, aber auch mit generellen Neuplanungen für Köln beschäftigt. In städtebaulichen Fragen betätigte sich Ritter auch publizistisch. Nach einer Intrige bewarb er sich 1924 nach Leipzig, wo überall Siedlungen entstanden, deren Kosten und Bauzeit Ritter durch den Einsatz neue Baustoffe und normierte Bauverfahren verringern wollte. Ritter legte für Leipzig auch einen an den Erkenntnissen Sittes, Tauts, Le Corbusiers und Gropius' orientierten Generalbebauungsplan vor. Manche der unter Ritter entstandenen Gebäude erregten durch ihre Raumbildung, Lichtwirkungen und Proportionen Aufsehen. Zwischenzeitlich war Ritter auch in Krakau und in Luxemburg tätig.

Paul Wolf: Stadtplaner zwischen Tradition und Moderne
Eva Benz-Rababah

Paul Wolf (1879-1957) ließ trotz seiner Vorliebe für regionale Bauweisen in seine Architektur Merkmale des Neuen Bauens einfließen. Als Stadtbaurat in Hannover setzte er sich für grundrißlich und städtebaulich emustergültig Wohnanalagen ein; er erstellte einen Generalbebauungsplan, der erstmals ein Grünsystem in die Stadtentwicklungskonzeption einband. Auch als Stadtbaurat in Dresden legte er 1930 einen Generalbebauungsplan vor und realisierte bis 1945 Siedlungsentwürfe und Modelle für Stadterweiterungsvorhaben. Dabei wandte er sich um 1930 der Zeilenbebauung zu und von der Stadbildplanung im Unwin'schen Sinne ab. An seinen Bauten wurden die Backsteinbauweise, die Steildächer und der Regionalismus der Haustypen kritisiert.

Idee und Konzeption: Andreas Denk und Martin Seidel
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