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Heft 6 / 2001
Substanz der Moderne
inhalt
Alvar Aalto: Die Villa Tammekann in Turku
Tapani Mustonen
Als der Plan heranreifte, Alvar Aaltos Villa Tammekann als Kooperationszentrale der Universitäten Turku und Tartu herzurichten und dabei das Haus selbst zu einem Ausstellungsstück zu machen, befand sich die in der Sowjet-Ära zu einem Mehrfamilienhaus umgebaute Villa in einem desaströsen Zustand. Bei der 1998 begonnenen Restaurierung wurde besonderer Wert auf den Erhalt der vorhandenen Originalstrukturen und -materialien gelegt. Die Entscheidung für die teilweise Rekonstruktion der Villa nach den Originalplänen konnte insofern nicht leichtfallen, als die Ausführung der Villa stark vom Entwurf abwich, der nämlich ein viel modernes, von strengerer Sachlichkeit inspiriertes Bauwerk und zudem bauprägende Elemente wie Garage, Pergola und Backsteinbrüstung des Balkons vorgesehen hatte. Im Innern wurden nachträglich eingefügte Trennwände entfernt. Ansonsten spielen die Räume auch im neuen Nutzungszusammenhang des Konferenz- und Bürogebäudes weitgehend ihre angestammte Rolle. Die Innenarchitektur gebraucht teilweise Möbel, die in 1990er Jahren entstanden sind. Zur Wohnzeit der Familie Tammekann waren die Fassade weiß und die Innenräume in hellen Farben gehalten. Die Farbauswahl der Restaurierung basiert auf Farben, die Aalto in den 30er Jahre bevorzugte. Bei der Neugestaltung des Gartens wurde Wert darauf gelegt, daß die Villa freier steht und das neuerbaute Haus des Hausmeisters wie einen der Villa nachgeordneten Pavillon erscheinen läßt.
Das Neufert-Haus mit Garten in Gelmeroda
Peter Mittman
Neuferts Haus in Gelmeroda, das der 26jährige Architekt für sich und seine Familie baute, entspricht im Verzicht auf chemischen Schutz, im Wärmeschutz aus Torf, in der Innenwandverkleidung aus Gipskarton und der Verwendung von Naturbaustoffen und den eigenkonstruierten Doppelglasfenstern auch heutigen Vorstellungen von ökologischer Architektur. Das nach nordischen und amerikanischen Vorbildern kostengünstig errichtete „Holzversuchshaus“, das das balloon-frame-system weiterentwickelte, war als Einladung an Bauherren gedacht, mit Holz ein sparsames, ökologisches, funktionelles, dabei ästhetisches und sinnliches Gebäude zu bauen. Es entstand innerhalb von nur sechs Wochen und bildete mit dem polyfunktionalen Garten eine Einheit. Als das alles in allem gut erhaltene Haus 1990 der Familie zurückgegeben wurde, hatte sich insbesondere das Bauhaus-untypische Spitzdach mit dem umlaufenden Überstand bezahlt gemacht. So wurden schließlich nur die zierlichen Holzprofile der Fenster im Erdgeschoß, der Heizkessel und die Wärmedämmung erneuert sowie Risse und Runzeln beseitigt.
Ludwig Mies van der Rohe: Haus Lange und Haus Esters in Krefeld
Klaus Reymann
Die zwischen 1927 und 1930 errichteten, seit den 50er beziehungsweise den 70er Jahren als Museen dienenden Krefelder Industriellen-Villen von Mies van der Rohe offenbarten vor ihrer (der Krefelder Baudenkmalstiftung, Spenden und der ehrenamtlichen Architektenarbeit zu verdankende) Renovierung zahlreiche Schäden wie einstürzende Gartenwände oder sich absenkendes Sturzmauerwerk. Grundsatz der Renovierung war die Maxime „Erst Substanzerhalt, dann Rekonstruktion“. Eingriffe sollten sich auf das Notwendigste beschränken und im Zweifel schadhafte Bauteile repariert und nicht ausgetauscht werden. Abweichungen gegenüber dem Originalzustand, wie die später ausgetauschten Fliesen auf der Terrasse, wurden beseitigt. Durch die museale Nutzung waren Veränderungen wie etwa die museumsgerechte Beleuchtung hinzunehmen. Zwischen Substanzverlust bei optimaler Gewährleistung einerseits und Substanzerhalt bei fraglicher Zukunftsprognose andererseits orientierten sich die jeweiligen Lösungen am Zustand der Bauteile. So wurden die Gartenmauern teilweise abgebrochen und als Betonwand unter Verwendung der Klinker der eingerissenen Wand wieder aufgebaut.
Hans Scharoun: Haus Schminke in Löbau
Christine Hoh-Slodczyk
Das 1931 bis 1933 errichtete Haus Schminke ging 1993 in den Besitz der Stadt Löbau über und dient seitdem mit vielen speziellen Funktionen als Begegnungsstätte. Die zutage getretenen Schadensbilder – Durchfeuchtungen, Putzschäden, Befall mit Mikroorganismen, Feuchte- und Korrosionsschäden – hängen mit der Konstruktion des Hauses zusammen, aber auch mit falschen Reparaturen und unsachgemäßer Handhabung des Hauses während seiner Nutzung als Wohnhaus, Kinderheim und Jugendeinrichtung. Das Instandsetzungskonzept sah die Erhaltung und behutsame Reparatur der originalen Bau- und Ausstattungsteile vor. Dabei sollten Spuren von Alterung und Gebrauch nicht kaschiert und spätere Eingriffe – wie etwa der (erhalten gebliebene) Appellplatz für die Jungen Pioniere vor dem Haus oder der zugeschüttete Teich – auf ihren Denkmalwert hin überprüft werden. Problemfelder der Instandsetzung waren das neuaufgebaute Dach, die Stahlfenster, der weiß durchfärbte Edelkratzputz und die im Originalzustand sehr eigenwillige und deshalb für nicht sinnvoll rekonstruierbar gehaltene Farbigkeit.
Henry van de Velde: Villa Esche in Chemnitz
Karl-Heinz Barth
Bei der im Mai 2001 abgeschlossenen Sanierung der 1904 errichteten Fabrikanten-Villa galt es für die beauftragten Architekten, in Absprache mit der Denkmalpflege und einem eigens berufenen Kunstbeirat den ursprünglichen Bestand zu erhalten und den aktuellen Nutzungsanforderungen gerecht zu werden. Der bauliche Zustand der Villa, die nach einer bewegten Nutzungs- und Umnutzungsgeschichte 1998 schließlich in den Besitz der Grundstücks- und Gebäudewirtschaftsgesellschaft mbH, einer Tochter der Stadt Chemnitz, gelangte, war bei Planungsbeginn schlecht, insbesondere waren die Dachhaut und weite Teile der Putzflächen schadhaft. Wurden die bestehenden Strukturen möglichst berücksichtigt, so führten die erwarteten Besucherzahlen zur Verstärkung der Konstruktion und Neunutzungen – wie der Einbezug des Dachgeschosses für den wirtschaftlichen Betrieb – zu offen sichtbaren Veränderungen. In Einzelfällen – so bei den im Konzept van de Veldes bedeutsamen Leuchten, bei den Stoffen für die Wandbespannungen und Fensterbehänge oder bei der Färbung der Glasfenster – versuchte man sich mit Rekonstruktionen dem Originalzustand anzunähern.
Georg Muche: „Haus am Horn“ in Weimar
Thomas Wittenberg
Das im Rahmen der Bauhausausstellung 1923 als Versuchs- und Musterhaus errichtete Haus am Horn war von Anfang an zahlreichen Eingriffen und gravierenden Um- und Anbauten ausgesetzt. Daß sich die Architekten vor Beginn der Sanierung 1998 in Absprache mit einem Gremium aus Vertretern des Bauherrn, der Förderer und Fachleute schließlich für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands entschied, ist der programmatischen Klarheit dieser ersten und einzigen Manifestation der Gestaltungs- und Schaffensabsichten des Bauhauses in Weimar zu verdanken. Dabei bereitete der Ersatz industriell hergestellter Bauteile (wie dem Opakglas der Wandverkleidungen, Sockelleisten und inneren Fensterbänken oder das Triolin des Bodenbelags) aufgrund gewandelter Herstellungstechniken, zu hoher Kosten oder fehlender Rohstoffimporte Probleme. Schwierig waren auch die sich an die Sicherung der zu schützenden Bauteile anschließenden Abbrucharbeiten, insofern alle fragmentarisch vorhandenen Reste für die Wiederherstellung entscheidend sein konnten. Bei der Schließung der Außenwände waren veränderte technische Vorschriften zu berücksichtigen.
Walter Gropius: Haus Zuckerkandl in Jena
Hans-Hubert Krämer
Als besonderes Problem bei der Sanierung des als Mehrgenerationenhaus 1927-1929 erbauten, zwischenzeitlich von vier Mietparteien belegten Hauses erwies sich das Flachdach, das damals noch keine Dampfsperre kannte, was zu Undichten führte. Schon 1930 war die Dachterrasse nicht mehr begehbar. Im Laufe der Zeit wurde sie vielfach saniert und mußte bei der jetzigen Sanierung von vielen Sanierungsschichten befreit und mit Dampfsperrlage, Dämmschicht und zweilagiger bituminöser Abdichtung neu aufgebaut werden. Der Außenputz konnte – mit Ausnahme einer Putzfläche an der Nordseite – nicht erhalten werden und mußte unter Hinzuziehung eines Putzrestaurators analysiert und ersetzt werden. Entgegen der verbreiteten Vorstellung, das "neue Bauen" habe sich in weißen Baukörper realisiert, offenbarte auch Haus Zuckerkandl einen ausgeprägten Hang zur Polychromie mit deutlicher Betonung der Pastelltöne. Von den Fenster konnten nur wenige original erhalten werden. Die Wasser-, Abwasser- und Gasleitungen sowie die Elektroinstallationen mußten fast gänzlich ersetzt, der Wintergarten grundlegend erneuert werden.
Walter Gropius: Meisterhaus Kandinsky / Klee in Dessau
Ralf Pfeiffer
Bei der Bestandsaufnahme vor den Rekonstruktions- und Restaurierungsarbeiten zeigte sich Walter Gropius' "Meisterhaus Kandinsky / Klee" in Dessau in einem viel besseren Zustand als erwartet. Es stellten sich drei Aufgaben. Zum einen galt es die Architektur von Gropius zu schützen; zum andern aber sollte die sich in Umbauten und farblich niederschlagende Überformung des Hauses durch Kandinsky und Klee erlebbar werden. Schließlich mußte mit diversen, rückbaubaren Einbauten die umstrittene Neunutzung als Museum in Angriff genommen werden. Dazu waren zahlreiche, manchmal im Bereich der Interpretation oder gar der Geschichtsfälschung liegende, manchmal auch Verluste an der Originalsubstanz nach sich ziehende Abriß-, Rekonstruktions- und Restaurierungsmaßnahmen notwendig, die auch zu zahlreichen Konflikten zwischen dem Eigentümer, der Stadt Dessau, dem zukünftigen Betreiber, der Anhaltinischen Gemäldegalerie, und den Vertretern der Denkmalpflege führten.
Geschichtspositivismus als kulturelle Gefahr
Holger Brülls
Der Autor beklagt in seinem Einführungsartikel die Unfähigkeit vieler Denkmalpfleger zwischen Nutzen und Nachteil der Historie abzuwägen. Denkmalpflege ist für ihn eine "stark verrechtlichte Institution mit kulturpolitischem Defensivcharakter". Insbesondere kritisiert er die im Bereich der Architektur allenthalben anzutreffende rückwärtsgewandte "Fixierung der architektur-ästhetischen Wertvorstellungen auf die Vergangenheit", die "Distanz zum zeitgenössischen Baugeschehen" sowie die "Überschätzung der eigenen kulturellen Belange" etwa bei der Frage der musealen Nutzung historischer Bauten. Die größte Gefahr der historischen Haltung liegt für den Autor in der denkmalpflegerischen Praxis, historische und didaktische Aspekte absolut zu setzen und ästhetischen Qualitäten vorzuordnen. Dem Glauben, der Denkmalwert könne wertfrei oder doch aus einer wissenschaftlich gesicherten, objektiven Distanz definiert werden, entspricht die Vorstellung vom Baudenkmal als eines bloßen "Dokuments" oder "Zeitzeugen".
Brinkmann und Van der Vlugt: Haus Sonneveld in Rotterdam
Joris Molenaar
Nach seiner originalgetreuen Rekonstruktion durch die VHM Foundation und das Nederlands Architectuurinstituut (NAI) ist das 1933 errichtete Sonneveld-Haus im Zentrum Rotterdams seit kurzem der Öffentlichkeit als Museum und Baudokument zugänglich. Das Besondere des von den Architekten Brinkmann und Van der Vlugt im Stil des holländischen Funktionalismus errichteten Hauses, das bis 1955 von der Fabrikantenfamilie bewohnt, anschließend als belgisches Konsulat genutzt wurde und sich seit vier Jahren im Besitz der Rotterdam Stichting Volkskracht Historische Monumenten (VHM Foundation) befindet: Die Architekten zeichneten auch für die Inneneinrichtung und sogar für die Positionierung der Möbel verantwortlich. Das Augenmerk der Restaurierungsarchitekten galt denn auch der originalgetreuen Möblierung und der Ausstattung des Hauses mit einem zentral steuerbaren Radio, einem Bad mit Massagedusche, einem elektrischen Kommunikationssystem und einem Aufzug fürs Kaminholz. Haus Sonneveld zeigt auch, daß es in den vermeintlich „weißen Villen“ der Moderne durchaus farbenfroh zuging. Wie jetzt zu sehen, überrascht eine von Raum zu Raum variierende ausgeklügelte Farbchoreographie.
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