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Deutsches Architektur Zentrum



Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
Heft 6 / 2002
Der Fußball


inhalt


Elf Millionäre müßt ihr sein?
Claus Käpplinger im Gespräch mit Rudi Assauer

Der Journalist Claus Käpplinger sprach mit Rudi Assauer, dem Manager von Schalke 04, über den Traditionsclub aus dem Ruhrgebiet. Thema waren der fußballerische Rang und die wirtschaftliche Situation von S04, die Vermarktung des Produkts "Fußball" allgemein sowie insbesondere die neue, von der Witterung unabhängige Arena "AufSchalke" mit ihrem Schiebedach, dem ausschiebbaren und von daher immergrünen Rasen. Assauer betont, daß bei der (von einem niederländischen Generalplaner entworfenen und von Hentrich Petschnigg & Partner bearbeiteten) Stadionarchitektur vor allem die Kosten-, Funktions- und Nutzungsfragen in Vordergrund standen und zieht diesbezüglich eine überaus erfolgreiche Bilanz.

Hier regiert der WSV
Christoph Heuter

Christoph Heuter charakterisiert die "akustische Besitzergreifung des Raumes" von Fußballstadien als eines der "urtümlichsten Rituale der zivilisierten Welt". Heuter illustriert das Phänomen der Stadionakustik mit Beispielen der selbst von den gegnerischen Fans anerkannten, weil vielfältig in Erscheinung tretenden Sangeskünste der Fans des Wuppertaler SV. Heuter stellt - von gesungenen oder skandierten Kommentaren zum Spielgeschehen bis hin zu keineswegs zimperlichen und diffamierenden Schlachtgesängen - unterschiedliche Kategorien und Melodien dieser Gesänge vor.

Mein Stadion
Eckhard Henscheid

Der Schriftsteller Eckhard Henscheid berichtet "Aus meinen Fußball-Memoiren" und läßt Erinnerungen zu diversen Fußballstadien Revue passieren. Zum Frankfurter Waldstadion etwa baute Henscheid trotz seiner zweiunvierzig Jahre währenden engsten Fan-Verbundenheit mit der Mannschaft von Eintracht Frankfurt keine besondere Beziehung auf. Auch das Stadion in Nürnberg, das zu seinem Heimatort der Kindheit näher lag, fand Henscheid immer "recht ausdrucks- und gesichtslos". Gut gefiel ihm das Stadion des SV Waldhof in Mannheim und noch besser das Grünwalder Stadion der Münchner "Sechziger", das er auch immer dem Münchner Olympiastadion vorzog. Seine liebste Erinnerung aber ist der "Kartoffelacker" des 1. FC Amberg, den Henscheid allerdings "nur sehr bedingt Stadion nennen" möchte. Überhaupt verlief Henscheids eigene Fußballer-Karriere "in mehr beschaulich-ländlichen Szenerien und Kampfstätten".

Ein gesunder Verein
Jorst Klinkmann im Gespräch mit Alice Sàrosi

Alice Sàrosi sprach mit dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats von Hansa Rostock, Horst Klinkmann, über aktuelle Befindlichkeien des Vereins sowie über grundsätzliche Fragen rund um den Fußball. Themen waren das neue, von einem niederländischen Generalplaner errichtete Stadion, die gesunde wirtschaftliche Situation des Vereins, aber auch spezifische Probleme "kleiner" Vereine, was etwa den "Einkauf" und "Verkauf" von Spielern anbelangt. Fragen der Fanbetreuung und der sozialen Implikation des Fußballs in Regionen mit hoher Arbeistlosigkeit kamen ebenso zur Sprache wie die derzeitige mythische Überhöhung des Fußball und die spezifischen psychologischen Situationen in einem Fußballstadion, die sich an keinem andern Massenversammlungsplatz wiederfindet.

Planung und Ausführung:
Vom Sport-Stadion zur multi-funktionalen Entertainment-Arena

Joachim H. Faust

Der Autor beschreibt am Beispiel von vier Projekten, die Hentrich Petschnigg & Partner bearbeitet haben, den planerischen Umgang mit dem modernen Arenenbau und dessen komplexe Herausforderungen. Behandelt werden die drei Stadionbauten ARENA "AufSchalke", das Stadion im Allerpark in Wolfsburg und der Cono di Roma sowie die Multifunktionsarena in Düsseldorf. Der Autor resümiert, daß "die Baumasse einer Multifunktionsarena ... immer architektonisch problematisch und städtebaulich ein Maßstabssprung sein" wird.

Ein Volk auf Ballhöhe
Arthur Heinrich

Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich mit dem Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland im Wankdorf-Stadion zu Bern, als die deutsche Mannschaft im WM-Endspiel am 4. Juli 1954 unerwartet die Ungarn schlug und Weltmeister wurde. Innerhalb des Prozesses der Selbstfindung der jungen Bundesrepublik war das Spiel - trotz aller damaligen gegenteiligen Beteuerungen - mehr als nur ein Spiel. Zu den geschichtlich-politischen Implikationen dieses Kapitels des deutschen Wiederaufbaus gehörte auf der einen Seite das Gefühl des "Wir sind wieder wer", während auf der anderen Seite Deutschlands die DDR als Verlierer dastand. Der Titelgewinn war - wie die Köln-Bonner Rundschau 1979 schrieb - jedenfalls ein untilgbares "Wegzeichen für eine Gesellschaft im sechsten Jahr des Bestehens ihrer neuen Republik".

Kirche im Dorf
Jacques Herzog im Gespräch mit Andreas Denk

Andreas Denk spricht mit dem Schweizer Architekten Jacques Herzog (Herzog und de Meuron) über die Stadionplanungen des Büros in Basel (St. Jacob Park), und München. Selbst Fußballfan und in der Jugend Fußballspieler, weiß Herzog, wie eine ideale Stadionarchitektur auszusehen hat: Er hat über die Jahre diese Vorstellung aus dem eigenen Erleben und aus der eigenen Anschauung erarbeitet. Herzog spricht über die verschiedenen Entwicklungsstadien und Anforderungen des Fußballstadions für Bayern München und den TSV 1860 , über die Zusammenarbeit mit Künstlern für die Farbgestaltung sowie über städtebauliche Zusammenhänge in der Planung von großen Stadienanlagen.

Eine Wand aus 25000 Menschen
Lars Ricken im Gespräch mit Roland Zorn

Roland Zorn sprach mit dem Mittelfeldspieler, Lars Ricken, über seinen Verein Borussia Dortmund, über seine lange Bindung zu diesem Verein und über das Westfalenstadion, das Ricken als "das schönste Stadion Deutschlands" bezeichnet. Der Fußballer äußerte sich auch zur Treue der Fans, zum Image der Fußballspieler und zum Spaß am Fußballspielen. Natürlich kam die Sprache auch auf die Bedeutung des Vereins für die Stadt und die Region sowie auf die Ruhrgebietsrivalität zum Gelsenkirchener Verein Schalke 04. Ein Wechsel dorthin käme für Ricken schon aus familiären Gründen nicht in Frage, denn Ricken ist sich sicher: "mein Vater würde mich enterben"!

Fußball als letztes Gesamtkunstwerk (1982)
Von Horst Bredekamp

Der Autor schrieb bereits vor über zwanzig Jahren den Text für die linke Zeitschrift "Konkret", der jedoch auch heute noch Gültigkeit hat:

"Kritiker des Fußballs haben es leicht. Auf dem Höhepunkt kapitalistischer Verkehrsformen hat seine Professionalisierung das Söldnerwesen in vergoldeter Form zurückgeholt; er ist verkommen im Kommerz, in der Brutalität des Existenzkampfs der Berufsspieler, er prostituiert sich als Reklameträger vor der Werbeindustrie. Und dies nicht nur in den höchsten Klassen. Selbst im Bezirksligabereich werden herausragende Spieler nicht unter vierstelligen Summen oder entsprechendem Gegenwert in Form von Autos oder Wohnungen geködert, und auch hier laufen die Spieler Reklame. Die Verletzungen bis in den Betriebsport hinein stehen gleichrangig neben den per TV frei Haus gelieferten Gehirnerschütterungen, Brüchen und Sehnenrissen der Bundesligen.

Mit der Kommerzialisierung hat sich auch der Stil des Spiels gewandelt; die Kälte des Marktes hat eine eigenartige Spielerpsychologie erzeugt und bewirkt, daß Spieler ihre Arbeit in Verruf bringen, wenn sie ihr gewissenhaft nachgehen. Das ökonomisch Richtige etwa, als die von der Papierform her überlegene Mannschaft das auswärtige Heimspiel knapp zu verlieren, um dem Rückspiel Spannung und Zuschauer zu sichern, macht die Pokal-Hinspiele zur Qual; Sicherheitsdenken und als Taktik ausgegebene Kaltschnäuzigkeit haben die Mehrzahl der Spiele blutleer gemacht, und wo es um hohen Einsatz geht, regiert oftmals die Brutalität abgerichteter Spielroboter mir ihrem aus Unterlegenheitsgefühlen geschürten Haß auf die Techniker.

Immer wieder wird es Ausnahmeerscheinungen wie die Spiellust der brasilianischen Mannschaft voriges Jahr geben, aber die strukturellen Veränderungen sind längst irreversibel, und das Fußballspiel wird gegenüber der Fußballarbeit weiter an Boden verlieren. Die Spitzenverdiener leiden in der Regel an Identitätsverlust: überschwemmt mit zunächst unfassbar viel Geld und gewöhnt an die Werteskala dieser Gesellschaft, beginnen ihnen die Fans und die Umgebung peinlich zu werden, denen sie ihren Aufstieg verdanken.

In keinem anderen Bereich jedenfalls laufen auf so kleinem Raum mit so einfachen Mitteln so elementare und zugleich hochdifferenzierte Prozesse ab; Fußball ist das Theater der Welt. Sein Spielfeld ist als Mikrokosmos so vollkommen die Verdoppelung der Außenwelt, daß Tausende von ihm leben, Millionen mit ihm ihre Stimmungen, wenn nicht ihre Existenz verbinden, selbst wenn sie nicht berufsmäßig mit ihm verbunden sind."
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