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Heft 6 / 2005
stadt wohnen
Pladoyer für eine liebevolle Näherung
„stadt wohnen", das Thema dieser Ausgabe und auch des 9. Berliner Gesprächs des Bundes Deutscher Architekten BDA, soll nichts anderes sein als ein eindeutiges Bekenntnis zur Stadt als Lebenszentrum der Menschen. Doch die Stadt, wie wir sie kennen, wird im 21. Jahrhundert angesichts der zu erwartenden – und inzwischen langsam sichtbar werdenden - demographischen, sozialen und kulturellen Probleme vielfältige Umbrüche bewältigen müssen. Nicht erst die Pariser Unruhen im November dieses Jahres haben das Augenmerk auf die Unzulänglichkeit grundsätzlicher Strukturen und damit die Dysfunktionalität verschiedener Teile des Stadtgefüges gelenkt. Diese Strukturmängel unserer Städte sind für alle sichtbar und vielen bewußt – und sie sind nicht zwangsläufig Ergebnisse städtebaulicher oder architektonischer Fehlleistungen, nicht allein Resultate eines politischen, sozialen und ökonomischen Versagens reformbedürftiger Gesellschaftssysteme, sondern auch geschuldet einem Mangel an Aufmerksamkeit, der zur Gleichgültigkeit tendiert.
Natürlich reichen die finanziellen Mittel vieler Städte und Gemeinden kaum noch für eine Steuerung der Stadtentwicklung. Vielmehr geraten die Städte untereinander in konkurrierende Wettbewerbe um Investoren, die man benötigt, um überhaupt noch Entwicklungsmaßnahmen beginnen zu können. Dieses Phänomen bringt unmittelbar mit sich, daß immer mehr Areale, die einer kommunalen Kontrolle obliegen sollten, vor allem der vielbeschworene „öffentliche Raum“, in private Hände gelangen, die zumeist eigene und nicht gemeinschaftliche Interessen verfolgen. Und dazu gehört auch, daß städtebauliche Planungen oft nur noch in kurzfristigen Projekten umgesetzt werden.
Besonders die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft – die zu erwartenden Migrationsbewegungen, die in den Ansätzen schon zu erkennen sind, die zunehmende Alterung der Gesellschaft und Individualisierung der Bevölkerung, die soziale Segregation und eine kulturelle Polarisierung stellen die Menschen und die Städte vor eine neue Herausforderung. Dabei läßt sich der Eindruck gewinnen, daß die immer stärker in Erscheinung tretende Tendenz zur Individualisierung einen Konsens über Struktur, Funktion und Aussehen der Stadt gar nicht mehr möglich macht.
Dennoch sei probeweise von einer Grundannahme ausgegangen: Das Phänomen der Stadt sei verstanden als ein zeitlich und räumlich geschichtetes Kontinuum, dessen räumlich wahrnehmbare Schichten den unterschiedlichen Formen gesellschaftlichen Lebens einen spezifischen Platz einräumt. Jedes Individuum, jede Gruppe, jede Schicht richtet sich auf eine eigene, spezifische Weise in der Stadt, respektive in einem ihrer Teile ein. Deshalb wird sich früher oder später jede gesellschaftliche Entwicklung in der Struktur des urbanen Organismus’, im Plan der Stadt, in der Gestaltung des Quartiers und im Grundriß des Hauses und der Wohnung abbilden. Für diese Art von territorialer Aneignung ist vielleicht der Begriff des „Wohnens“ geeignet - in seiner Bedeutung von „Beheimatsein“, von einem „In-der Stadt-Zuhausesein“. Das „Wohnen“ ist der unmittelbare Spiegel der Gesellschaft und ihrer Individuen, im Raum, im Haus, in der Straße, im Viertel und in der Stadt.
Und „Wohnen“ kann in unserem Sinn noch eine andere, eine phänomenologische Bedeutung bekommen: Denn zur Art des Wohnens, wie es hier verstanden werden soll, gehört unmittelbar die höchst verfeinerte Art und Weise, wie Menschen ihre unmittelbare Umgebung – das Zimmer, die Wohnung, das Haus, also das, was landläufig zum engeren Begriff des Wohnens zählt - mit allen ihren Sensorien wahrnehmen. In größerem Maßstab besitzen wir solche feinjustierten Kriterien der Wahrnehmung nicht mehr. Schon auf der Straße werden die Wahrnehmungen flüchtiger, grober, oberflächlicher – von größeren Zusammenhängen ganz zu schweigen.
Aber kann nicht die Feinwahrnehmung, die Menschen bei ihrem Zuhause walten lassen, auch in der Stadt zur Anwendung kommen? Dann wäre zu fordern, daß Räume, Flächen, Verbindungen, Schwellen und Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Öffentlichen, zwischen den unterschiedlichen Vierteln der Stadt für Schichten, Generationen und ethnische Gruppen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln so „wohnlich“ wie möglich zu gestalten sind. Wenn es so wäre, daß die Stadt den Maßstäben entspräche, die wir an das uns vertraute Zusammenspiel von Raum, Wohnung und Haus legen, dann, ja dann könnte mit Fug und Recht davon gesprochen werden, daß die gesamte Stadt „gewohnt“ wird.
Diese Ausgabe unserer Zeitschrift probiert einen zweifachen Zugang: Die ausgewählten Texte aus verschiedenen Zeiten und von gänzlich verschieden denkenden Autoren geben unterschiedliche Ansätze mit differierenden Intensitäten wieder, die bei einer aufmerksamen Betrachtung des eigenen Raumes, des Quartiers und der gesamten Stadt möglich – in Sinne von „stadt wohnen“ nötig - sind. Die daran anknüpfenden Bildsequenzen ermöglichen im Fortschritt vom Eigenen zum Öffentlichen, vom Kleinen zum Großen, vom Feinen zum Groben einen anderen Zugang – den des wachen Träumers, des aufmerksamen Flaneurs, des umherschweifenden Großstadtbewohners, den die Liebe zur Stadt aufs immer Neue schmerzlich berührt.
Andreas Denk
inhalt
Der eigene Raum. Das Bild des Menschen im Wohnen
Combray Marcel Proust
Die Interieurs in der Rotunde Adolf Loos
Besuch Henry David Thoreau
Die Tür Otto Friedrich Bollnow
Jenseits der Mauer Hermann Hesse
Innen und Außen, beides Martina Düttmann
Raumkonflikte. Die Quartier der Stadt
Das Viertel Georges Perec
Territorium Alison und Peter Smithson
Innen und außen Herman Sörgel
Raumbildung. Die Stadt als öffentlicher Raum
Die große Stadt August Endell
Posturbanismus Anthony Vidler
Grenzzonen Jane Jacobs
Nicht-Orte Marc Augè
Theorie des Umherschweifens Guy Debord
Das Beispiel: Pfarrzentrum St. Nikolaus, Wipperfürth Martini Architekten BDA
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