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Silke Johannes
ortstermin
Durch ein Jahrhundert Verkehrstechnik
An einem Sonntag Nachmittag sind wir mit Bertram Weisshaar verabredet. Der Spaziergangsforscher nimmt uns mit auf eine Tour zu Fuß um die Automobil- und VerkehrsÜbungsstraße Avus von Berlin Westkreuz bis Halensee. In dieser Ecke würde wohl niemand freiwillig spazieren gehen, denn die Gegend ist heute maßgeblich geprägt von Verkehr, Straßen, Gleisen, Ampeln, Rauschen, Dröhnen, Gestank und Verfall. Aber genau diese fast menschenfeindliche Umgebung reizt den Promenadologen Weisshaar.
Treffpunkt ist der S-Bahnhof Westkreuz. Wir stehen auf dem zugigen kleinen Vorplatz, eingeschlossen von Gleisen und Autobahntrassen. Die Sicht auf das Messegelände ist seit 1979 durch das International Congress Center ICC, entworfen von Ralf Schüler und Ursula Schüler-Witte, verstellt, aber in der anderen Richtung schaut man über das Häusermeer der Millionenstadt in die grüne Ferne. Langsam gewöhnen wir uns an den Geräuschpegel, das unablässige Rauschen der Autos auf der A100, die sich rühmt, die meist befahrene Autobahn Deutschlands zu sein, und das regelmäßige Rattern der S-Bahnen und Züge, unten auf den Gleisen. Hier erzählt uns der Spaziergangsforscher von seinem Anliegen, sich Zugang zum Raum durch Gehen, Hören und Sehen zu verschaffen: die Wahrnehmung der eigenen Körperlichkeit am Ort durch langsames Begehen zu steigern, und schließlich festzustellen, wie man vom Sehen zum Erkennen kommt. Er erzählt uns vom Dreiklang Sehenswürdigkeit-Denkwürdigkeit-Merkwürdigkeit, der viele Orte prägt. Er weiß, ein langsamer Gang mit offenen Sinnen entdeckt die Schönheit des Vorhandenen selbst an unwirtlichen Orten wie diesem.
Schon nach wenigen Metern stehen wir auf der ersten Merkwürdigkeit, einer „blinden“ Auffahrt auf die A100. Die Zufahrt ist verbaut, der Teer wirft Blasen, aber das blaue Straßenschild steht und weist, die Schrift ordnungsgemäß orange überklebt, auf eine unmögliche Möglichkeit hin. Wir folgen dem möglichen Weg, vorbei an mehrspurigen Fahrbahnen, unter der Autobahnbrücke und durch einen Tunnel zur Messeseite hin, betreten das ICC-Parkhaus und fahren mit dem Aufzug in die oberste Etage. Das Parkhaus ist ganz leer. Durch einen Innenhof sieht man oben vor dem Himmel die Bäume eines unzugänglichen Dachgartens – ein absurdes Idyll. Hier oben stehen wir als Kapitäne auf dem silbernen Kongress-Schiff – wie fließendes Wasser streicht der erkehr unten um den Koloss.
Auf jeder Seite liegen mindestens acht Fahrspuren plus Gleisanlagen. Im Mai 2008 beschloss der Senat die Sanierung des Gebäudes bei laufendem Betrieb und im Zuge dessen soll das südliche Parkhaus in kleine und mittelgroße Räume umgebaut werden. Dann verschwindet die spröde Betonschönheit. Wieder unten angekommen, wollen wir in Richtung der ehemaligen Avus Autorennstrecke über eine Fußgängerampel gehen, die gut vierzig Meter Fahrbahn überbrückt. Die Ampel ist genau zehn Sekunden grün. Wir kommen natürlich nur bis zur Hälfte und stehen wieder auf einer Insel, umgeben von mehrspurigen Fahrbahnen in und aus allen Richtungen. Wir haben 90 Sekunden Zeit uns daran zu freuen, und dann wieder zehn Sekunden grün.
Ein Stück weiter auf der Brücke Richtung Ku’damm kommt man durch eine kleine Tür auf den Parkplatz des Rasthof Avus. LKW und Busse parken dort. Große Schilder weisen zur Fäkalienabpumpanlage. Ein Teil der Fahrbahn ist abgesperrt, leer bis auf einen einsamen Modellautofahrer mit seiner Fernsteuerung. Das ist der Rest der berühmten Nordkurve, die heute unter Denkmalschutz steht, genau wie der Turm des heutigen Motel Avus, in dem ab 1935 die Rennleitung saß, sowie die Zuschauertribüne auf der anderen Autobahnseite. Wir haben den Mythenraum betreten. Die Geschichte der Strecke beginnt 1913, als die deutsche Fahrzeugindustrie eine Versuchs- und Übungsstraße benötigte, um ihre modernste Automobil- und Straßenbautechnik zu testen. Zwischen dem alten Weg nach Potsdam, dem Königs- und Kronprinzessinnenweg, und der 1879 gelegten Bahntrasse wurde der Grunewald gerodet. Eingangstor und Nordkurve lagen am Kasernenplatz vor den Toren der Stadt, das Streckenende, die Südkurve, in Nikolassee. Vom Krieg unterbrochen konnte die Strecke erst 1921 fertig gestellt werden – privat finanziert von Hugo Stinnes, gebaut von russischen Zwangsarbeitern.
An der Avus wurden grundlegende Techniken des Fahrbahnbaus entwickelt, probiert und optimiert. Entsprechend erzielte man bei den Rennen hier legendäre Geschwindigkeitsrekorde: 1921 fuhr Fritz von Opel 130 km/h, als in der Stadt noch höchstens 25 km/h, und auf der Straße nebenan durch den Grunewald nur 15 km/h erlaubt sind. 1934 liegt Hans Stucks Rundenrekord bei 245 km/h. Nach dem Ausbau der Nordkurve zu einer Steilwand 1935/36 erhöht Hermann Lang den Rekord auf 276,4 km/h und den Geschwindigkeitsweltrekord über 100 Kilometer auf 261,6 km/h. Diesen wird er bis 1958 halten. Dort, wo heute LKW parken, standen früher die Zuschauer. Viele starben bei den Rennen, wenn wieder ein Wagen aus der Steilkurve flog. 1937/40 wurde die separate Strecke an die Reichsautobahn angeschlossen und Ende der sechziger Jahre musste die gesamte Strecke dem modernen Stadt- und Transitverkehr angepasst werden. Die Steilkurve wurde abgebaut, der Rennverkehr unbedeutend und 1998 endgültig beendet. Seitdem liegt das Gelände im Dornröschenschlaf. 2006 kaufte die Projektentwicklungsgesellschaft Avus-Tribüne dieselbige. Ihre Pläne sehen eine verglaste Straßenfront vor, hinter der ab 2010 ein Avus-Museum, Shops und Gastronomie Platz finden sollen.
Wir gehen durch einen Tunnel am Ende des Parkplatzes an der Deutschlandhalle vorbei in Richtung S-Bahnhof Eichkamp. Diese Gegend besteht hauptsächlich aus Parkplätzen für Messebesucher. Auf unserem Weg kommt die Frage auf, warum die Deutschlandhalle abgerissen, das ICC aber erhalten werden soll. Der Senat hatte es im Mai 2008 so entschieden.
Der S-Bahnhof Eichkamp wurde, wie Westkreuz, 1927-29 von Reichsbahnarchitekt Richard Brademann gebaut und ist heute denkmalgeschützt. Auf der Rückseite des Bahnhofs gehen wir links entlang der Schienen, eine Treppe hinunter und durch eine enge Durchfahrt unter der Autobahnbrücke hindurch über altes Kopfsteinpflaster. Der Weg führt ganz leicht geschwungen hinauf, unter Autobahnbrücken durch, über Eisenbahnbrücken hinweg. Dann öffnet sich rechts das Gelände hinter einer einzigen Straße mit Randbebauung aus Ziegelsteinhäusern. Direkt neben dem verriegelten Torbau mit zugewachsenem Wachpostenfenster ist die Einfahrt. Dies ist das Bahngelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks Grunewald. Bis in die vierziger Jahre wurde auch hier geforscht und getestet. Die örtliche Nähe zum Reichsbahnzentralamt in Charlottenburg machte Grunewald zum idealen Ort für ein Lokomotiv-Versuchsamt.
Die schnellsten Kessel, die besten Bremsen wurden hier entwickelt. Das Gelände ist auf allen Seiten von Gleisen und Straßen umschlossen, also bestens abgeschirmt, und „ideal“ für den Einsatz von Zwangsarbeitern aus dem KZ Außenlager Falkensee geeignet. Nach 1945 wird im Zuge der sowjetischen Reparationsforderungen auch in Grunewald der größte Teil abgebaut. Heute stehen nur noch die Ruinen, die hinter Bauzäunen abgeschirmt vor sich hin rotten. Aber neue Mieter machen diesen vergessenen Ort seit diesem Jahr wieder lebendig: Golfspieler üben jetzt ihren Abschlag von einer Range in die leere Fläche zwischen den Gleisen, Paintballer grillen nach der Schlacht zusammen vor ihrer Spiel-Halle.
Durch einen hinteren Fußgängertunnel gelangen wir auf den Weg zum Halensee. Auf der Brücke über der Stadtautobahn bleiben wir stehen und lassen uns von Bertram Weisshaar auf die komplizierte Lage des Grundstücks aufmerksam machen, auf dem das volksmundlich „Zitrone“ getaufte Bürohaus von Léon Wohlhage Wernik Architekten steht. Weiter an den Gleisen entlang kommen wir zur letzten Merkwürdigkeit, dem Friedhof Grunewald. Der kleine Kirchgrund ist nur über eine Brücke zu erreichen und liegt komplett von Bahngleisen umschlossen. Von letzter Ruhe keine Spur. Mit einem letzten Blick auf das ICC von der Brücke am S-Bahnhof Halensee ist der Spaziergang beendet. Weit sind wir nicht gegangen, aber die Reise führte durch ein ganzes Jahrhundert verkehrstechnischer Entwicklung. Und obwohl die Gegend sehr unwirtlich ist, trafen wir in allen Winkeln Menschen, die sich darin eingenistet haben.
Silke Johannes
Fotos: Daniel Hubert
www.promenadologie.de
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