zurück zur Startseite
Zeitschrift des Bundes Deutscher Architekten BDA

SCHNELLSUCHE

da-Buchshop

da-buchshop

Partner


Bund Deutscher Architekten

Deutsches Architektur Zentrum



Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
das beispiel:
birg mich, cilli!, viechtach, 2008

HAI Merlin, Studio für Architektur, München





Symbiose statt Metamorphose
Ein Bauernhaus im Bayrischen Wald, keine dreissig Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt, war bis zum vergangenen August nicht zum ersten Mal seit seinem Bestehen Schauplatz von Veränderungen.

Das ursprüngliche Haus wurde 1840 erbaut und erfuhr etliche Umbauten. Im Jahr 1974 starb die letzte Besitzerin, die dem jüngsten Projekt den Namen schenkte, Cilli Sigl. 1976 wurde dort die Fernsehserie „Zwei sind einer zuviel“ gedreht, danach aber stand das Haus leer. Bis sich Peter Haimerl und Jutta Görlich seiner annahmen. Sie hatten eine klare Vorstellung was das Haus nicht werden sollte, nämlich ein aufgemöbeltes, rundumsaniertes, vollisoliertes Bauernhausimitat.

Das selbst formulierte Ziel „Ich will, dass das Gebäude bleibt wie es ist, aber ich will nicht mehr frieren.“ und das damit verbundene Tabu, in die Struktur einzugreifen, provozierten die so entstandene ungewöhnliche wie schöne Lösung. Vier eingestellte Kuben aus wärmedämmendem Leichtbeton sorgen in den wichtigen Wohnräumen wie Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer für die notwendige Isolierung. Die Flächen der Kuben aber besitzen große Öffnungen, die den Blick ins unrenovierte Innere des alten Hauses erlauben und so nicht autark Besitz ergreifen, sondern sich symbiotisch mit dem Alten vereinen. Das hier umsichtige Personen am Werk waren, die das Vorgefundene behutsam und respektvoll in die Zukunft zu überführen vermochten, bezeugt nicht zuletzt die liebevolle fotographische Dokumentation alter Gegenstände, von der Waffe bis zur alten Verpackung, die bei der Erneuerung vorgefunden wurden.

„Birg mich, Cilli!“ ist Bauen im Bestand im wörtlichsten Sinne.

Daniel Hubert





Projektdaten
Standort: Cilli Sigl, Eben 4, 94234 Viechtach
Planungs- und Bauzeit: Januar 2007- August 2008





Bau- und Projektbeteiligte
Bauherren: Jutta Görlich, Peter Haimerl
Architekten: HAI MERLIN, Studio für Architektur,
Peter Haimerl, Jutta Görlich, München
Tragwerksplanung: AKA – Ingenieure, München





Cillis Konzept
Es bleibt fast alles wie es ist Neue Räume im Bestand Offen für das Alte – Wandausschnitte In den letzten dreißig Jahren wurden im Bayerischen Wald die meisten alten Bauernhäuser zerstört, aus Ignoranz und mangelnder Wertschätzung gegenüber dem „oidn Glump“, vielleicht aber auch, um die Zeitzeugen einer gar nicht so guten alten, eher armen Zeit zu tilgen.

Der Verlust der architektonischen Tradition dieser Region war die Folge – Platz für das Alte findet sich beinahe nur noch in Bauernhaus-Museumsdörfern. Daher sieht das architektonische Konzept vor, den Bestand – wie ruinös auch immer er sein mag – zu wahren und in die Struktur des alten Bauernhauses „Cilli“ nicht einzugreifen.

Die Räume des Altbaus bleiben wie sie sind, es wird kaum Bestehendes entfernt, das gilt für die Fenster, den alten Putz, die Bodenfliesen und andere alte Einbauten. Wurde doch etwas aus dem Bestand entfernt, wurden aus diesem Material Möbel hergestellt: Recycling.





In einige wenige zentrale Räume, wie zum Beispiel die alte Stube des alten Bauernhauses, hinein wurden Betonkuben platziert, in denen das neue Leben stattfindet. Diese Kuben wurden aus weißem Sichtbeton geschalt. Der Zuschlag aus Blähglas ist gleichzeitig eine Anspielung auf eine im Bayer-Wald anzutreffende geologische Formation, die als „Quarzkeil“ die Landschaft unterirdisch durchzieht.

Das Neue rahmt bildgleich das Alte ein, stützt und schützt es, das Alte nimmt das Neue auf.

Birg mich, Cilli!

Peter Haimerl





Fotos: HAI MERLIN, Studio für Architektur
Seite drucken | Seite empfehlen | zum Seitenanfang