SCHNELLSUCHE
|
 |
|
|
 |
da-Buchshop |
|
 |
Partner |

 

|
 |
 |
|
 |
 |
 |
Heft 7 / 2001
Das Haus der Sinnlichkeit
inhalt
Das unablässige Strömen der Botenstoffe
Um sinnvoll über Sinnlichkeit sprechen zu können setzte ich folgende Erkenntnisse voraus: Sinnlichkeit entsteht in Wechselprozessen. Es gibt kein reines Sehen und kein reines Hören. Vielmehr sehen wir zum Beispiel, daß jemand sehr attraktiv ist und hören gleichzeitig eine wohlklingende Stimme, die in einer raffinierten Indirektheit an uns gerichtet ist. Beide Wahrnehmungen steigern die Attraktion und wir werden tatsächlich angezogen, hingezogen und müssen uns zusammennehmen, beherrschen oder was immer, um dem Attraktor gewachsen zu sein. Sinnlichkeit „gehört“ also in eine durchdringende Dynamik und ist keine Eigenschaft an den Körpern. Die sogenannten Sinnesorgane erzeugen nicht die Sinnlichkeit, sondern sind selbst Produkte davon. So können auch jederzeit neue Sinne und Sinnesorgane entstehen.
Sinnlichkeit ist ein Bildungsgut. Es wird gebildet indem wir uns den Wechselprozessen aussetzen, uns in ihnen umorganisieren lassen und dabei nuancierte Unterschiede wahrnehmen. Hierbei gilt, was Feinschmecker über das Feinschmecken sagen: daß nämlich die Fähigkeit, zu unterscheiden, die Demokratiefähigkeit fördert.
Ferner können wir heute davon ausgehen, daß die sinnlichen Wechselprozesse das Potential sind aus denen sich unsere bisherige Entwicklung herleitet und jede künftige Entwicklung ermöglicht. Die Bandbreite der Sinnlichkeit reicht von tiefen und langanhaltenden Erfahrungen, die in die Knochen geht, bis zur kurzlebigen nervösen Reizung an der Oberfläche. Auch die Sinnlichkeit von Materialien, Farben, Formen ist hierbei am Aufbau existentieller Daseinsformen beteiligt. Dementsprechend entstehen jeweils andere Ich-Konstitutionen und Tragweiten. Auf den Punkt gebracht kann man sagen, daß sich unsere Leiblichkeit in der sinnlichen Wahrnehmung bildet und nicht umgekehrt.
Die Verflachung der Existenmöglichkeiten
Von hier aus kann man auf einige aktuale Probleme hinweisen: Architektur hat heute eher Bildcharakter, weil wir die Sinnlichkeit hauptsächlich auf Sehen abblenden. Graphiker bauen für Graphiker. Da Sehen immer mit Distanzierung zu tun hat, hält diese Dominanz auch diejenigen Sinne auf Abstand, die dafür gar nicht eingerichtet sind. Das Schwergewicht und die Tiefe der Materialien werden dem bloßen Sehen geopfert. Man kann zum Beispiel in einer heutigen Kirche keine Namen mehr ins Gestühl schnitzen. Damit geht eine haptische Möglichkeit verloren, sich zu verbinden und teilzunehmen.
Unsere reiche, tiefe Existenzmöglichkeit verflacht jedoch, wenn sie nur einseitig, zum Beispiel auf Optik hin, angesprochen wird, wenn wir mit bestimmten Materialien nicht mehr in Berührung kommen oder wenn prozeßleere Flächen keine Geschichte haben dürfen. Wenn Menschen heute gezwungen sind, auf unsinnliche, gesichtslose Wandflächen zu schauen dann sind Krankheiten vorprogrammiert, weil die auf Sinnenreichtum angelegte Existenz zurückgefahren und verflacht wird. Es wäre also angebracht, Wandflächen als medizinisch - therapeutische Wirkstoffe anzusehen und sie in das ganze Programm der Medikamentation gegen Schmerz, Verkalkung, Immunschwächen aufzunehmen.
Der Phänofanatiker Rilke hat bereits die Gefahr kommen sehen, daß wir uns Sachen ausdenken, vorstellen und entsprechende Kopfarchitekturen irgendwo abstellen. Auch Hugo Kükelhaus zeigt, daß Ausgedachtes und prozeßleere Formen beim Nutzer wieder nur auf das Gehirn wirken und den Rest des Körpers außen vor lassen. So schrumpft das Subjekt immer weiter und wird der Macht der Objekte unterworfen. Das Subjekt bleibt bei sich und spinnt sich in übersteigerte Begierden und Träume vom vollen Leben. Das wiederum wird durch die Unterhaltungsindustrie aufs beste bedient. So stimmt eigentlich alles. Was stimmt also nicht?
Die Sinnlichkeit der Zusammenhänge erweitern
Richard Sennett weist darauf hin, daß eine Kluft entsteht zwischen Mensch und Umwelt, weil wir an den hyperperfekten und „benutzerfreundlichen“ Objekten ohnehin nicht viel machen können. Man kann hier gerade von einer Diktatur des Vorgegebenen sprechen, die den Benutzer zur Passivität erzieht und verhindert, daß er aus sich heraus gehen würde. So ist es verständlich, daß wir auch „Architektur zum Anfassen“ brauchen: taktile Qualitäten, Materialien mit Gedächtnis, Vorgänge, die nicht schon erschlossen sind und glatt funktionieren, sondern die reiben, sperren und Ballaststoffe beinhalten. Und auch: Klingende Steine, Geländer zum Anlehnen, Böden mit Schwerkraft. Auch der Bauprozeß selbst, die Art und Weise, wie die Erde aufgewendet und hergestellt wird, verdient es, thematisiert zu werden. Das würde die Sinnlichkeit für Zusammenhänge, für die Herkunft und das Geworden-sein der Dinge sowie unserer Existenz erweitern.
Aktual ist auch das Abstumpfen der Sensibilität durch Reizüberflutung und Massivität der Eindrücke. Menschen sind so abgestumpft, daß sie nur das wahrnehmen und achten, was sie fesselt, spannt, beeindruckt, drückt und erschlägt. Unter dem Motto: „Das ist so toll. Da fällst Du tot um!“ Dieser abbauende Vorgang der Unterwerfung wird merkwürdigerweise zunächst als Lust empfunden - endet dann aber in der Depression. Hier gilt vor allem, was Moshe Feldenkrais erkannt hat: „Die Empfindlichkeit wird umso geringer, je größer der Reiz ist.“ Wer hat das nicht schon erlebt? Wir verschließen uns eher, wenn uns jemand anbrüllt oder werden selbst grob und wir öffnen uns eher, wenn jemand freundlich ist. Nach Feldenkrais muß man die Massivität der Reize verringern, um die Sensibilität zu erhöhen.
Präsenz, Gegenwart, volles Dasein ist nur über Sinnlichkeit zu erreichen. Ein Beispiel: In dem Film „Sophie - Sissis kleine Schwester“ sind Sophie und der Mann ihres Herzens vollsinnlich präsent, während die anderen immer irgendwelchen Zielen hinterherjagen. Vor allem der Märchenkönig Ludwig wird permanent durch Wagners Musik derangiert und in seiner Aufmerksamkeit abgezogen. Er ist nie bei dem, was sich unmittelbar bietet, sondern mit seinen Gedanken woanders. Er sieht, was die Projektion seiner Phantasie auf die Umgebung wirft. Er benutzt Menschen und Umgebungen als Projektionsflächen und sieht nicht ihre eigene Schönheit.
Ganz anders die Verliebten. Sie schauen und setzen sich selbst dabei aus. So entsteht das offene Gegenüber, durch das sich etwas so zeigen kann, wie es von sich her ist. Es entstehen die Augenblicke, die lebendig, kostbar und von langer Dauer sind. Die Haarlocken, die glühenden Wangen - vor allem aber durch Blick und Gegenblick rufen sich die Verliebten in ihre Gegenwart.
Im Haus der Sinnlichkeit
Die Kluft zwischen zwanghafter, sinnenarmer Repräsentation und zwangloser, natürlicher und sinnenreicher Präsenz geht durch alle Bereiche und führt beispielsweise dazu, daß sich Bauherrn aufwändige Villen bauen lassen - das eigentliche Lebenszentrum aber in sinnliche und weniger auf Distanz bedachte Kuschelecken verlegen.
Architekten gehen beim Entwerfen in der Regel von Raumprogrammen, Funktionsabläufen, Formüberlegungen und Kostenproblemen aus. Sie gehen nicht oder weniger von der physischen Verfassung der menschlichen Existenz aus und noch weniger bis gar nicht von der Sinnlichkeit. Architektur hat zuerst die Aufgabe, mehrdimensionale Situationen zu schaffen, weil Dasein nur als Situation möglich ist. Hierbei gilt: Eine gute Situation ist nicht unbedingt an spektakuläre Architektur geknüpft. Sekundär kommt das dreidimensionale Objekt und tertiär die zweidimensionale Abbildbarbeit . Oft folgt der Anspruch der Architekten genau der umgekehrten Reihenfolge.
Im Haus der Sinnlichkeit strömen unablässig Botenstoffe. Das Haus der Sinnlichkeit kann kein Objekt sein in dem Sinne, daß wir es wie ein Haus mieten, besitzen oder bewohnen. Das Haus der Sinnlichkeit ist nicht ohne uns, nicht ohne die flirrende Vielfalt des uns Umgebenden und der noch unentdeckten Möglichkeiten. Insofern ist dieses Haus im besten Falle etwas Schwingendes, Klingendes, eine lebendige Raumöffnung, die als Wollust empfunden wird wenn sie aufgeht. Je sinnlicher, je glücklicher.
Franz Xaver Baier
|
 |
 |
Seite drucken | Seite empfehlen | zum Seitenanfang |
|