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Heft 8 / 2000
Künstliche Topographien
inhalt
Künstliche Topographien
Andreas Denk
Seit der Antike plant der Mensch "große" oder "kleine" Fluchten aus der Realität: Dabei sind einige dieser Ausweichorte aus dem täglichen Leben zu eigenständigen Topographien geworden, die sehr gezielt durch ihre besondere architektonische Ausprägung einen Teil der Welt anders strukturiert haben als das Übrige. Im Zuge der Entwicklung zu einer "Erlebnisgesellschaft" hat sich die Möglichkeit zu solchen "Fluchten" auf alle Schichten ausgedehnt: Warenwelt und Massenmedien bieten heute nahezu geschlossene Systeme als Identifikationsorte für ganz unterschiedliche intellektuelle Ansprüche. Diese Ausgabe von "Der Architekt" untersucht verschiedene dieser "künstlichen Topographien" in Hinsicht auf die Fragestellung, welchen gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnissen solche "Fluchtorte" tatsächlich entsprechen.
Ein Schäferleben. Die Menagerie von Sceaux -
eine ländliche Gegenwelt des 18. Jahrhunderts
Katharina Krause
Ländliche Szenerien dienten den Damen des barocken Hochadels, den diversen Verpflichtungen des höfischen Lebens zu entkommen. Quellen belegen, daß sich die Zeitgenossen während ihres Aufenthalts in den von Gärten umgebenen ruralen Gebäuden ins "Goldene Zeitalter" und ins irdische Paradies versetzt fühlten. Gefiel man sich in der Sehnsucht nach dem einfachen Leben auf dem Lande, so standen der tatsächliche Aufwand und die tatsächliche Einrichtung dieser Refugien dazu durchaus im Widerspruch. Die Mènagerie von Sceaux war ein zweigeschossiger Pavillon mit Salon, Schlafzimmer und Kabinetten, die aber immerhin den Luxus mit ländlicher Einfachheit verband. So brachte die Pastorale neben einem verfeinerten Lebensgefühl auch "ein wenig mehr an Verständnis für die ästhetischen Qualitäten der landwirtschaftlich genutzten Umgebung von Paris".
Als das Wünschen noch half - Der deutsche Märchenwald
Martin Seidel
Märchenwälder entstanden schwerpunktmäßig in den dreißiger und dann vor allem in den fünfziger Jahren. In ihren Bauten finden sich häufig beiläufige und unsystematische Rekurse auf vergangene alt-deutsche Bau-Traditionen und auch auf die gängigen ästhetischen Gestaltungsprinzipien der bildenden Kunst. Gegenüber den Simulations-, Animations- und Überwältigungseffekten der heutigen Freizeit- und Themenparks nehmen sich die Märchen-Anlagen geradezu wie alttestamentarische Präfigurationen aus. Geboten wird nicht "action", sondern eine Welt hinter der Welt. Die ist weder schicksalshaft noch heroisch oder spektakulär, sondern schlichtweg idyllisch.
Die Gelehrtenrepublik - Eine Utopie Arno Schmidts aus dem Jahre 1957
Ulrich Höhns
Mit 'Die Gelehrtenrepublik. Kurzroman aus den Roßbreiten' (1957) stellt sich Arno Schmidt in die lange Tradition utopischer Literatur. Die an sich unpolitische und kriegssichere "International Republic for Artists and Scientists" (IRAS), die Gelehrtenrepublik im Sargassomeer, wird vor dem Hintergrund einer anhaltenden Ost-West-Konfrontation für den Protagonisten Charles Henry Winer "zu einer universalen Projektionsfläche der politischen und kulturellen Welt". So ist die insulare Idealwelt in Wirklichkeit keineswegs ungefährdet und autonom, sondern ein Spielball der Großmächte, die sie zur Steigerung der künstlerischen und intellektuellen Reputation, aber auch aus wirtschaftlichen Antrieb heraus den nationalen Interessen unterordnen: Schmidt reflektiert in dieser negativen Utopie die politische Situation der Entstehungszeit des Romans und damit zugleich auch seine eigene Position.
Das Falsche Buch - Der literarische Schauplatz als architektonischer Spielraum bei Paul Wühr
Jürgen Nelles
Der Autor untersucht die eigenwillige, zugleich realistische und fiktive Stadtlandschaft in Paul Wührs 1983 erschienenen Roman Das Falsche Buch vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Architektur- und Postmoderne-Diskussion. Wie andere Bücher folgt auch Wührs Buch postmodernen Vorlieben und spielt in zurückliegender Zeit. Doch ist Das Falsche Buch in der Vielfalt der Formen, Zeiten und Orte radikaler als andere Romane. Mit einem urbanen Panorama, das die "Münchener Freiheit" als topographisches Zentrum des Romans mit der Spanischen Treppe, dem Roten Platz und allerhand fiktiver Architektur verbindet, durchbricht es jeden zeit-räumlichen Zusammenhang und verweist so auf eine bessere architektonische und literarische Zukunft.
Die betonierte Illusion - In Las Vegas begegnen sich Welten
Theodor Geus
Trotz des erreichten Wohlstands und der ungeahnten Freiheit ist man in den hochentwickelten Industriestaaten dem Glück nicht nähergekommen. Gerade die Freizeit wird immer mehr zum Problem. Die Lücke zwischen Existenzleere und steigender Glückserwartung versucht man durch die künstlichen Arrangements der "Kathredralen der Freizeitgesellschaft" (H.W. Opaschowski) zu schließen. Diese künstlichen Paradiese erreichen durch die Demokratisierung des Vergnügens - etwa in den Freizeitparks - unabsehbare Dimensionen. Eine aus bis zu 15 Modulen bestehende Erlebnisszenerie ist die Semiramis Paradise World, die im vollen Umfang - unter anderem mit einem Polynesian Village, einer Blue Lagoon, einem Fort Appache oder dem Roman History Village - in Las Vegas zu bestaunen ist. Sie markiert zugleich den Wandel von der Spielerstadt Las Vegas zu einer Stadt, die zunehmend in den Freizeit- und Unterhaltungsmarkt investiert. 1996 kam es gar zum Nachbau von Bellaggio oder einzelner Prachtbauten von Venedig oder Paris im originalmaßstab. Leitendes Prinzip ist nach wie vor ein "erbarmungsloser Kapitalismus".
Konsumstadt aus der Retorte - Die Einkaufs-Mall CentrO in Oberhausen
Thomas Finkemeier
Das von der britischen Stadium-Gruppe um Edwin Healey auf einer 100 Hektar großen Industriebrache im Herzen Oberhausens erbaute CentrO wird entgegen der Erwartung von Skeptikern weithin akzeptiert. Nicht nur als Einkaufszentrum, sondern auch als Ort des Flanierens, Feierns und der Freizeit wird es geschätzt und genutzt. Auch fördert das CentrO, das seinen Beitrag zum Strukturwandel im Ruhrgebiet leistet, durchaus das Selbswertgefühl der Ein- und Anwohner. Zumal Blickachsen, Ausstattungsgegenstände und Architekturzitate zur gewohnten Umgebung Bezüge herstellen, wird das CentrO mit seinem gepflegten Ambiente sowohl zum Ort der Identifikation als auch zu einem jedermann zugänglichen "Ort außerhalb der Realität".
Meine Lindenstraße... - Sonntagsabend ist die Welt wieder normal
Margund Zetzmann
Durchaus vertraut mit Gramscis Kulturstudien über Wesen und Funktion der Massenunterhaltung, gesteht die Kritikerin Momente ein, in denen sie vom eigenen Alltag einfach abschalten und leichte Fernseh-Kost konsumieren will. An der Lindenstraße fasziniert sie gerade die absolute Alltäglichkeit des Lebens. Die Banalität der Serie wird für sie erträglich durch die gesellschaftskritischen Themen der Arbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus, die zum festen Bestand der Serie gehören. Das Bewußtsein der Künstlichkeit der Serie, der unrealistischen Verdichtung von Handlung und Charaktere nimmt die Autorin gerne in Kauf - bietet ihr die seit fünfzehn Jahren allsonntäglich ausgestrahlte Serie doch den "Luxus heimeliger Kontinuität in den rasanten Zeiten des Wandels".
HO: Eine wirkliche Welt? Probleme bei Maßstäblichkeit und Glaubwürdigkeit von Modellbahnanlagen
Moritz Gretzschel
Den meisten Modellbahnern geht es darum, ein glaubwürdiges Ensemble, eine "Welt im Kleinen" zu schaffen. Dazu trägt eine geeignete Maßstäblichkeit bei, wie die eine gute Detaillierung erlaubende häufigste Baugröße HO (1:87). Vor allem aber muß die Modellanlage in sich ausgewogen und stimmig sein - egal, ob es sich um eine fiktive oder ob um eine Nachbau-Situation handelt. Der ohnehin zur Verdichtung gezwungene Modellbauer sollte wie ein Maler, das Typische der Topographien herausarbeiten, um Atmosphäre zu kondensieren. Dabei gibt es natürlich verschiedene stilistische Gestaltungsmöglichkeiten. Denn für den Autor steht fest: "Eisenbahn-Modellbau ist eine Kunstform"!
Die Sims
Andreas Denk
Beim Computerspiel "Die Sims" stellt sich dem Spieler die Aufgabe, eine Familie in einem Eigenheim zu einem harmonischen Miteinander zu führen. Gegeben sind individuelle Charaktere, die sich im Privatleben, im Beruf und in der Nachbarschaft bewähren müssen. Neben den Verrichtungen des täglichen Lebens gilt es, die Familie, den Ausbau des Heims, soziale Kontakte und beruflichen Aufstieg zu planen, um ein möglichst komfortables Leben zu führen. Dem harmonischen Leben im amerikanischen Kleinstadtidyll, das die Spieleentwerfer unter anderem nach Regeln der "Pattern Language" von Christopher Alexander entworfen haben, können indes Charaktereigenschaften, Seelenkrisen, Hausbrände, böse Nachbarn oder einfach die fristlose Kündigung entgegenstehen: Die tamagotchi-artigen Wesen fordern so viel Aufmerksamkeit, daß schließlich der Spieler selbst zum Teil der miniaturisierten Lebenswelt der "Sims" werden kann.
Das Gute, das Böse + das Häßliche
Das Selbstversorger-Camp des Joep van Lieshout
Peter Hoefnagels
Der Autor beschreibt anhand einiger Zeichnungen des Künstlers Joep van Lieshout dessen Selbstversorger-Camp, das unter anderem eine "Waffen- und Bomberwerkstatt" integriert. Das Camp-Kunstwerk ist - wie die Waffen zeigen - primär an Fragen der Unabhängigkeit, des Überlebens, des "Survival of the fittest" interessiert und legt den Schluß nahe: "Selbstverteidigung ist die ultimative Form von Selbstversorgung." Das Camp erscheint als Spiegel gesellschaftspolitischer Entwicklungen. Auf der Straße herrscht das "Unrecht des Stärksten", die Polizei greift immer weniger ein, die Politik schleicht sich aus der Verantwortung, und die Beamten werden zur Vierten Gewalt im Staat. Bei van Lieshouts künstlerischer Vision handelt es sich um einen "Warnschuß"; sie ist der "Vorbote einer Gewaltspirale", wenn nicht die Obrigkeit beginnt, das allgemein menschliche Anliegen des Künstlers ernst zu nehmen.
Zusammenfassung: Martin Seidel und Andreas Denk
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