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Heft 8 / 2001
Grenzgänge
inhalt
Der Leichnam als Modell des Lebens
Anna Bergmann
Die Autorin zeigt auf, wie das Merkmal früherer Hinrichtungsrituale, nämlich die Reinigung vom Tod, auch auf die rituelle Leichenzergliederung im Anatomischen Theater übertragen wurde. Vor dem Hintergrund vieler Erfahrungen des Massensterbens war das Anatomische Theater eine Mischung aus rational operierender Medizin, praktizierter Angstverdrängung und religiös begründetem Opferritual. Nichtsdestotrotz wurde das Anatomische Theater zum Vorläufer der empirisch begründeten modernen Medizin und machte den Leichnam zum Modell des Lebens.
Feuerwände
Elisabeth Blum
Elisabeth Blum beschreibt an Magnus Wallins auf der Biennale präsentierten Stadtvideo „Exit“ aus dem Jahre 1997 das groteske Verhältnis zwischen den gehbehinderten Figuren und den perfekt inszenierten Stadträumen. Gerade vor dem Hintergrund der Biotechnologie und unseres immer anspruchsvoller werdenden Körperbildes ist das von Wallin entworfene Ambiente nicht mehr – wie etwa in den Utopien eines Bruno Taut – eine hoffnungsfroh stimmende „gesetzgebende“ Instanz. Vielmehr geraten hier Architektur und Urbanistik zu gefährlichen Vollstreckern fremdbestimmter Interessen und letztlich leib- und lebensfeindlicher Konzepte.
Wunschmaschinen, oder: Die Neuerfindung der Natur
Arie Graafland
Graafland setzt sich mit Koolhaas' Beschreibung des 1931 fertiggestellten “Down Town Athletic Club”-Wolkenkratzer im Geschäftsviertel von Manhattan auseinander. Das Innenleben dieses exklusiven Sportclubs vergleicht Rem Koolhaas in "Delirious New York" mit einer Junggesellenmaschine. Besonders aufschlußreich erscheint ihm das Gebäudekonzept, insofern in der siebzehnten Etage mit Dachgarten und Dance Floor – sozusagen als Verheißung – Frauen zugelassen sind, während die darunterliegenden Etagen den Männern und deren Bewegungsübungen vorbehalten bleiben. Ähnlich Deleuze und Guattari, die den autoerotischen Charakter der Junggesellenmaschine herausgestellt haben, stellt Koolhaas fest: "Das DAC ist eine Maschine für metropolitane Junggesellen, deren ultimative 'Spitzen'-Kondition sie bereits auf ein Niveau jenseits fruchtbarer Bräute gehievt hat."
Grenzgänge: Erkundungen zum Verhältnis von Körper und Raum
Karin Wilhelm
Ähnlich wie Otto Wagners 1898 in Wien auf der Jubiläumsausstellung präsentierte gläserne Badewanne gleichzeitig einen erotischen Tabubruch und ein funktional begründetes Hygieneprogramm darstellte, so schafft auch die Architektur der Moderne dem Körper des „neuen“ Menschen des 20. Jahrhunderts Raum. Die Architektur als Körper- und Raumgestaltung war in den Diskursen der Moderne immer wesentlich bestimmt von meist naturwissenschaftlich-biologisch begründeten Körper-Vorstellungen und Körper-Definitionen. Heute scheint das biowissenschaftliche Modell des lebendigen Körpers als Autopoiesis (Humberto Maturana) an die Stelle der phänomenologisch, subjektorientierten Körpererfahrung der klassischen Moderne zu treten. Von daher ist es – so die Autorin – „dringend geboten, die Frage nach den Grenzlinien zwischen lebendigen und künstlichen Körpern neuerlich zu stellen.“ Da die Körpermetaphorik in der Architektur also wieder Konjunktur verzeichnet und die Frage des Wohnens in der Zukunft auch von solchen Analysen abhängen wird, sollte gefragt werden, was mit solchen neuerlichen „Grenzgängen“ erreicht werden soll und welche historischen Wurzeln ihnen zugrundeliegen.
Architektur - Manifestation des In-der-Welt-Seins?
Elisabeth List
Nach Aufassung der Autorin ist es fraglich, ob Architektur unter den gegebenen technischen und industriellen Produktionsbedingungen „eine Chance hat, tatsächlich zu einer genuinen Manifestation des In-der-Welt-Seins zu werden.“ Denn eine „In-der-Welt“ befindliche Architektur realisiert sich nur in lebendigen, von Auseinandersetzungen und den ihn besetzenden Subjekten geprägten Räumen. Was hingegen in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten enstand, war weniger Ausdruck „unsere Welt“ als vielmehr oft nur Ausdruck von Machtinteressen. Heute wiederum folgt die Architektur den Geboten der Globalsierung und ihrer Verflechtung von politischen, ökonomischen und technischen Entwicklungen. Insofern stellt sich die Frage, inwieweit die „Welt der späten Moderne ... Ort für unser ‘In-der-Welt-Sein’ sein kann“. Die Wiederentdeckung des Körpers ist eine Gegenbewegung zur politischen und technogenen Enteignung des Körpers. Um Raum fürs Tätigsein, für politisches Handeln, für neue Form des Wirtschaftens und für eine Ökologie des Raums sowie schließlich für eine Theorie und Praxis der Architektur zu schaffen, müssen - so die Autorin – Grenzen gesetzt werden, und zwar durch die Neuerfindung von Öffentlichkeit im Raum des Lokalen, das der Globalisierung als dem „Totalwerden der Kontrollen von Räumen im planetarischen Maßstab“ entgegenzusetzen ist.
Animierte Andere
Peter Mörtenböck
In seinem Beitrag zur Architektur und der digitalen Produktion des Lebens fragt Mörtenböck nach dem Hintergrund der „Neuverhandlung“ des menschlichen Körpers und der Überwindung seiner Stigmata im Rahmen animierter Architektur. Parallel zur Ablösung des Cyborg-Körpers als Paradigma des Mensch-Maschine-Hybrids der 80er Jahre durch organischere und amorphere Formen um die Jahrtausendwende erweist sich Architektur heute – etwa in den Schilderungen Greg Lynns oder in einigen konkreten Bauprojekten – als anpassungs-, überlebens- und evolutionsfähiger. Computergenierte Räume beinhalten zwar kein Leben, doch baut Architektur „über den Prozeß der Auslagerung des Lebens aus dem eigenen menschlichen Körper eine geheime, monströse Beziehung zum Leben auf.“
Körperstoffliche Angelegenheiten
Greg Lynn
Angesichts des Umstands, daß das Gesamtkonzept der Architektur seit Vitruv auf Modellen einheitlicher (Bau)Körper und geschlossener Systeme basiert, erläutert Lynn die Relevanz "körperstofflicher Angelegenheiten" bei der Neuformulierung einer architektonischen Gesamtordnung. Die Anerkennung der Grundmaterie, wie Lynn sich ausdrückt, muß keineswegs zu einer Auflösung des Körpers führen; vielmehr wird so eine offenere und dynamischere Definition dessen möglich, was die tektonische Komposition ausmacht. Da die Architektur gefordert ist, "städtische Räume zu schaffen, die eine Vielzahl verschiedener Bewegungen ermöglichen", sind für die neue, vom Computer zu bewerkstelligende architektonische Gestaltbildung die Faktoren Zeitlichkeit und Bewegung bestimmend. So entstehen komplexe, örtliche Richtkräfte synthetisierende, wechselseitig zusammenhängende amorphe Körper-Gebilde, deren fließend-bewegliche Un-Gestalt Resultat der raum-zeitlichen Situation der betreffenden Örtlichkeit ist.
Die zweite Haut
Dieter Bogner
Bogner befaßt sich in seinem Beitrag mit dem österreichisch-amerikanischen Architekten und Künstler, Friedrich Kiesler, der in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine holistische Gestaltungstheorie entwickelte. Diese "correalistische" Theorie war weniger auf Schönheit, Dauerhaftigkeit, Praktikabilität und niedrige Kosten als vielmehr auf das menschliche Wohlbefinden ausgerichtet und ging deshalb von der Bedingtheit des Menschen in komplexen, physischen, psychischen, sozialen, aber auch mystischen und magischen Zusammenhängen aus. Die Methode dieser Theorie war die Biotechnique. Ausdruck dieser auf der Vernetzung materieller, physischer, geistiger und sozialer Faktoren beruhenden Totalgestaltung waren etwa multifunktionale Möbel, die schwebende "Raumstadt" oder Kieslers als "lebender Organismus" und "Haut des menschlichen Körpers" begriffenes Endless House.
Perfect Bodies
Günter Amendt
Amendt beschreibt das Körperideal der Technoszene. So wie Ecstasy eine Körperdroge ist, sind Technoparties Körpereinsatz und die Techno-Bewegung ein einziger narzißtischer und mit den herrschenden Schönheitsidealen konform gehender Körperkult. Die hektische Suche nach Körpersensation, die für die neunziger Jahre so charakteristisch ist wie das Ziel der Bewußtseinserweiterung für die sechziger Jahre, deutet Amendt als Ausdruck eines Erlebnis- und Erfahrungsdefizits eines infolge veränderter Produktionsbedingungen immer weniger beanspruchten Körpers. Wegen der ansonsten allgemein beklagten Bewegungsarmut großer Bevölkerungsteile wird diesem exaltierten, nur durch Drogen ermöglichten Bewegungsdrang weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Bleibt für die Krankenkassen nur zu fragen, "ob sich diese Dopingpraxis am Ende versicherungstechnisch rechnet." Trotz prinzipieller Offenheit und Toleranz sind der Technoszene als Massenbewegung vom Freizeitbedarf und der hoch angesiedelten Körperästhetik her allerdings Grenzen gesetzt.
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