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Deutsches Architektur Zentrum



Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
Heft 9 / 2000
Zwei Hemisphären


inhalt


Zwei Hemisphären
Günter Pfeifer

Die verschiedenen Methoden, etwa mit Skizzen Ideen aufzufinden und zu einer architektonischen Gestalt zu überführen, entspringen dem Glauben, daß es noch eine andere Welt als die der Kognition gibt. Der architektonische Entwurf als künstlerische Disziplin kann mit “wildem Denken” (Levi Strauss) entwickelt werden, das als Metapher für einen intuitiv-emotionalen Vorgang steht, der nichts mit einem Denkvorgang im kognitiven Sinn zu tun hat. Die Wirklichkeit innerhalb des architektonischen Entwicklungsprozesses ist keine neutrale, sondern ein Konstrukt der Wahrnehmung, der Psyche des Entwerfenden.

Die Stärke des menschlichen Gehirns
Detlef B. Linke

Kreativität kann nicht einer bestimmten Hirnhälfte zugeordnet werden. Die stärkere Verteilung sprachlicher und bildlicher Funktionen auf beide Hirnhälften, wie sie bei den meisten Linkshändern festzustellen ist, bietet jedenfalls “eine erhebliche Chance für neue kreative Arrangements kognitiver Leistungen”. Die wechselnden bildlichen und sprachlichen Codes der Neuen Medien finden möglicherweise nicht immer eine eindeutige Zuordnung hinsichtlich der internen sprachlich symbolischen und räumlich bildlichen Codes, so daß bisweilen sprachlich aktivierte Regionen mit Bildern umgehen müssen und bildlich aktivierte Regionen mit Sprache. Das könnte langfristig zu einem Bias hinsichtlich der Bilateralisierung von Hirnfunktionen führen und bietet eminente “Chancen für kognitive Neuentwürfe”.

Unsere Lieblingsseiten
Daniela Sellner

Jeder Mensch hat seine Lieblingsseiten, beispielsweise das Ohr beim Telefonieren, die Hand beim Schreiben und der Fuß beim Abspringen. Diese Lieblingsseite ist meist angeboren. Wir wissen, daß es zwei Gehirnhälften gibt, die nur augenscheinlich gleich aussehen. Im Alltag bemerken wir nicht, daß jede Hälfte für bestimmte Aufgaben besser geeignet ist als die andere. Kommt es jedoch zum Ausfall, beispielsweise durch einen Schlaganfall, wird erst teilweise klar, welche Seite für welche Funktion zuständig ist. Neurologen, Neuro- und Kognitionspsychologen ziehen Rückschlüsse von diesen Ausfallerscheinungen auf verletzte Hirnareale und deren „normale“ Funktionen.

Hemisphärenasymmetrien bei der Verarbeitung
räumlich möglicher und räumlich unmöglicher Figuren

Claudia Goertz und Ralf Goertz

Die Autoren stellen fest, daß bei Wahrnehmung von räumlich möglichen und räumlich unmöglichen Figuren (wie denen von M.C. Escher) der rechten Hemisphäre eine besondere Bedeutung zukommt. Diese rechtsseitige Hirnasymmetrie wird etwa dann manifest, wenn der Räumlichkeitsaspekt dieser Figuren beurteilt werden soll. Bei anderen Untersuchungsschwerpunkten offenbaren sich andere Hemissphärenunterschiede. Die Besonderheit des - innerhalb von hundert Millisekunden stattfindenden - Erkennens der räumlichen Unmöglichkeit der Figuren liegt im Prozeß der Weiterentwicklung der zweidimensionalen Darstellung hin zur dreidimensionalen Vorstellung im Gehirn. Ansonsten ist die Theorielage über Hemisphärenasymmetrien bei der Vorstellung insbesondere unmöglicher dreidimensionaler Figuren weitgehend unklar, so daß weiterhin Forschungsbedarf besteht.

Räumliches Hören
Frank Baumgart

Der auditorische und der visuelle Kortex, also die Teile unserer Großhirnrinde, die Gehörtes und Gesehens verarbeiten, sind fast gleich groß, unterscheiden sich jedoch in ihrem gesamten Aufbau, in der Versorgung und Eingangsinformationen sowie in der Verschaltung und Aufgabenaufteilung zwischen den Hemisphären ganz erheblich. Das Auge liefert bereits ein vollständiges und fertiges zweidimensionales Bild, die Ohren liefern nur Frequenz und Amplitude als Information ans Gehirn. Das räumliche Hören gelingt dem auditorischen System über die Auswertung der sehr geringen Unterschiede in Lautstärke und Phasengang der Schallwellen an den beiden Ohren. Neurobiologische Forschungen belegen, daß das auditorische System aus sehr wenig Eingangsinformationen in fantastischer Weise einen vollständigen akustischen Raum erzeugen. Dabei arbeiten beide Hemisphären bis bisher nur mäßig verstandener Weise intensiv zusammen. Die rechte Hemisphäre interessiert sich wahrscheinlich für kontinuierliche Änderungen, beispielsweise im Raum oder der Frequenz, die linke Hemisphäre scheint zeitliche Codes wie Rhythmen oder Transienten der Sprache zu bevorzugen.

Kunst oder Wissenschaft?
W. Max Kirk / Don Mulligan

Kirk und Mulligan berichten über 1986 an der Arizona State University eingeführte Seminare, in denen Studenten der Baukonstruktionslehre mit Hilfe bestimmter Zeichenübungen die in ihrem Fach traditionell vernachlässigte rechten Hirnhälfte trainieren sollten. Trotz des Erfolgs dieser Übungen bei den Studenten (70 Prozent der Studenten machten klare Fortschritte) wurde das Programm aufgrund mangelnder Akzeptanz seitens vieler Ausbilder eingestellt. Angesichts abnehmender Kreativität und wachsender beruflicher Anforderungen im Bauwesen empfehlen die Autoren aber, das Potential des Rechtshirns durch gezieltes Training zu stärken.

Schnittstellen-Diagramme
Tim Adams

Der Text befaßt sich mit dem Einfluß, den Deleuze und Guattaris Diagramm-Konzept auf die zeitgenössische Architektur und Architekturtheorie ausübt. Deleuze und Guattari (“Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie”) haben ihre Vorstellung des Diagramms von C.S. Peirce übernommen und zu einem sämtliche semiotischen Systeme sprengenden “asignifikanten” Schnittstellen-Diagramm weiterentwickelt. Der Autor ist der Aufassung, daß Deleuze und Guattaris Diagramm-Interpretation das beste Mittel ist, den gegenwärtigen Zustand der Architektur zu erfassen.

Architekt BDA
Stephan Strauss im Gespräch mit Harald Deilmann

In der Serie "Architekt BDA" wird das Lebenswerk von Architekten vorgestellt, die sich, inzwischen in den siebzigern befindend, um die Baukunst in besonderer Weise verdient gemacht haben. Harald Deilmann begann sein Studium noch in der Lageruniversität des POW Camp in Kansas/USA. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1946 ging er an die TH Stuttgart, wo er 1948 das Diplom erhielt. 1950 arbeitete er mit den Architekten von Hausen, Rave und Ruhnaus im „Architektenteam“ zusammen am Wettbewerb um das Theater in Münster. Sie erhielten für ihr „klassenloses Theater“ den 1. Preis und bauten es auch. Stephan Strauß fragte Harald Deilmann nach seiner Prägung, seiner Ausbildung, nach seinen Lehrern und Vorbildern. Weitere Gesprächspunkte sind der Weg in die Selbständigkeit, der eigene Entwurfsansatz und die wichtigsten Projekte.

Planung und Ausführung: Kombination von Funktionsgläsern
Dieter Balkow

Mit seiner Eigenschaft der Transparenz ermöglicht Glas durch die vielen weiterverarbeiteten Produkte eine fast unbegrenzte Anwendung und kann als Baustoff universell eingesetzt werden. Im Zusammenhang mit der rapiden Entwicklung der Weiterverarbeitung und den zunehmenden Anwendungsmöglichkeiten ist jedoch unabdingbar, die physikalischen Eigenschaften weiter zu erforschen und die Grenzen für jede Glasart und deren Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Materialien für den jeweiligen Anwendungsfall auszuloten. Der Autor gibt einen umfassenden Überblick über zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten und deren Voraussetzungen.

Zusammenfassung: Alice Sárosi und Martin Seidel
Übersetzung: David Bean
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