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Bund Deutscher Architekten

Deutsches Architektur Zentrum



Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
Heft 9 / 2001
RO-MA


inhalt


Mario Ridolfi, Wolfgang Frankel, Mario Fiorentini u.a.:
Quartiere Africano und Via Etiopia (1949 - 1960)

Joachim Huber

Das kürzlich sanierte Quartiere ist ein Exponent des architektonischen Neorealismo. Charakteristisch für das in drei Phasen erbaute kleinbürgerliche Viertel sind die Materialien, der Umgang mit dem öffentlichen Raum, die exponierte städtebauliche Lage an der Autobahn sowie im Falle der Siedlung an der Viale Etiopia die ungewöhnliche Andeutung schräger Dächer. Das städtebauliche Moment der Drehung aus der Straßenachse, das sich in allen drei Phasen findet, geht zurück auf Massimo Piacentinis, vom sogenannten „Barocchetto“ geprägten Gartenstadtprojekt Garbatella mit seinen ausgeprägten Räumen zwischen den Baukörpern. Mit den Blindfenstern weist das Viertel ein zweites „barockes“ Element auf. In den Bauten der zweiten Phase hält sich Fiorentino typologisch und formal an die Gebäude von Ridolfi/Frankel, doch gerät bei ihm alles rauher, radikaler und aus heutiger Sicht auch aktueller. Allerdings sind die außenräumlichen Zwischenzone für eine Nutzung zu klein und – wie schon bei Ridolfi/Frankel – fehlen in der Sockelzone Läden und somit die Vitalität römischer Straßen. Generell leidet das Quartier am seiner Lage und muß zudem als Opfer der gescheiterten römischen Verkehrsplanung betrachtet werden.

Luigi Moretti: INCIS-Siedlung in Decima (1962-66)
Steffen Ahl

Der Autor zählt die an der südlichen Peripherie Roms gelegene Großsiedlung zu den zu den „glücklichen, wenngleich nur episodischen Beispielen eines der lokalen Typik angepaßten, humanen und dennoch dezidiert modernen Städtebaus“. Die Siedlung in Decima wurde von der „Wohnungsbaugesellschaft für mittelständische Angestellte und Staatsbeamte“ INCIS als Wohnstätte für 7500 Angestellte und Beamte der nahegelegen Trabenatenstadt EUR geplant. Mit Adalberto Libera und Luigi Moretti entschieden sich die Verantwortlichen für Architekten, deren Entwurfshaltung der Bewegung für organisches Bauen (APAO) verpflichtet war. Das Ideal war nicht länger die Kleinstadtidylle und das Planungsvorbild nicht mehr die historische Altstadt, vielmehr rückten die städtischen Peripherien ins Blickfeld. Moretti gilt als einer der wenigen römischen Architekten, die konsequent der rationalistischen Schule verhaftet bleiben. Dennoch verlor sich in der Nachkriegszeit allmählich die totale Strenge, die Elemente wurden spielerischer, weicher und haptischer. Morettis INCIS-Siedlung in Decima mit ihren vier- bis fünfgeschossigen Riegelbauten auf Piloten greift in der formal-ästhetischen Durchdringung Grundsätze der Charta von Athen auf, überwindet aber deren Raumnachteile, indem sie einer organischen Gesamtkomposition verpflichtet ist, die bebaute und unbebaute Bereiche durch ein „durchgehendes, horizontales Fluidum“ verbindet. Da trotz der hohen Qualität der Außenräume die Ansiedlung des Landschaftsraums in der „leeren“ Siedlungsmitte psychologisch als nachteilig empfunden wurde, wurde das Quartier nachträglich um eine baulich oder funktionell artiklulierte Mitte ergänzt.

Mario Fiorentino: Quartiere San Basilio (1951- 1954)
Luca Molinari

Mit seinen „Nachbarschaftseinheiten“ der Wohnblöcke, seiner traditionellen Detailierung und der lebhaften „skandinavischen“ Farbgestaltung nimmt sich Mario Fiorentinos Quartiere San Basilio an der nördlichen Peripherie Roms heute wie ein „Schmuckstück neorealistischer Intimität“ aus. Daß sich diese, die materiellen, moralischen und kulturellen Bedürfnissen des einfachen Volkes bedenkende Siedlung so ursprünglich erhalten hat, ist dem Umstand zu verdanken, daß der experimentelle Charakter der Siedlung mit seiner Projektierung offener Flächen und privaten Wohnraums bei den Bewohnern zu einem Prozeß der Anpassung und Anverwandlung sowie zu einem unverhofften Erhaltungswillen geführt hat. Stilistisch fügt sich San Basilio in jene Etappe der italienischen Nachkriegsarchitektur, die den razionalismo der Vorkriegszeit mit den organischen Experimenten der APAO-Bewegung und mit Ridolfis Ringen mit der architektonische Tradition versöhnt.

Lucio Passarelli u.a.: Quartiere Vigne Nuove (1971-79)
Steffen Krämer

Das von einem Architektenkollektiv unter Lucio Passarelli errichtete Quartiere Vigne Nuove im Norden Roms gehört neben den Großsiedlungen Corviale und Laurentino zu dem kommunalen Urbanisierungsprojekt Ende der sechziger Jahre, das die Aufwertung der urbanen Peripherie innerhalb der Stadtregion zum Ziel hatte. Dabei sollten die Außenbereiche der Stadt systematisiert und zu einem geschlossenen Großraum zusammengeschlossen werden. Ziel war nicht mehr – wie noch in der ersten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – der räumlich entflechtete und durchgrünte Wohnungsbau, sondern Urbanität durch Dichte. Auf einer nur acht Hektar großen Fläche wurden für 3330 Bewohner 524 Wohneinheiten in sieben- bis achtgeschossigen Zeilenbauten errichtet, wobei an die Stelle grüner Freiflächen ein öffentliches Straßennetz trat. Die Bedürfnisse der Bewohner wurden städtebaulichen Prinzipien untergeordnet, die soziale Komponente sträflich vernachlässigt. Auch sind die zunächst geplanten öffentlichen Einrichtungen in diesem verkehrstechnisch isolierten Viertel nur zu einem geringen Maß verwirklicht worden, oder sie stehen leer. Die damals gepriesene „städtische Lebensweise“ konnte sich nicht etablieren. Fazit: „Die urbane und verdichtete Stadt als Modellvorstellung ... hat sich aus heutiger Sicht keinesfalls bewährt.“

Vittorio Cafiero, Adalberto Libera u.a.: Villaggio Olimpico 1958 - 1960
Alberto Alessi

Von vornherein stand fest, daß das von Cafiero, Libera, Luccichenti, Monaco und Moretti auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz errichtete Villaggio Olimpico nach den Spielen etwa 10.000 Menschen, die im Zentrum Roms arbeiten, als Wohnstätte dienen sollte. Ziel war vor allem, würdevolle Orte für ein gemeinschaftliches Leben zu schaffen und aus dem vollständig auf Pfeilern gebauten und von großflächigen Grünanlagen umgebenen Athletendorf ein neues römisches Viertel zu machen.

Saverio Muratori Mario, De Renzi, Adalberto Libera:
Tusculano 1950-1954

Simon Hubacher

Tusculano im Süden Roms ist mit 12.500 Einwohnern das größte der Projekte des staatlich geförderten Wohnungsbaus, die zur sozialen Stabilisierung der verarmten Landbevölkerung und Arbeiterschaft beitragen sollten. Mit Tiburtino ist es ein als Sinnbild der „soziokulturellen und der baulichen Kolonialisierung der römischen Vorstadt“. Im Unterschied zu den Ansätzen von Quaroni, Ridolfi oder Fiorentino geht es hier nicht darum, ländlichen Identitäten und städtischen Lebensweisen einen baulichen Ausdruck zu verleihen, sondern um den Versuch, das „Szenario der Beglückung und Verbürgerlichung der Arbeiterschaft in eigenständige Gebäudegestalten zu übersetzen“. Dabei bilden die einzelnen Gebäudetypen jeweils eigenständige soziale Gebilde. Liberas neuerdings in eine gated community gewandelte „Unità d’abitazione orrizontale“ ist für Hubacher „bis heute ein Prototyp für familienfreundliche, autofreie, generationenoffene Stadt-Versatzstücke“.

Ludovico Quaroni: Quartiere Casilino (1964 bis in die Siebziger)
Paolo Scrivano

Das für mehr als 12.000 Einwohner auf einem knapp 50 Hektar großen Grundstück von der Stadt Rom in Auftrag gegebene Quartiere Casilino ist eines der ersten Projekte nach der Verabschiedung des Gesetzes 167, das Großkommunen die Ausweisung größerer Stadtdomämen für Sozialwohnungen erlaubte. Seit Ende der 50er Jahre zeichnete sich bei Quaroni eine neue Orientierung ab: So wandte er sich von den städtebaulichen Prinzipien einer eher dörflich anmutenden Bebauung ab und einfachen Baukörpern und einer strengeren Formalisierung zu. Casilino ist ein Exempel der Tendenz der sechziger Jahre zum town design. Das Gesamtkonzept und die nüchterne Formgebung basieren – so Scrivano – auf Quaronis „Einschätzung eines wachsenden Stellenwerts sozialer Architektur in einer Konsumgesellschaft“ und zeugt von dem in Italien erwachenden Sinn für die Bestrebungen des Internationalen Stils.

Mario Ridolfi und Ludovico Quaroni: Quartiere Tiburtino (1950-1954)
Vittorio Magnago-Lampugnani

Für das relativ kleine, etwa neun Hektar große Quartiere Tiburtino mit seinen etwa 900 Wohnungen war ein vielköpfiges Planungsteam unter Ridolfi und Quaroni verantwortlich. Der städtebauliche Plan zeigt eine „pittoresk arrangierte, introvertierte Anlage“ in der Tradition des englischen und skandinavischen Neoempirismus und von Camillo Sitte sowie auch den Einfluß harmonischer dörflicher Einheiten, die Quaroni in Indien gesehen hatte. War es das Ziel, mit Tiburtino eine von größtmöglicher architektonischer Vielfalt geprägte „Oase friedlichen Zusammenlebens und einen identitätsstiftenden Ort zu schaffen“, so wurden die Gebote des rationalistischen Funktionalismus nicht ignoriert. Der Gesamteindruck heute ist zwiespältig: So evoziert die scheinbar unregelmäßige Bebauung zwar den Mythos der spontan gewachsenen Agglomeration, tatsächlich folgt sie einem einem artifiziellen neo-barocken Regelwerk. Auch erweist sich die Imitation der einfachen Häuser der römischen Campagna samt ihrem Verweisungshorizont als naive Utopie, auch wenn die Siedlung von ihren Bewohnern durchaus angenommen wurde.

Der Mythos der Wahrheit
Vittorio Magnago Lampugnani

Lampugnani skizziert die Entwicklung des italienischen Städtebaus der Nachkriegszeit. Zu den antagonistischen Gruppierungen der accademici um Marcello Piacentini und den razionalisti gesellte sich nach 1945 die „Associazione per l’Architettura Organica“ (APAO) um Bruno Zevi. Als Gegenentwurf zum staatsverherrlichenden Monumentalismus der Vergangenheit postulierte sie – ohne wirklichen Erfolg – eine Architektur für die neue demokratischen Bevölkerung. Auch das 1946 von Calcaprina, Cardelli, Fiorentino und Ridolfi herausgegebene Manuale dell’architetto ist ein Manifest der neuen architektonischen Bescheidenheit, das – jenseits der Forderung nach großer Architektur – die Anliegen von regionalem Bauen, funktionalistischem Rationalismus und behutsamer Industrialisierung synthetisiert. Ein weiterer Entwicklungsschritt war 1949 die Gründung der bis 1963 existierenden INA-Casa für staatlich subventionierten Wohnungsbau, mit der die Wohnungsnot der Nachkriegszeit gelindert und Arbeitsplätze für die aus Süditalien kommenden ungelernten Arbeitslosen geschaffen werden sollten. Diese Ziele brachten es mit sich, daß die INA-Casa arbeitsintensive, das heißt traditionelle Bauweisen bevorzugte. Die praktischen, ideologischen und kulturellen Richtlinien ihres Bauprogramms formulierte die INA-Casa 1949 und 1950 in zwei Normenbändchen.
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