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Deutsches Architektur Zentrum



Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin
Heft 9 / 2002
Architektur der Lebensnähe


inhalt


Präambel: Nach uns die Sintflut?

Das Bauen der Gegenwart ist geprägt durch einen inflationären Umgang mit Raum und Zeit. Der Reichtum westlicher Gesellschaften drückt sich in einem immer größeren Flächen-, Material- und Energiebedarf pro Kopf aus, der im Widerspruch zu allen Erkenntnissen über das Ende der Ressourcen und unserer Verantwortung gegenüber kommenden Generationen steht.

Die immense Beschleunigung technischer Entwicklungen, aber auch die immer geringere Halbwertszeit von Architekturtheorien, Geschmacksurteilen und Moden führt zu einer kaum mehr nachvollziehbaren zeitlichen und räumlichen Abfolge von qualitativ höchst unterschiedlichen Bauquantitäten in unseren Städten.

Die thematisch richtig gesetzten Postulate der Moderne nach einer zweckbezogenen Architektur, die soziale und auch ästhetisch hinreichende Lebens- und Wohnbedingungen erfüllt, sind bislang nur in seltenen Fällen mit den neuen Erfordernissen von Ökologie und global-gesellschaftlicher Bescheidung in Einklang ggebracht worden: Die Kluft zwischen Anspruch und Notwendigkeit, zwischen tatsächlichem Bedarf und ausuferndem Angebot an Flächen, architektonischen Auffassungen und „Stilen“ läßt die Entwicklung von Stadt und Architektur - inzwischen sogar theoretisch fundamentiert - in sinnloser Beliebigkeit enden. Angesichts der im Kern immer noch postmodernen Anverwandlung von Bauformen der zwanziger Jahre, solipsistischer blob-Architektur und dem Fassadismus der Metropolen, zwischen orthodoxem ökologischen Bauen und vordergründig ökologischer High-Tech-Architektur sind unsere Städte fassungslos geworden. Die Sprache, die unsere Städte zu sprechen begonnen haben, entzieht sich der allgemeinen Verständlichkeit und dem Diskurs.


Sechzehn Thesen zu Stadt und Bau

1. Jedes Bauen bedeutet immer Gesellschaftsbau.

2. Der wichtigste Lebensraum der menschlichen Gesellschaft ist die Stadt. Die Stadt ist der Ausdruck der Verfassung der menschlichen Gesellschaft. Architektur in der Stadt ist deshalb immer Städtebau.

3. Das Bauen in der Stadt ist unterschieden in allgemeine und besondere Aufgaben. Zur besseren Orientierung im urbanen Gefüge werden die Aufgaben für individuelle Zwecke einheitlich, die Aufgaben für gesamtgesellschaftliche Zwecke besonders behandelt. Diese Unterscheidung nach Aufgaben strukturiert die Stadt funktional und architektonisch.

4. Das Bauen in der Stadt dient der Unterscheidung, der Festigung und Stärkung, der Ergänzung und der Verbesserung der Stadtstruktur. Es grenzt die Stadt gegenüber dem Landschaftsraum ab, der als wichtige Ressource zu schonen ist.

5. Unsere Städte sind schon gebaut. Die Stadt ergibt sich aus Bestand und Zubau. Erste Aufgabe ist deshalb der Erhalt, die Stärkung und die Verbesserung des Bestandes. Zweite Aufgabe ist der Neubau, der den Bestand stärken, ergänzen, verbessern, umbauen, nur in gegebenen Fällen jedoch vollständig ersetzen soll. Der Neubau qualifiziert Gestalt und Orientierung in der Stadt. Ansonsten tritt an seine Stelle ein Rückbau der bestehenden Stadt zugunsten des Landschaftsraums.

6. Der Neubau passt sich soweit wie möglich dem Bestand an, um die Einheitlichkeit des Stadtbilds im Sinne seiner Lesbarkeit zu fördern. Wo immer eine Verbesserung dieser Einheitlichkeit möglich ist, greift der Neubau zugunsten dieser einheitlichen Form ein.

7. Nur Bauten für besondere gesellschaftliche Zwecke erlauben eine solitäre Bauauffassung. Sie werden zu Kristallisationspunkten und Orientierungsmarken innerhalb des Stadtgefüges. Ihre besondere Funktion für die Gesellschaft bestimmt ihre Position in der Stadt und damit wiederum die Struktur der Stadt an sich.

8. Die gesellschaftliche Funktion eines Gebäudes drückt sich in seiner architektonischen Haltung aus. Diese Haltung differenziert nicht nur zwischen individuellem und allgemeinem Bauen, sondern weist durch Habitus, Gestalt und Anmutung über seine materielle Erscheinung hinaus.

9. Der Neubau bevorzugt eine ortsgerechte, handwerkertaugliche Konstruktion, eine materialgerechte Bauweise, rezyklierbare Baustoffe, ist so weit wie möglich rückbaufähig und beschränkt sich auf einen minimalen Einsatz von material- oder energieaufwendiger Technik sowie auf Baumaterialien, die aus der Region stammen. So entsteht aus den bloßen materiellen Gegebenheiten heraus eine regionale Architektur, die das Bild der Städte voneinander unterscheidbar werden läßt.

10. Der Neubau orientiert sich am Bestand und damit an den städtebaulichen und topographischen Gegebenheiten. Die Einfügung des Neubaus in seine Umgebung wird bestimmt durch seine soziale Angemessenheit. Diese Angemessenheit drückt sich durch eine spezifische Architektur aus, die dem städtebaulichen und sozialen Umfeld entspricht.

11. Durch den Verzicht auf aufwendige technische Hilfsmittel setzt der Bau seine Benutzer und Bewohner bewußt dem Klima aus, um die menschliche Bedingtheit durch seine Umwelt zu verdeutlichen. Er exponiert sie im Innern und im Äußern den jeweiligen sozialen Gegebenheiten, um die gesellschaftliche Rückbindung des Individuums bewußt zu machen.

12. Der Bau schafft auch im Innern Raumsituationen, die durch ihre Anordnung und Ausprägung Hinweise auf ein vernunftgeprägtes und gesellschaftlich verantwortungsvolles Leben geben. Diese Raumsituationen sollen so flexibel wie möglich sein, um unterschiedliche Altersstufen und soziale Schichten aufnehmen zu können.

13. Material, Form und Gestalt eines Gebäudes weisen über die bloße materielle Existenz hinaus, wenn sie eine besondere Atmosphäre besitzen, die durch ihre räumlichen und materiellen Eigenheiten zum Tragen kommt.

14. Die Gestalt eines Gebäudes macht es als unersetzbaren Bestandteil des übergeordneten Ordnungssystems Stadt symbolhaft erkennbar, also gleichermaßen lesbar wie erlebbar.

15. Im Zusammenfall aller dieser Kriterien wird das einzelne Gebäude Symbol seiner Funktion in der Stadt. Erst die Einheit einer Vielzahl von Gebäuden mit solcher Symbolfunktion kann schließlich auch der gesamten Stadt eine symbolische Bedeutung geben, die für eine künftige Gesellschaft sinnstiftend ist.

16. Für all dies sind wir alle verantwortlich.


Andreas Denk
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